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17. Februar 2013, 09:05 Uhr

Spanische Pfleger in Deutschland

"Die Patienten nehmen auf uns Rücksicht"

Dort Krise, hier Mangel an Pflegekräften: An der Klinik im Tegernseer Tal arbeiten 17 spanische Pfleger. Ihre Vorstellungsgespräche hatten sie noch in Madrid und Sevilla, den Dezember über mussten sie Deutsch pauken. Inzwischen wechseln sie Verbände - und hoffen auf eine unbefristete Stelle.

Sandra Rivera Diaz kennt das Tegernseer Bräustüberl, den Wallberg und die Klinik. Seit zweieinhalb Monaten ist sie in Deutschland, ihre Heimat Spanien hat sie verlassen, um in der Klinik St. Hubertus im bayerischen Bad Wiessee Arbeit als Pflegerin zu finden. Nach einem Monat Vollzeit-Deutschkurs ging es los auf der Station, zusätzlich weiter mehrere Stunden Sprachkurs. "Wir haben kaum Freizeit", sagt die 26-Jährige. Ihre Kolleginnen und Kollegen aus Spanien stimmen ihr zu.

Diaz ist eine von 17 spanischen Pflegekräften, die seit einigen Wochen in der Reha-Klinik Verbände wechseln, Patienten waschen und Medikamente verabreichen. Die 15 jungen Frauen und zwei Männer wurden in ihrer Heimat für die Arbeit in der Klinik angeworben. Ein ähnliches Projekt läuft seit vergangenem Jahr am Universitätsklinikum Erlangen. Auch in einem anderen Bereich könnte es bald Schule machen: Von 14.000 offenen Stellen in der Altenpflege berichtet die Bundesagentur für Arbeit.

Während im krisengeschüttelten Spanien derzeit etwas mehr als jeder Vierte arbeitslos ist, konnten nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft 2011 bundesweit rund 3000 Stellen im Pflegedienst nicht besetzt werden.

Auch der Wiesseer Klinikchef Christian Gores fand keine Arbeitskräfte und ergriff die Initiative: Im vergangenen Jahr schaltete er eine Annonce auf Deutsch in spanischen Zeitungen. "Daraufhin gingen 120 Bewerbungen ein", sagt der 37-Jährige.

Bei den Deutsch-Kursen herrscht Anwesenheitspflicht

Wenig später saß Gores im Flugzeug und führte in Madrid und Sevilla Vorstellungsgespräche mit 60 Pflegekräften, die meisten jung und weiblich. Sein flüssiges Spanisch nach einem Jahr Studium auf der Iberischen Halbinsel half Gores dabei. 20 Bewerber wurden ausgewählt, drei sprangen ab.

Den ganzen Dezember über mussten Diaz und ihre 16 Kolleginnen und Kollegen erst einmal Deutsch pauken. Seit Januar arbeiten sie 30 Stunden pro Woche auf den Stationen, dazu kommen vier Mal pro Woche viereinhalb Stunden Sprachunterricht. "Dabei herrscht Anwesenheitspflicht", sagt der Klinikchef streng.

Das Wichtigste ist für ihn, dass sich die neuen Arbeitskräfte integrieren und Deutsch lernen. Die Übernahme nach dem auf acht Monate befristeten Vertrag gibt es nur mit bestandener Sprachprüfung. Danach bekommen die Spanier das Tarifgehalt für examinierte Krankenpfleger, bis dahin werden sie als Pflegehilfskräfte bezahlt.

Um die Integration zu vertiefen, setzt Gores auf ein Patensystem. Jedem neuen Mitarbeiter ist eine deutsche Pflegerin zugewiesen, die bei beruflichen Problemen, aber auch privat zur Seite stehen soll. "Die Kolleginnen helfen mir wirklich sehr", sagt die aus Sevilla stammende Sandra Rivera Diaz und lobt die Rücksichtnahme der Patienten: "Sie sprechen langsam mit uns, damit wir sie verstehen."

Patient Otmar Eimuth freut sich sogar über die internationale Abwechslung. "Europa wächst zusammen", sagt der 72-Jährige aus Koblenz, der nach einer Operation am Bein zur Reha in Bad Wiessee ist. Natürlich gebe es Sprachbarrieren, "aber für einen polyglotten Deutschen ist das doch kein Problem". Beim Verbandswechsel nutzt er die Gelegenheit und unterhält sich auf Spanisch mit seiner aus Gran Canaria stammenden Pflegerin. Auch die Pflegedienstleiterin ist froh, wie die Spanierinnen akzeptiert werden. "Es läuft besser als ich gedacht habe", sagt Daniela Beyer, "sie können schon selbstständig Anwendungen durchführen."

Examinierte Pflegekraft bietet Nachhilfe

In der Heimat hatten die meisten keine Chance, als Pflegekraft einen Arbeitsplatz zu bekommen. Auch die 23-jährige Irene Liminana Perez, examinierte Pflegekraft, fand keine Stelle. Sie musste sich mit Nachhilfeunterricht über Wasser halten.

Auch wenn sie jetzt froh sind, Geld verdienen zu können und sich schnell eingewöhnen: "Heimweh haben sie alle", sagt Klinikchef Gores. Auch Maria Isabel Ruiz Escobar vermisst ihren Freund. "Aber es gefällt mir trotzdem hier", sagt die 28-Jährige. Zainsmyt Medina Lugo hat sogar als einzige aus der Gruppe eine eigene Familie. In der knappen Freizeit telefoniert die 41-Jährige viel mit ihrem Mann und den drei Kindern. "Wenn ich hier eine unbefristete Stelle finde, kann ich mir vorstellen, dass meine Familie nachkommt", sagt sie - auf Deutsch.

Paul Winterer/dpa/mia

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