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Der Theatermaler Meister der Illusion

Theatermaler: Arbeitsplatz mit Galerie Fotos
Fritz Habekuß

Marcus Loer macht aus einer Leinwand ein Gutshaus, einen englischen Landschaftspark oder eine antike Statue. Was er dafür braucht, sind riesige Leinwände, Pinsel und Farben. Und gutes Verkaufsgeschick - am Ende muss seine Arbeit den Bühnenbildner überzeugen.

Im Malsaal des Schauspielhauses Bochum läuft die Stereoanlage, ein paar Gitarren schrammeln vor sich hin. Theatermaler Marcus Loer, weite Jeans, blaues T-Shirt und Dreitagebart, hat gerade Frühstückspause. Außerdem muss der Boden trocknen. Besser gesagt: das, was einmal Boden werden soll. Denn im Moment wird die riesige Plane, die in der Mitte der Werkstatt liegt, grundiert. Später soll mit Grün- und Grautönen die Illusion von Grünspan entstehen.

Überhaupt ist die Illusion im Malsaal das zentrale Motiv: Was bisher nur im kleinen Modell des Bühnenbildners existierte, wird hier zur überlebensgroßen Theaterkulisse, egal wie verrückt und aufwendig. Für die Inszenierung von Shakespeares "König Richard III." setzt sich der Zuschauerraum bis auf die Bühne fort. Eine Stuhlreihe aus dem Parkett steht auf der Bühne, die Mahagoni-Täfelung aus dem Zuschauerraum wiederholt sich im Bühnenbild. Natürlich ohne Mahagoni-Furnier, sondern aus Pappelsperrholz, alles andere wäre zu teuer.

"Als ich das Bühnenbild zum ersten Mal im Modell gesehen habe, wusste ich, dass das ziemlich viel Arbeit wird", sagt Loer. Nach einer Reihe von Versuchen, die entweder zu teuer, zu aufwendig oder nicht nah genug an der Vorlage waren, kam er mit zwei Tricks auf die richtige Lösung. Schablone und Pinsel, beides selbst gebastelt, schaffen die perfekte Illusion: Im Licht des Zuschauerraum scheinen die Wände auf die Bühne gewachsen zu sein.

Die Bühnenmaler sind dafür zuständig, die Ideen des Bühnenbildners so weit wie möglich umzusetzen. "Meistens klappt das. Aber du muss auch von deiner Arbeit überzeugt sein und sie gut verkaufen können", sagt Loer. Er bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Wunsch und Wirklichkeit - und meist sind Geld und Zeit knapp.

Im Malsaal zeigt sich auch, welche Trends im Theater gerade kursieren. Im Moment seien Wasser und Papier bevorzugte Materialien, erzählt Loers Chefin Gudrun Schönbeck-Wach. Sie leitet den Malsaal. In einer Kommode in ihrem Büro bewahrt sie Bühnenzeichnungen aus den vierziger und fünfziger Jahren auf. Diese Relikte haben die Zeit überdauert, alles andere ist einem Feuer zum Opfer gefallen.

"Furchtbar, oder?"

Diese Bilder, die mit satten Farben gezeichnet sind, zeigen deutlich die Ästhetik der Nachkriegszeit. "Furchtbar, oder?", fragt Schönbeck-Wach und klingt dabei, als würde ihr gerade ein Schauer über den Rücken laufen. Dann schiebt sie die Schublade mit den Uralt-Entwürfen wieder zu.

Irgendwo darin liegen auch Prüfungsarbeiten von Azubis. Mehr als 100 bewerben sich auf eine Stelle. Die formale Vorgabe ist ein Realschulabschluss, tatsächlich bewerben sich aber viele Abiturienten. Mit einer absolvierten Hospitanz steigen die Chancen. 90 Prozent der Bewerbungen kommen von Frauen, Männer wie Marcus Loer sind rar.

Als Loer seine Ausbildung begann, war Theatermaler noch kein anerkannter Ausbildungsberuf, viele Männer mit handwerklichem Hintergrund kamen als Quereinsteiger. Loer sieht den steigenden Frauenanteil mit ein wenig Sorge: "Man kann sich richtig austoben, will man es positiv formulieren. Negativ gesprochen, ist der Beruf körperlich sehr anstrengend", sagt er. Ab und zu müssen er und seine Kollegen Nachtschichten schieben. "Nicht nur deswegen ist das schon 'ne harte Nummer", sagt der 45-Jährige. Dann muss er aber weitermachen - der Boden ist getrocknet und die Frühstückspause längst vorbei.

Steckbrief

  • Name: Marcus Loer
  • Alter: 45
  • Beruf: Theatermaler
  • Aufgabe: Aus Pappel-Sperrholz Mahagoni-Wände zaubern
  • Wichtigstes Utensil: Farbe, Pinsel und Ideen

  • KarriereSPIEGEL-Autor Fritz Habekuß (Jahrgang 1990) studiert Wissenschaftsjournalismus, Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und arbeitet als freier Journalist.

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insgesamt 2 Beiträge
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    Seite 1    
1. Schöner Beruf...
alexaah 26.10.2012
und schönes Theater-Special! Kompliment! Bitte aber den Nachtportier nicht vergessen! http://www.bochumschau.de/der-seltsame-herr-welt-2012.htm Hier gibt es ein interessante Reportage zum Schauspielhaus-Nachtwächter.
2. Sorgen...
mayazi 27.10.2012
[ironie]Na, zum Glück ist ja beispielsweise der Beruf der Krankenschwester ohne körperliche Belastung oder Nachtarbeit, so dass Frauen wenigstens den ausüben können. [/ironie] Herrn Loer hätte an diesem Punkt etwas mehr Nachdenken gut getan.
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