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Coaching im Beruf "Sie können alles erreichen"

Das Karottenprinzip: Reicht zur nachhaltigen Motivation sicher nicht Zur Großansicht
Corbis

Das Karottenprinzip: Reicht zur nachhaltigen Motivation sicher nicht

Coaching kann bei beruflichen Problemen helfen - aber wer einen vertrauenswürdigen Coach sucht, hat ein Problem. Denn auf dem Markt tummeln sich viele Schaumschläger, Scharlatane und Hobbypsychologen mit manchmal abstrusen Erfolgsversprechen.

Weil Arndt Kresin, 45, sein Führungsverhalten verbessern wollte, entschied er sich für ein Coaching. Was er dabei erlebte, hatte wenig mit seinem Job zu tun. Der Coach habe anhand eines Baummodells mit ihm über seine Wurzeln und seine Fähigkeiten gesprochen. "Das war eine reine Selbstbetrachtung, die schnell dazu führt, dass man über sich selbst jammert", erinnert sich der Jurist.

Wer einen Coach sucht, kann schnell auf die Nase fallen. Coaching steht heute längst für alles Mögliche, auf dem Markt tummeln sich unzählige Scharlatane, deren Tätigkeit mit dem ursprünglichen Begriff nur noch wenig zu tun hat. Coaching kommt eigentlich aus dem Sport. Als persönlicher Trainer begleitet der Coach den Sportler durch seine Höhen und Tiefen und entwickelt gemeinsam mit ihm den optimalen Trainingsplan.

Ende der achtziger Jahre wurde das Konzept aufs Berufsleben übertragen: Als persönlicher Berater unterstützt der Coach einen Klienten bei beruflichen Fragestellungen - ob bei Übernahme einer neuen Position, Konflikten mit dem Chef oder der Bewältigung einer schwierigen Aufgabe. Ein Coach hat stets einen klaren Auftrag, nur daran arbeitet er. Es geht darum, ein Ziel zu erreichen, nicht um eine Gesamtinspektion der Persönlichkeit.

Gefährliche Abhängigkeit vom Coach

Wie findet man den passenden Coach? Mehr als 20 Coaching-Verbände verleihen auch Ausbildungszertifikate, die allerdings wenig aussagekräftig sind. "Man muss schon sehr genau hinschauen, was sich dahinter verbirgt", mahnt Björn Migge, Coach und Coach-Ausbilder in Porta Westfalica. Manchmal sei das nicht mehr als ein Marketinginstrument, das man sich kauft: "Zertifiziert heißt noch lange nicht seriös." Zudem halten sich längst nicht alle Verbände an ihre eigenen Kriterien.

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Michael Utsch hat immer wieder mit Fällen zu tun, bei denen Coaching-Kunden in gefährliche Abhängigkeiten geraten. Der Psychologe bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin warnt vor allem vor abstrusen Erfolgsversprechen ("So werden Sie reich und glücklich") oder Machbarkeitsideologien ("Sie können alles erreichen").

Coaching könne allenfalls zum Nachdenken anregen und dabei helfen, sein Verhaltensrepertoire zu erweitern, sagt Sabine Siegl, Präsidentin des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Aber das sei stets ein längerer Prozess: "Wer Ihnen verspricht, dass Sie in vier Wochen eine andere Führungskraft sind, ist schlichtweg unseriös."

Vom Weinkrampf bis zur Retraumatisierung

Auch wenn im Coaching durchaus psychotherapeutische Methoden eingesetzt werden, sieht sie doch einen gravierenden Unterschied zur Psychotherapie. "Beim Coaching gibt der Klient die Inhalte vor, an denen er arbeiten will", erklärt Siegl. In der Psychotherapie dagegen bestimme der Therapeut, an welchen Punkten gearbeitet wird.

Viele Coaches überschreiten die Grenze, obwohl ihnen die notwendige psychotherapeutische Ausbildung dafür fehlt, beobachtet der Bremer Personalmanager Viktor Lau. Das könne schnell gefährlich werden. Das Risiko reiche vom harmlosen Weinkrampf bis hin zur realen Retraumatisierung.

