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Einsiedlerin in der Verenaschlucht "Ich gehe durch die Einsamkeit hindurch"

Fotostrecke: Schwester Benedikta Fotos
Urs Bachofner/ orell füssli Verlag

Einsiedlerin gesucht - auf diese ungewöhnliche Stellenanzeige der Schweizer Gemeinde Solothurn bewarb sich Schwester Benedikta. Ihr Traumberuf. Nur manchmal sind ihr zu viele Besucher da.

Zur Person
  • Urs Bachofner/ orell füssli
    Schwester Benedikta (Jahrgang 1963) lebt seit Juni 2014 als Einsiedlerin in der Verenaschlucht in der Schweiz. Zuvor hat sie bereits mehrere Jahren als Stadteremitin gelebt. Sie ist gelernte Erzieherin und hat vier erwachsene Kinder.
KarriereSPIEGEL: Im April 2014 hat die Gemeinde Solothurn eine Stelle als Einsiedler/in ausgeschrieben. Zwei Monate später haben Sie mit der Arbeit begonnen. Seither leben Sie allein in der Verenaschlucht. Wie sieht Ihr Zuhause dort aus?

Schwester Benedikta: Es ist winzig klein, aber ich habe alles, was ich brauche: Dusche, Bad, Küche und ein kleines Stübchen mit Einbauschrank, Bücherregal, Bett und einem Tisch. Im Winter kann ich den Kachelofen einheizen und die Stube wird mollig warm und sehr gemütlich.

KarriereSPIEGEL: Ihre offizielle Berufsbezeichnung lautet Einsiedlerin. Wie sieht Ihr Arbeitsleben denn aus?

Schwester Benedikta: Ich lebe seit sechs Jahren als Eremitin - zunächst als sogenannte Stadteremitin und seit eineinhalb Jahren in der Verenaschlucht. Hier halte ich alles in Ordnung, kümmere mich um die Kapellen und gebe den Besuchern Auskunft. Freundlichkeit und Offenheit gehören zu meinem Beruf dazu. Oft kommen Menschen zu mir, um ihr Herz auszuschütten oder zu beten. Das ist meine wichtigste Aufgabe. Seit August habe ich einen Mitarbeiter, der meine Aufgaben übernimmt, wenn ich mich zurückziehe - zum Schweigen und Beten.

KarriereSPIEGEL: Ihre Vorgängerin hat das Einsiedler-Dasein in der Verenaschlucht nach fünf Jahren aufgegeben. Denken Sie auch manchmal darüber nach aufzuhören?

Schwester Benedikta: Die Verenaschlucht ist ein beliebtes Ausflugsziel, es kommen manchmal Hunderte von Besuchern in die Kapelle. Damit ich dableiben und beharrlich weiter wirken kann und immer wieder die Ruhe zum Gebet, zum Schweigen und der inneren Stille finde, habe ich mir einen Rückzugsort geschaffen - das ist meine Rettung.

KarriereSPIEGEL: Fühlen Sie sich manchmal einsam?

Schwester Benedikta: Doch, natürlich. Ich bin Mensch und habe menschliche Gefühle. Ich bin manchmal auch sauer oder verärgert, jauchze vor Freude. Nur ist der Unterschied, dass ich mit all meinen Gefühlen zuerst einmal vor Gott gehe; ich weiche nicht ins TV-Programm aus, wenn ich mich einsam fühle, ich lenke mich nicht ab, sondern gehe durch die Einsamkeit hindurch, halte sie aus.

KarriereSPIEGEL: Bevor Sie sich fürs Einsiedler-Dasein entschieden haben, waren Sie verheiratet, haben vier Kinder großgezogen und als Erzieherin gearbeitet. Warum haben Sie das alles aufgegeben?

Schwester Benedikta: Es war keine Entscheidung in diesem Sinne, vielmehr ein Ruf, der mich vorwärtsdrängte. Es gingen Jahre der Gespräche mit meinem Mann und den Kindern voraus. Auch mit anderen Christen, Priestern und Ordensleuten habe ich viel gesprochen.

KarriereSPIEGEL: Wie steht Ihre Familie heute zu Ihrem Beruf?

