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Vermittler für Filmtiere Spinni, ich bring dich ganz groß raus

Der Kameramann will eine Großaufnahme der Schlange. Die Schlange will den Kameramann. Damit alle überleben, muss Holger Kirk ran: Er vermittelt Elefanten oder Hunde, Skorpione oder Vogelspinnen an Film und TV. Dieser Mann weiß, was Startiere ausmacht.

Hamlet fühlt sich unwohl. Vor wenigen Sekunden kauerte der Indische Riesenskorpion noch in seinem Terrarium, jetzt krabbelt er über die Hand von Holger Kirk. Sein Stachel, normalerweise eingerollt, bäumt sich auf. Eine Drohhaltung.

Kirk weiß: Solange das Tier nicht die Scheren öffnet und hochreißt, hat er nichts zu befürchten. "Es ist gut, dass ich Hamlet rausgeholt habe", sagt er und beobachtet den dunkelbraun glänzenden Skorpion genau. "Er muss sich daran gewöhnen."

Holger Kirk, 47, ist Geschäftsführer der FilmTier Zentrale Deutschland - einer Agentur, die Tiere für Foto- und Filmaufnahmen vermittelt. Mehrere tausend verschiedene Arten hat Kirk in seiner Kartei, wie viele genau, weiß er nicht. Vom Floh bis zum Elefanten kann man bei ihm so ziemlich alles buchen.

Die Tiere waren schon bei "Germany's Next Topmodel" und "TV Total", im "Tatort" und in etlichen Werbekampagnen, zum Beispiel für BMW, Saturn oder die Lufthansa. Ein Afrikanischer Elefant schoss mal vor einem Einkaufszentrum Fußbälle ins Tor, um Kunden anzulocken. Für ein Musikvideo trabte ein Kamel über den Nordseestrand. Und für einen Fernsehfilm auf der Insel Teneriffa vermittelte Kirk eine Vogelspinne. Weil die im Flugzeug nicht bei den Passagieren oder Gepäckstücken mitfliegen durfte, bekam sie einen Ehrenplatz: im Cockpit beim Piloten.

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Ein paar der Tiere gehören Kirk selbst. Tiere sind seine Leidenschaft - das sieht man auch seinem Haus im schleswig-holsteinischen Dorf Hornbek an. An den Wänden hängen Fotos von Wölfen, Tigern und Eulen, ein Wellensittich zwitschert in der Voliere im Wohnzimmer, Papageien plärren aus dem Hinterzimmer.

Mitten im Raum hockt Waldohreule Waldi auf einem Podest: einer der Stars der Agentur. Kriech- und Krabbeltiere besitzt Kirk ebenso, Schlangen, Spinnen, Lurche und Frösche. Für die hat er eine eigene Wohnung ein paar Straßen weiter gemietet. Auch der Indische Riesenskorpion lebt dort.

Doch die meisten Tiere in seiner Kartei stammen von professionellen Tiertrainern oder Privatleuten. Viele Herrchen und Frauchen würden ihren Liebling gern vor der Kamera sehen, sagt Kirk: "Sie denken, dass sie ein wunderschönes Tier haben, das perfekt geeignet ist." Das stimmt nicht immer. Kirk castet jedes Tier, das ihm angeboten wird - und nimmt nur etwa eines von zehn an. So kommt es ihm bei Hunden nicht so sehr aufs Aussehen an, sondern darauf, ob sie einfache Befehle wie "Sitz" und "Platz" auf Handzeichen beherrschen und schnell Neues lernen.

Auch die Besitzer müssen mitmachen: mit den Tieren regelmäßig trainieren und Tricks üben, falls das geht. Und die Tiere oft berühren und streicheln, damit die das kennenlernen. Schlangen dürfen nicht mehr im Terrarium Futter bekommen, denn darin steht bei Film- oder Fotoaufnahmen manchmal der Kameramann. Und den sollten die Schlangen besser nicht mit Beute verwechseln.

Hunde sind am beliebtesten

Von jedem Tier erstellt Kirk eine Sedcard mit Foto, Name, Eigenschaften und Fähigkeiten. Hunde würden am häufigsten benötigt, erzählt er: Viele Fernsehfamilien bräuchten einen Hund als Sympathieträger.

Schon als Kind fotografierte Kirk gern Tiere, vor allem Spinnen, weil man an die ganz nah rankommt. Nach seinem Biologiestudium stieg er bei der FilmTier Zentrale ein. Die meiste Zeit sitzt er jetzt am Schreibtisch, nimmt Anrufe entgegen und versucht vom Wohnzimmer aus, Kunde und Tier zusammenzubringen.