Für die Münchner Karriereberaterin Madeleine Leitner brillieren manche Coaches sogar mit ihrer "unbewussten Inkompetenz". "Die wissen noch nicht einmal ansatzweise, was sie nicht wissen", so die Psychologin. Und treten gerade deshalb oft verblüffend selbstbewusst auf. Die Folgen sind bisweilen fatal: Das eigentliche Problem wird nicht erkannt, das falsche Problem gelöst.

Das falsche Problem gelöst

So raten Coaches ihren Klienten bei beruflicher Unzufriedenheit häufig zu einem Jobwechsel. Leitner erinnert sich an eine Controllerin, die auf Rat ihres Coaches in die Marktforschung wechselte, um dann festzustellen, dass ihr das auch nicht gefällt. "Ihr Problem war nicht der Job, sondern ihr geringes Selbstwertgefühl" - was der Coach nicht erkannt habe, so Leitner.

Problematisch kann es auch sein, wenn der Coach nur eine Methode - etwa das Neurolinguistische Programmieren, ein umstrittenes Wahrnehmungs- und Kommunikationsmodell - kennt und dann schonungslos bei allen Klienten anwendet, ob sie gerade passt oder nicht. "Je erfahrener ein Coach ist, auf umso mehr methodische Vielfalt kann er zurückgreifen", betont Psychologin Siegl.

Neben mangelndem Fachwissen ist fehlende Selbstreflexion häufig ein Problem. Marie-Dorothee Burandt von der Bob-Personalentwicklung in Hamburg erinnert sich an eine Frau, die Zweifel hatte, ob der anstehende Karriereschritt wirklich das Richtige für sie ist. Die Bankmanagerin hatte davor bereits Sitzungen bei mehreren weiblichen Coaches besucht. "Sie war total verunsichert, weil die Frauen sie regelrecht beschworen hatten, doch unbedingt ihre Aufstiegschance als Frau zu nutzen", erzählt Burandt. Das Phänomen nennt sie "narzisstische Beeinflussung": Der Coach will über seinen Klienten an dessen Karriere teilhaben.

Viele Coaches hoffen offenbar auch, dass der Status ihrer Klienten auf sie abfärbt. So gibt es vermutlich längst mehr Coaches, die angeblich Top-Manager beraten, als Top-Manager, spottet Wolfgang Looss, ein Pionier der deutschen Coaching-Szene: "Dabei ist das doch kein Qualitätsbeweis, ob ich auch ein guter Coach bin."

+++ Tipps für die Wahl eines Coaches: +++

  • Ein Coach sollte ausreichend Berufs- und Lebenserfahrung haben. Je nach Problemstellung am besten auch noch im Bereich und in der Branche seines Klienten.
  • Er sollte mindestens eine solide und längere Beratungs- oder Coaching-Ausbildung vorweisen können, bei der auch Selbsterfahrung eine wichtige Rolle spielt.
  • Er sollte möglichst auf mehrere Methoden zurückgreifen können und nicht nur auf eine fixiert sein.
  • Er sollte sich regelmäßig einer Supervision unterziehen. Dabei bespricht er seine anonymisierten Beratungsfälle mit einem Experten.
  • Er sollte Referenzpersonen nennen können, bei denen sich der potentielle Klient informieren kann.
  • Er sollte ein - am besten: kostenloses - unverbindliches Vorgespräch anbieten und dabei seine Vorgehensweise und den zeitlichen Ablauf darlegen.
  • Er sollte mit dem Klienten einen Coaching-Vertrag abschließen, bei dem das Ziel definiert und die vorläufige Stundenzahl festgelegt wird. Bestandteil sollte auch eine Erfolgskontrolle sein.
  • Er sollte nicht finanziell auf einzelne Aufträge angewiesen sein. Der Klient sollte das Coaching daher jederzeit ohne Zusatzkosten abbrechen können.
  • Die Chemie muss stimmen. Denn einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren ist eine gute Beziehung zwischen Coach und Klienten.

  • Foto: Helga Kaindl
    KarriereSPIEGEL-Autorin Bärbel Schwertfeger ist freie Journalistin in München.

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