ThemaTheaterberufeRSS

Alle Artikel und Hintergründe


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Die Bühnenbildnerin Wände können sprechen

SPIEGEL ONLINE

Bochum, London, Bregenz, Glasgow: Der Terminkalender von Magda Willi ist bis zum nächsten Sommer gefüllt, Theater in ganz Europa setzen auf die Kulissen der Schweizer Bühnenbildnerin. Für ihre Modelle braucht sie nichts als Schere und Pappe - und viel Phantasie.

"Mein Beruf wäre ziemlich einfach, wenn ich ganz viel Geld zur Verfügung hätte", sagt Magda Willi, 34. Hat sie aber nicht, Geld und Zeit sind im Theater traditionell knappe Ressourcen. Also muss die Bühnenbildnerin Kompromisse finden - wie bei der Inszenierung von Shakespeares "König Richard der Dritte".

Dafür hat die gebürtige Schweizerin eine Kulisse geschaffen, die mit Ästhetik und Perspektive des Zuschauerraums spielt: Auf der Bühne hat sie drei Parkettreihen aufgestellt, mit Blick ins Publikum. Zwischen Zuschauern und Stühlen steht das Thronpodest. Die Holzvertäfelungen des Saals setzen sich bis auf die Bühne fort. Wer das Schauspielhaus Bochum nicht kennt, hält die kunstvoll verzierten Sperrholzplatten für massive Mahagoni-Wände.

Als Bühnenbildnerin arbeitet Magda Willi schon früh an der Produktion mit, zusammen mit Regisseur Roger Vontobel und Kostümbildnerin Tina Kloempken bildet sie den kreativen Kern. Mit Vontobel arbeitet sie schon seit Jahren, er gehört zu einem kleinen Kreis von Regisseuren, mit denen sie regelmäßig an Produktionen feilt. "Ein vertrauensvolles Verhältnis zum Regisseur ist sehr wichtig", sagt Willi. "Wir unterhalten uns darüber, in welche Richtung die Inszenierung gehen soll. Roger und ich verstehen und mögen uns, auch wenn er völlig anders denkt als ich."

Für Willi hat eine gute Bühne immer ein Geheimnis. "Überraschend und permeabel an den Rändern", so drückt sie es aus. Sie hat in London studiert, in der nächsten Spielzeit wird sie fest ans Berliner Maxim-Gorki-Theater wechseln. Eine Bühne stehe nie für sich allein, sagt Magda Willi. Sie sei zu allererst ein Raum, in dem die Schauspieler agieren: "Die Bühne muss etwas mit ihnen machen, sie sich groß oder klein, arm oder mächtig fühlen lassen."

Für König Richard - den wahnsinnigen Herrscher, der sich zum König hochmordet - schaute sich Willi Orte an, an denen sich Macht manifestiert: Thronsäle, Paläste, Parlamente. In ihrem Berliner Atelier entwarf sie das erste Modell, mit Schere, Pappe und viel Fingerspitzengefühl, im Maßstab 1:50.

Richard hinterm Schlagzeug

Willis Gegenpart am Theater ist der Konstrukteur Michael Friebele. Er prüft, ob die Ideen technisch umsetzbar sind, und bildet die Schnittstelle zwischen Bühnenbild und Werkstätten. Das Modell setzt er in Anweisungen um, nach denen Wände, Kronleuchter und Thronpodeste gebaut werden.

Bis es soweit ist, dauert es Monate. "Und meistens ist es dann zu teuer", sagt Willi und lacht. Dann muss sie verhandeln, auf kunstvolle Details verzichten, Abstriche machen: "Ein normaler Prozess."

In den Wochen vor der Premiere ist sie ständig auf den Proben. "Mich interessiert nicht, dass ich etwas abliefere und die anderen es dann umsetzen. Ich will gemeinsam mit den Schauspielern, dem Regisseur und den Werkstätten etwas entwickeln", sagt sie. Was Willi damit meint, zeigt sich erst zum Ende der Proben, wenn aus einzelnen Szenenfragmenten etwas Neues wird, wenn Bühne, Kostüm, Schauspieler, Requisite und Licht ein Ganzes ergeben.

Der wilde Herrscher Richard, der sich hinterm Schlagzeug verschanzt und von dort aus voller Kehle "Ins Feld!" brüllt, wird durch die Bühne erst groß. Wenn er in der Flügeltür zum Thronsaal steht, spürt man, wie er die Ahnung der Macht genießt. Und als er in seine letzte Schlacht zieht und fast alle Freunde geflohen sind, weichen auch die Kulissen und verweigern Richard den Schutz.

In diesem Moment zeigt sich am deutlichsten, was Magda Willis Bühne kann: Worte überflüssig machen.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Fritz Habekuß (Jahrgang 1990) studiert Wissenschaftsjournalismus, Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und arbeitet als freier Journalist.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Theaterberufe
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen



Fotostrecke
Requisiteurin Sonja Klisch: Schauspielhaus Bochum
Verwandte Themen


Fotostrecke
Intendant Anselm Weber: Bloß keine "Barrieren der Hochkultur"

Fotostrecke
Dramaturg Thomas Laue: Kommunikator für das Theater

Social Networks