Von Maria Huber
Die Spurensicherung sieht alle Tatorte, alle Verbrechen, alle Abgründe. Auch die ganz schlimmen: abgeschnittene Köpfe in Mülleimern, Opfer von sexuellem Missbrauch, chaotische Messie-Wohnungen. Doch es sind eher die unspektakulären Delikte, die erfahrene Spurensicherer aus der Fassung bringen.
"Es war ein Einbruch. Der 89-Jährige trauerte dem Diebesgut nicht hinterher, nur dem gestohlenen Ehering seiner toten Frau. Dann sagte er, er habe Magenkrebs und müsse etwas essen - da saß er allein in der Küche und löffelte sein Tomatensüppchen, während wir unsere Arbeit machten." Der Fall berührte den Hamburger Spurensicherer Axel Käfer mehr als mancher Mord.
Seit sieben Jahren ist Käfer in dem Job, schon als kleines Kind spielte er Detektiv, dann wurde er Friseur - eine recht typische Karriere. Denn die meisten Spurensicherer haben eine Lehre absolviert, sind Handwerker. "Wir brauchen das Spezialwissen, es ist leichter, jemandem ein bisschen Polizei beizubringen als einem Polizisten Fachwissen", sagt Ingo Röder, der als Leiter der Kriminalwissenschaft und -technik beim Hamburger LKA auch die Spurensicherung unter sich hat. Käfer ist durch seine Ausbildung Spezialist in Sachen Haut und Haar und kann beispielsweise eine Färbung auch mit einem einzigen Haar schon recht genau bestimmen.
Der Rest ist Übung. Keine theoretischen Lehrgänge, sondern Einsatz am Tatort mit erfahrenen Kollegen. "Das Gespür, Spuren zu finden, die am besten auch noch mit der Tat zu tun haben, ist das Wichtigste. Denn Spuren hinterlassen wir ja alle auf Teufel komm heraus", sagt Geistert. Schließlich folgen eine rechtliche Unterweisung und ein Lehrgang im Blaulicht-Fahren. Nach einem halben Jahr sind Geisterts Spusis "lauffähig".
"Diese weißen Anzüge tragen wir gar nicht immer"
Axel Käfer ist schon ein alter Hase. Trotzdem fasziniert ihn der Job noch. Oft wird es knifflig: "Viele Taten sind Beziehungstaten. Klar, dass da viele Abdrücke und DNA vom Täter am Tatort sind. Wenn man dann an einer Stelle, wo man es nicht vermutet, doch noch die entscheidende Spur findet, ist das immer ein Erfolgserlebnis", sagt Käfer. Wenn er an den Tatort kommt, muss sich der Blick erst schärfen, dann packt er den Koffer mit den Hilfsmitteln aus, zieht Handschuhe über. "Diese weißen Anzüge tragen wir gar nicht immer, wie im Fernsehen dargestellt", erklärt er. Dann wird gesammelt, jede Spur mit einer anderen Methode. Haare werden eingetütet, Fingerabdrücke mit Rußpulver und dem Zephyr-Pinsel mit Tausenden von Glasfaserbündeln sichtbar gemacht.
Findet er Schuhspuren, macht Käfer mit Gelatine-Folie einen Abdruck, Spermaspuren werden mit einem Stabtupfer ähnlich einem Wattestäbchen gesichert und in eine selbsttrocknende Plastiktüte gesteckt. Hinzu kommen unzählige Fotos. Mehr verrät er nicht: "Manches könnte den Verbrechern sonst Tipps geben, wie man am besten Spuren verwischt", sagt Käfer.
"Wir sind die Frontschweine"
Oft geht die Aufgabe über das reine Sammeln von Spuren hinaus. "Wir sind auch immer ein Kummerkasten, wir sind ja die Ersten am Tatort, die Frontschweine", sagt Spurensicherer-Chef Geistert. Opfer wollen ihre Erlebnisse loswerden, ihre Not schildern. "Da zerstören wir so manche Hoffnung", sagt er, denn in der Realität wird nicht in Spielfilmlänge aufgeklärt.
"Wir müssen Vorstellungen relativieren, CSI erschwert sehr oft unsere Arbeit", sagt Geistert. Jeder glaube zu wissen, wie die Arbeit gemacht werden muss. Doch es gibt auch die andere Sorte Geschädigter: Die berichten stolz, dass sie schon alles schön sauber gemacht hätten - der Alptraum jedes Spurensicherers. Im besten Fall können Axel Käfer und seine Kollegen dann noch Fasern und Fingerabdrücke sichern und Computer mitnehmen. Dann ist ihre Arbeit aber auch zu Ende.
"Wir sind die Erfüllungsgehilfen", sagt Geistert. Im Labor werden die Spuren nur noch leicht aufbereitet, dann gehen sie an die Abteilungen, die sie untersuchen: an Biologie, Chemie, Fingerabdruckspezialisten und DNA-Analytiker. Dass sie die mühsam gesammelten Spuren aus der Hand geben müssen, macht Axel Käfer und seinen Kollegen nichts aus. Die meisten in seiner Abteilung gehen erst, wenn die Rente ansteht. "Es gibt ja keinen Grund, zu wechseln. Einmal Spurensicherer, immer Spurensicherer", sagt Geistert.
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