Sobald jemand ein Tier anfragt, stellt Kirk Fragen: Wo wird gedreht, drinnen oder draußen? Soll das Tier lebhaft sein oder still? Sind andere Tiere am Set, die das Filmtier womöglich mit Beute verwechseln könnte? Wissen alle Beteiligten, mit welchem Tier sie zu tun haben - und hat vielleicht jemand Angst davor?

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Dann erzählt Kirk, was mit dem Tier möglich ist und was nicht. Soll etwa ein Hamster Männchen machen, kann man das nicht aus einer Totalen drehen, nur in der Nahaufnahme. Denn der Trainer muss direkt über dem Nager ein Leckerli halten, damit der sich überhaupt aufrichtet.

Danach sucht Kirk das richtige Tier aus. Wird zum Beispiel eine Küchenschabe benötigt, wählt er eine tropische - die verseucht nicht die ganze Gegend mit ihren Eiern, falls sie mal entwischt. Bei Außenarbeiten mit Schlangen eignen sich nur wenige Arten, die nicht so schnell eine Lungenentzündung kriegen. Manche Spinnen laufen keinem Schauspieler freiwillig das Hosenbein hoch. Sollen sie das, greift Kirk zu Arten, die sich viel bewegen. Und von ein paar Hunderassen rät er seinen Kunden ab, wie von Pekinesen: "Die sind eher störrisch und schlecht zu trainieren." Border Collies dagegen gelten als intelligent und lebhaft - die perfekten Filmhunde.

Giftige Tiere werden gedoubelt

Feste Preise hat Kirk nicht. Je nachdem, was für ein Tier benötigt wird und was es machen soll, verhandelt er ein unterschiedliches Gehalt. Dabei gilt: Ein Teil geht an den Züchter, den Rest behält er selbst. Am Tag können so mehrere hundert Euro für beide zusammenkommen.

Für die Züchter ist das lukrativ - für die Tiere in erster Linie Arbeit. Nur bei manchen Hunden ist Kirk sich sicher, dass denen der Trubel am Set wirklich gefällt. Andere Tiere würden wohl lieber in Ruhe gelassen werden. "Spaß macht ihnen die Arbeit nicht immer", sagt Kirk. "Wir versuchen aber, sie ihnen so angenehm wie möglich zu machen." Das bedeutet: Wenn ein Tier keine Lust mehr hat, ist Schluss.

Um teure Ausfälle beim Drehen zu vermeiden, bringt Kirk oft ein weiteres Tier mit: ein Double. Das springt ein, wenn das erste Tier eine Pause braucht. Am Set ist Kirk für die Sicherheit verantwortlich. Dem Tier darf nichts passieren - und auch nicht den Schauspielern und Models. Deshalb lässt Kirk wirklich giftige Tiere doubeln. So spielen Nattern öfter mal Kobras.

Meist sind es nicht die Tiere, sondern die Menschen, die Kirk Arbeit machen. Einige Schauspieler oder Models fürchten sich vor Tieren, manchmal sogar vor einem harmlosen Schmetterling. Dann muss Kirk geduldig sein und Mensch und Tier zusammenbringen. Wenn es gar nicht anders geht, springt er selbst ein und doubelt die Szene. Wie bei einem Stuntman wird sein Gesicht später aus dem Bild geschnitten oder unkenntlich gemacht.

Bisher ist Kirk am Set noch nichts passiert. Nur zu Hause schnappte einmal eine Würgeschlange nach ihm und biss in seinen Arm. Da habe er aber nach Kaninchen gerochen, erzählt er und sagt trocken: "Selbst schuld."

  • Iris Carstensen/ DER SPIEGEL
    Anne-Katrin Schade (Jahrgang 1980) ist Redakteurin bei Dein SPIEGEL, dem Nachrichten-Magazin für Kinder. Zuvor hat sie Medienwirtschaft studiert und die Deutsche Journalistenschule absolviert.

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1. Große Tiere
verhetzungsschutz 28.06.2013
Zitat von sysopDer Kameramann will eine Großaufnahme der Schlange. Die Schlange will den Kameramann. Damit alle überleben, muss Holger Kirk ran: Er vermittelt Elefanten oder Hunde, Skorpione oder Vogelspinnen an Film und TV. Dieser Mann weiß, was Startiere ausmacht. Spezialagentur: So kommen Tiere zu Film und Fernsehen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/spezialagentur-so-kommen-tiere-zu-film-und-fernsehen-a-907801.html)
Wer einen Affen zuhause hat, der gut klatschen kann, kriegt den jederzeit an den Drehset in Berlin vermittelt. Alles eines Frage des Preises und der steuerfreien Zulagen...
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