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Der Maskenbildner Mit Haut und Haar

SPIEGEL ONLINE

Monster, Schönheit, Königssohn: Aus jedem Gesicht kann Georg Herzog ein anderes zaubern. Der Maskenbildner mustert interessante Passanten in der Fußgängerzone genau. Es könnte ja mal nützlich sein, für ihn oder seine Kollegin Katharina Bondzin.

Georg Herzog ist von dieser Frage genervt: "Was macht ihr eigentlich tagsüber?" Seine Antwort: "Arbeiten." Ein Blick in den Schminkraum genügt. Auf schweren Friseurstühlen sitzen Herzogs Kollegen und knüpfen Perücken, basteln an Schnauzbärten oder suchen in Zeitschriften nach Haarschnitten oder Make-Up-Trends, während im Hintergrund klassische Musik läuft. Der ganze Raum ist voller Spiegel, von draußen dringt das Klingen von Metall herein. Die Schlosser werkeln gerade an einem monströsen Schlagzeug für die Shakespeare-Inszenierung, an der auch Herzog und seine Kollegen mitarbeiten.

Wird ein Stück entwickelt, kommen die Maskenbildner schon früh dazu. In ihrem Zuständigkeitsbereich liegt alles, was mit Gesicht, Haut und Haaren zu tun hat. Dafür besprechen sie sich mit dem Kostümbildner, der ein Konzept für die Inszenierung vorlegt.

Einen Alltag gebe es dabei für ihn nicht, sagt Herzog. Ständig ist er mit neuen Ideen und Plänen konfrontiert, muss einen Weg finden, sie umzusetzen. Deshalb läuft er immer mit professionellem Blick durch die Straßen und Fußgängerzonen. "Wenn ich einen Obdachlosen sehe, muss ich mir ausschauen, wie sein Bart gewachsen ist."

Maskenbildner Georg Herzog: "Was macht ihr eigentlich tagsüber?" Zur Großansicht
Fritz Habekuß

Maskenbildner Georg Herzog: "Was macht ihr eigentlich tagsüber?"

Auch wenn ihm Menschen direkt gegenüberstehen, hat er schon innerlich eine Checkliste abgearbeitet, noch bevor der erste Satz zu Ende gesprochen ist: Make Up, Frisur, Kontaktlinsen, Augenfarbe - alles erfasst er mit einem Blick. "Ich sehe den Menschen an und weiß, was man aus ihm machen könnte", sagt Herzog.

Seine professionelle Neugierde geht aber noch weiter. Es kommt schon mal vor, dass der Maskenbildner es ganz genau wissen will. Herzog grinst, als er sich daran erinnert, wie er eine besonders spektakuläre Frisur entdeckte: Ein toupierter, blonder Haarhelm, vor ihm auf der Rolltreppe. "Das sah aus wie ein Riesenberg Zuckerwatte, das musste ich anfassen", sagt Herzog und erzählt, wie er sich auf der Rolltreppe nach vorne schob und in die Frisur griff. Die Dame bemerkte nichts.

"Dann sah ich diese Glatze - und habe mich fremdgeschämt"

Manchmal nerve sein Beruf auch, sagt er, und erzählt von einer berührenden Szene aus dem Film "Philadelphia". "Ich saß im Kino, Tom Hanks hatte Aids im Endstadium und längst seine Haare verloren. Die Musik war sehr emotional in dem Moment, als er sich umdrehte. Und dann sah ich diese Glatze! Die war so schlecht gemacht, da habe ich mich fremdgeschämt."

Dabei sind Frisuren das A und O für einen Maskenbildner, sie sind ein entscheidendes Element, will man aus einem Schauspieler einen König, Obdachlosen oder Terroristen machen. Der normale Zugang zum Beruf des Maskenbildners führt daher auch über eine dreijährige Friseursausbildung, auf die noch mal drei Jahre Ausbildungszeit kommen.

Nach dieser Zeit können die fertig ausgebildeten Maskenbildner Perücken knüpfen, Silikonmasken anfertigen, Schnauzbärte auspassen oder Wunden täuschend echt aussehen lassen. "Wir sind nicht nur diejenigen, die die Schauspieler abends schön anmalen", sagt Herzog.

Spannung während der Aufführung

Als Leiter der Abteilung begutachtet er die Arbeit der Kollegen und gibt letzte Tipps. Bei Katharina Bondzin (siehe Video oben) hat er am Abend der Hauptprobe für "Richard III." nichts zu bemängeln. Die Maskenbildnerin ist seit fünf Jahren am Schauspielhaus und klebt gerade eine Glatze, rund eine Stunde bevor die Vorstellung beginnt. Und auch wenn die Inszenierung begonnen hat, ist für Katharina Bondzin nicht Pause: Hinter der Kulissen werden Kleider angezogen, Frisuren umgesteckt und Gesichter nachgeschminkt, Bondzin steht während der Zeit unter Spannung.

In solchen Momenten ist es wichtig, genügend Fingerspitzengefühl zu haben - nicht nur beim Perückenknüpfen. "Wir kommen den Schauspielern vor und während der Vorstellung sehr nah. Das muss man aushalten können", sagt Georg Herzog. Er kann viele Geschichten von zitternden Knien und Übelkeit vor der Vorstellung erzählen. In solchen Momenten versucht Georg Herzog selbst Ruhe auszustrahlen und den Stress, der vor der Vorstellung in der Maske herrscht, vom Schauspieler fernzuhalten.

Aber Herzog und seine Kollegen sind "auch nur Menschen", wie er sagt, wenn Maskenbildner und Schauspieler sich nicht sympathisch sind, sieht beim nächsten Mal der Schminkplan anders aus. Herzog: "Jeder hat seine Lieblinge, und das ist in Ordnung so."

Steckbrief

  • Name: Georg Herzog
  • Alter: 38
  • Beruf: Maskenbildner
  • Aufgabe: Schminken, Frisieren und Beruhigen
  • Wichtigste Utensilien: Spiegel, Kamm und Pinsel

  • KarriereSPIEGEL-Autor Fritz Habekuß (Jahrgang 1990) studiert Wissenschaftsjournalismus, Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und arbeitet als freier Journalist.

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