Schwester Benedikta: Da wir oft und viel miteinander darüber gesprochen haben, verstehen und unterstützen sie mich; sie haben mir auch schon gesagt, dass sie stolz auf meinen Weg sind. Wir schreiben und telefonieren, meine Familie besucht mich auch in der Klause, wir sprechen miteinander und ab und zu essen wir gemeinsam. Sie wissen, dass sie mit all ihren Anliegen zu mir kommen dürfen. Wenn aber eine Besucherin oder ein Besucher der Einsiedelei für ein Seelsorgegespräch zu mir kommt, hat meine Familie keinen Vorrang.

KarriereSPIEGEL: Sie haben in ihrem Arbeitsalltag alle Hände voll zu tun. Nehmen Sie sich auch manchmal Urlaub?

Schwester Benedikta: Ja, im Sinne von verstärktem Rückzug: Stille, Schweigen, Beten und Fasten.

KarriereSPIEGEL: Heutzutage ist man ständig erreichbar. Viele Menschen haben Angst davor, alleine zu sein. Was würden Sie diesen Leuten raten?

Schwester Benedikta: Der Glaube schenkt Ruhe und Fülle. Auf diese Weise können wir das Gefühl, immer erreichbar sein zu müssen, weil wir sonst etwas verpassen und auch die innere, schmerzhafte Einsamkeit loslassen.

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insgesamt 8 Beiträge
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    Seite 1    
1. Schön, dass Spon in diesen hektischen Zeiten
f-rust 28.12.2015
auch einmal einen solchen unaufgeregten und "journalistisch unkritischen" beitrag bringt. danke.
2. Ähm...
fatherted98 28.12.2015
...eine Einsiedlerin mit hunderten von "Gästen" jeden Tag....irgenwie ist die Berufsbezeichnung wohl ziemlich falsch gewählt. Da gibts ja auf manchem Marktstand in einer Innenstadt weniger Publikum.
3.
Bueckstueck 28.12.2015
Zitat von fatherted98...eine Einsiedlerin mit hunderten von "Gästen" jeden Tag....irgenwie ist die Berufsbezeichnung wohl ziemlich falsch gewählt. Da gibts ja auf manchem Marktstand in einer Innenstadt weniger Publikum.
Denk doch nochmals über den Wortsinn nach - oder google den Begriff Einsiedlerin. Es hat nämlich nicht ausschliesslich was mit der Zahl der Besucher zu tun...
4. Entspannte Hausmeisterin ...
Big_Lebowski 28.12.2015
und von Eremit keine Spur, wenn sie Seelsorge bei Gästen betreibt, Interviews gibt und die Familie sie besucht. Kernsatz ist, dass sie durch die Einsamkeit durch geht und nicht vor den Fernseher flüchtet ... äh... vermutlich ist das Schweizer TV-Programm genauso bescheuert wie überall? Beten setze ich inhaltlich mal mit Nachdenken gleich, nur dass man sich dafür einen künstlichen Ansprechpartner ausdenkt, damit man nicht mit sich selbst quatscht. Die Krönung ist der Tipp für Menschen, die unter der Einsamkeit leiden: Glauben! Na gut! Ich glaube mal, dass man Einsamkeit vermeiden kann, wenn man sich einfach nicht so wichtig nimmt! Ansonsten hat Schwester Benedikta einen Volltreffer gelandet, nachdem sich ihr Familienleben erledigte. Sie kann gemütlich in der idyllischen Natur wohnen, hat ein entspanntes Auskommen via Kirche und macht schön Seelsorge ... welche besser von eigener Nutzlosigkeit ablenkt als TV! War es das, was der Artikel mir sagen sollte? Und wenn ja wozu?
5. Besucht sie doch einmal
ruebenkatze 28.12.2015
Die Verenaschlucht ist vom Bahnhof Solothurn zu Fuss in weniger als einer Stunde zu erreichen, mit dem Bus kommt man so nahe hin, dass ein gemütlicher Spaziergang genügt. Besonders im Sommer ist es dort alles andere als einsam, aber es ist einfach ein schönes Fleckchen Erde, wie überhaupt der Solothurner Jura. Und die Stadt Solothurn ist ebenfalls einen Besuch wert. Ich bin kein Solothurner, aber beruflich öfters dort.
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