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Ausbildung an der Sprengschule Achtung, gleich knallt's

Sprengschule in Dresden: Hier ist noch 'ne Granate versteckt Fotos
DPA

Immer wieder stoßen Bagger auf Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Was tun, wenn man auf einmal vor einer Bombe steht? In Dresden lernen Ingenieure, wie man Granaten findet, Zünder erkennt, Risiken meidet. Und im Bunker dürfen sie es auch mal krachen lassen.

Günter Fricke, 63, hat mal wieder Granaten in der Erde vergraben. Mit einem Metalldetektor sollen seine Schüler sie finden und freilegen. Explodieren können die Sprengsätze nicht, knallen lässt Fricke nur Feuerwerkskörper. Der ehemalige DDR-Offizier ist Geschäftsführer der Dresdner Sprengschule. Hier werden Experten für Spreng- und Pyrotechnik sowie für die Kampfmittelbeseitigung und Minenräumung ausgebildet.

Das Übungsgelände ist ein ehemaliger Steinbruch im Süden Dresdens. In der abgelegenen Heidenschanze stört es niemanden, wenn es ab und an kracht: In den Bunkern führt Fricke kleine Sprengungen vor. Einer der Auszubildenden ist Christian Holler. Eigentlich arbeitet er in einem Ingenieurbüro. Für seine Firma soll er in neun Wochen lernen, wie man auf Baustellen alte Munition findet, freilegt und die Fundorte richtig absperrt.

Entschärfen dürfen nur die Experten des staatlichen Kampfmittelbeseitigungsdienstes. Trotzdem sagt Holler: "Ich gehe mit einer Mischung aus Angst und Respekt an die Sache heran."

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Bombenentschärfer: Keine falsche Bewegung
Wer eine Sprengladung und ihren Zünder falsch einschätzt, riskiert sein Leben. Die Schule hat deshalb eine eigene Munitionsdatenbank aufgebaut. Mehr als 3800 Raketen, Minen, Granaten und andere Kampfmittel sind dort verzeichnet, mit Foto, Querschnittsbild und allen technischen Details. In Baracken lagert Anschauungsmaterial: Splitterminen, Handgranaten und Artilleriemunition.

Frickes Wissen ist weltweit gefragt

Mehrere tausend Objekte haben sich seit Gründung der Schule 1961 angesammelt. Deutsche, russische, französische, amerikanische und britische Geschosse stehen nebeneinander. Die älteste Granate stammt aus dem Jahr 1870, aus der Zeit des deutsch-französischen Krieges. Fricke kennt sämtliche Bezeichnungen und Daten auswendig: "Die nehmen sich alle nichts, Krieg ist Krieg."

Fricke war früher waffentechnischer Offizier der Nationalen Volksarmee, an die Sprengschule kam er Anfang der neunziger Jahre. Sein Wissen ist heute weltweit gefragt. Gerade erst war er in Katar, dort hat er mit Kollegen Spezialkräfte der Polizei geschult. Auch in den USA, Angola, Bosnien und Großbritannien haben die Dresdner schon Tipps zur Kampfmittelbeseitigung gegeben. "Die Nachfrage ist da", sagt Fricke.

Vergleichbare Lehrgänge gibt es nur wenige. Rund 30.000 Menschen haben schon einen Lehrgang an der Sprengschule besucht, und die Nachfrage wächst. Die Energiewende hat den Kampfmittelbeseitigern neue Einsatzgebiete verschafft: Es gibt immer mehr Offshore-Anlagen, vor deren Bau der Meeresgrund auf möglicherweise brisantes Kriegserbe untersucht werden muss. Denn nach dem Kriegsende 1945 haben viele Schiffe ihre nicht mehr benötigte Munition einfach in Nord- und Ostsee versenkt. "Ein Problem, das sich nicht von allein löst", wie Fricke lakonisch sagt.

Bald feiert er seinen 64. Geburtstag. Ans Aufhören denke er aber noch nicht, sagt er und öffnet eine Kammer, in der jede Menge verrostete und ungeordnete Munition lagert: "Das muss ich noch alles aufarbeiten, das werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr schaffen."

Christiane Raatz/dpa/vet

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insgesamt 6 Beiträge
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    Seite 1    
1. Hochachtung
wolfi44 11.01.2014
vor diesen Experten. Die duerfen sich keinen Fehler erlauben.....es koennte ihr letzter gewesen sein. Deshalb haben diese Leute meine groesste Hochachtung.
2. Bombensucher
Ossifriese 11.01.2014
In Berlin als Student konnte man (80er Jahre) über die segensreiche Einrichtung "Heinzelmännchen" Jobs krigen. Einfach so von einer Pinnwand. Da suchte jemand für "Munitionsräumdienste" Personal - mit Gefahrenzulage im Grunewald. Und weil kaum einer richtig wollte, war der Job noch zu haben. Nach einer halbstündigen Schulung gings los: Ein Sucher mit Detektor markierte verdächtige Stellen im Waldboden und wir "Fachkräfte" durften buddeln... da kam einiges zum Vorschein, und manche Granate musste an Ort und Stelle gesprengt werden. Dann nahmen wir Deckung hinter Bäumen und bumms! Einmal, das war dann später (ich hab den Job ein halbes Jahr gemacht) im Tiergarten, da meinte der Sucher, dem Ausschlag am Gerät nach hätte er eine große Bombe gefunden... weil ich von den anderen Kollegen "Studenten" der älteste und demnach ruhigste war, durfte ich buddeln. Fast 2 Meter tief bin ich mit der Schaufel vorgestoßen - aber da war nichts. Nur das Gefühl, jederzeit auf einen großen scharfen Blindgänger zu stoßen, das habe ich noch heute im Kopf... So rustikal gings damals zu. Ausbildung? Lach...
3. Die Leute vom israelischen Kampfmittelräumdienst sagen: ...
Großbär 11.01.2014
... Wir machen nur zwei Fehler. Der erste war die Berufswahl. der zweite ist auch schon der Letzte.
4. optional
Pixopax 12.01.2014
Ich kann nur gutes von der Sprengschule Dresden berichten, fundierte Ausbildung, echte Experten. Eine sehr nützliche Einrichtung, die wir leider noch sehr lange benötigen werden, es liegen noch sehr viele Munitionsreste im Boden. Die Fotos lassen nur erahnen, was dort alles ausgestellt ist, wer das einmal live sieht merkt, wieviel Erfindungsreichtum und Energie die Menschheit mit Kriegsmaterial verschwendet. Hut ab vor den Kampfmittelräumern, sie sollten alle automatisch ein Bundesverdienstkreuz und ab dem ersten Einsatz eine garantierte staatliche Rente erhalten, die im Notfall die Hinterbliebenen versorgt.
5. Der Job dürfte äusserst krisenfest sein
betonklotz 12.01.2014
nur in Sachen Altersplanung ist er wohl nicht unbedingt das Optimum. Wenn ich nur an die ganzen Blindgänger mit Säurezünder denke. Bei der Konstruktion dieser Schätzchen war Unzuverlässigkeit erwünscht! Ein Trost bleibt: Im Zweifelsfall gehts schnell. Auf jeden Fall meinen höchsten Respekt für alle, die so etwas machen.
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