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Die Requisiteurin Schüsse aus der Dunkelheit

Requisiteurin Sonja Klisch: Schauspielhaus Bochum Fotos
Fritz Habekuß

Was anderswo Krimskrams ist, wird auf der Theaterbühne zur Requisite. Sonja Klisch ist mit ihren Kolleginnen Herrin über Abertausende kleine und skurrile Dinge. Sie weiß, woher man Champagnerflaschen bekommt und warum ein Revolver besser schießt als eine Pistole.

Sonja Klisch ist die Frau für die Haushaltsgeräte. "Weil ich so gerne koche", sagt sie und schmunzelt kurz, bevor sie weiter will: "Kommen Sie, wir haben noch ein paar Räume vor uns." Als würden ein paar Minuten ausreichen, die riesige Masse an Kram zu überblicken, der im Requisitenfundus des Schauspielhauses lagert. Darunter eben auch Bügeleisen, Kochlöffel, Pfannen, Töpfe und "alles, was man sich vorstellen kann".

Sagt Sonja Klisch. Und sie muss es wissen. Nicht nur, weil sie im Fundus die Haushaltsgeräte verwaltet, auch weil sie seit elf Jahren am Haus arbeitet und jeden Winkel im Gewirr der vielen Regalmeter kennt.

Bei den Proben zu Shakespeares "König Richard der Dritte" lief sie in den letzten Wochen auf Hochtouren. Regisseur Vontobel pflegt einen impulsiven Regiestil, der allen Mitarbeitern viel Spontaneität abverlangt. "Da weiß man am Abend nicht, was am nächsten Tag passieren wird", erzählt Klisch.

Mit einer Stücklänge von dreieinhalb Stunden und einem Ensemble von 15 Schauspielern hatten sie und ihre Kollegen alle Hände voll zu tun. Der Requisiteur muss die Wünsche des Regisseurs und der Bühnenbildnerin erfüllen: Vodkaflaschen aus Plastik? Ein besonders Etikett auf der Weinflasche? Ein abgeschlagener Männerkopf in einer schwarzen Plastiktüte? Das gehört zum täglichen Geschäft von Sonja Klisch.

Ihre Arbeit beginnt schon während der ersten Probenphase, voll in die Produktion steigt sie aber erst ab der ersten Bühnenprobe ein. "Die Schauspieler brauchen ihre Requisiten, um in ihre Rolle zu schlüpfen", sagt Klisch, die bis zum Ende zur Premiere so einige Stunden umsonst gearbeitet haben wird. Denn der Regisseur verwirft Ideen, streicht Szenen und Requisiten.

Übel nimmt sie das nicht: "Das ist ja nicht als Abwertung meiner eigenen Arbeit gemeint. Wenn man lange an einem Bild malt, bekommt man auch plötzlich eine bessere Idee und man übermal den Rest." Man dürfe das nicht persönlich nehmen.

Einmal die Atombombe, bitte

Trotzdem stecken die Requisiteure - sechs plus Chefin sind es am Haus in Bochum - viel Liebe in ihre Arbeit. Einige Gegenstände müssen sie selbst herstellen. Den feuerroten Hexenbesen, mit dem man schießen kann, gibt es nicht im Karnevalsbedarf. Er hat heute einen Ehrenplatz in der Werkstatt bekommen, genau wie die Axt, die einer Schauspielerin im Kopf stecken bleiben sollte.

Solche Spielerei fordern die Kreativität des Berufes, andere Situationen wiederum höchste Konzentration. Wenn Klisch von ihrer Arbeit an Richard III. spricht, hat sie schnell die Schranktür aufgeschlossen und kleine Stofftäschchen auf dem Tisch ausgelegt. "Im Theater ist ein Revolver besser. Der schießt immer. Eine Pistole müssen die Schauspieler durchrepetieren, bevor sie schießen. Das vergessen sie manchmal, wenn sie auf der Bühne stehen", erzählt Klisch.

Auch bei in der Shakespeare-Inszenierung fällt ein Schuss, der durch Mark und Bein geht. Abgefeuert wird aber nicht durch einen von König Richards Feinden - sondern von Sonja Klisch oder ihrer Kollegin, die neben der Bühne im Dunkeln steht.

"Ich bekomme ein Zeichen von der Inspizientin und dann schieße ich", sagt sie und lacht dabei. "Das ist nichts für jedermann, mir macht es Spaß", erzählt sie und geht weiter auf die Bühne, die um die Mittagszeit gerade nicht für Proben genutzt wird: "Hier", sagt Sonja Klisch und bleibt stehen, "habe ich mal eine Atombombe gezündet."

  • KarriereSPIEGEL-Autor Fritz Habekuß (Jahrgang 1990) studiert Wissenschaftsjournalismus, Biowissenschaften und Medizin in Dortmund und arbeitet als freier Journalist.

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In den Aufgabenbereich der Requisite fallen alle Gegenstände auf der Spielfläche, die nicht zu den Kulissen oder dem Kostüm zählen - also auch Essen. Für die Dinnerparty bei der Richard-Inszenierung bereitet Sonja Klisch deshalb kleine Kanapees vor: "Edel müssen sie aussehen". Auch Schweinebraten kocht sie schon mal in der Werkstatt ihrer Abteilung, die aus diesem Grund extra eine große Küche hat. Und natürlich, sagt Klisch, schmecke es den Schauspielern.

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