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Spurensicherer im Einsatz "CSI erschwert unsere Arbeit"

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Mit Pinselchen und Taschenlampe stellen sie schweren Jungs nach: Die Spurensicherer der Polizei sind die Experten am Tatort und arbeiten einer Armada von Spezialisten zu. Mit TV-Krimis hat ihre Arbeit wenig zu tun - dafür oft mit ordnungsfanatischen Opfern, die ihre Wohnung blitzblank putzen.

Die Spurensicherung sieht alle Tatorte, alle Verbrechen, alle Abgründe. Auch die ganz schlimmen: abgeschnittene Köpfe in Mülleimern, Opfer von sexuellem Missbrauch, chaotische Messie-Wohnungen. Doch es sind eher die unspektakulären Delikte, die erfahrene Spurensicherer aus der Fassung bringen.

"Es war ein Einbruch. Der 89-Jährige trauerte dem Diebesgut nicht hinterher, nur dem gestohlenen Ehering seiner toten Frau. Dann sagte er, er habe Magenkrebs und müsse etwas essen - da saß er allein in der Küche und löffelte sein Tomatensüppchen, während wir unsere Arbeit machten." Der Fall berührte den Hamburger Spurensicherer Axel Käfer mehr als mancher Mord.

Seit sieben Jahren ist Käfer in dem Job, schon als kleines Kind spielte er Detektiv, dann wurde er Friseur - eine recht typische Karriere. Denn die meisten Spurensicherer haben eine Lehre absolviert, sind Handwerker. "Wir brauchen das Spezialwissen, es ist leichter, jemandem ein bisschen Polizei beizubringen als einem Polizisten Fachwissen", sagt Ingo Röder, der als Leiter der Kriminalwissenschaft und -technik beim Hamburger LKA auch die Spurensicherung unter sich hat. Käfer ist durch seine Ausbildung Spezialist in Sachen Haut und Haar und kann beispielsweise eine Färbung auch mit einem einzigen Haar schon recht genau bestimmen.

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Einbruch in Hamburg: Wenn die Spusi kommt
Welche Voraussetzungen muss man erfüllen, wenn man zur Spurensicherung will? Formal keine. Ob Dr. rer. nat. oder Sanitärinstallateur, jeder darf zur "Spusi". Wichtig ist, dass man "es hat", sagt der Leiter der Spurensicherung, Reinhard Geistert. Vergangenes Jahr meldeten sich auf eine freie Stelle 180 Bewerber. Im Auswahltest wird Merkfähigkeit unter extremen Bedingungen und das Verstehen und Interpretieren von Bildern abgefragt. Wer "ein Auge für die richtigen Details" hat, kann es schaffen.

Der Rest ist Übung. Keine theoretischen Lehrgänge, sondern Einsatz am Tatort mit erfahrenen Kollegen. "Das Gespür, Spuren zu finden, die am besten auch noch mit der Tat zu tun haben, ist das Wichtigste. Denn Spuren hinterlassen wir ja alle auf Teufel komm heraus", sagt Geistert. Schließlich folgen eine rechtliche Unterweisung und ein Lehrgang im Blaulicht-Fahren. Nach einem halben Jahr sind Geisterts Spusis "lauffähig".

"Diese weißen Anzüge tragen wir gar nicht immer"

Axel Käfer ist schon ein alter Hase. Trotzdem fasziniert ihn der Job noch. Oft wird es knifflig: "Viele Taten sind Beziehungstaten. Klar, dass da viele Abdrücke und DNA vom Täter am Tatort sind. Wenn man dann an einer Stelle, wo man es nicht vermutet, doch noch die entscheidende Spur findet, ist das immer ein Erfolgserlebnis", sagt Käfer. Wenn er an den Tatort kommt, muss sich der Blick erst schärfen, dann packt er den Koffer mit den Hilfsmitteln aus, zieht Handschuhe über. "Diese weißen Anzüge tragen wir gar nicht immer, wie im Fernsehen dargestellt", erklärt er. Dann wird gesammelt, jede Spur mit einer anderen Methode. Haare werden eingetütet, Fingerabdrücke mit Rußpulver und dem Zephyr-Pinsel mit Tausenden von Glasfaserbündeln sichtbar gemacht.

Findet er Schuhspuren, macht Käfer mit Gelatine-Folie einen Abdruck, Spermaspuren werden mit einem Stabtupfer ähnlich einem Wattestäbchen gesichert und in eine selbsttrocknende Plastiktüte gesteckt. Hinzu kommen unzählige Fotos. Mehr verrät er nicht: "Manches könnte den Verbrechern sonst Tipps geben, wie man am besten Spuren verwischt", sagt Käfer.

"Wir sind die Frontschweine"

Oft geht die Aufgabe über das reine Sammeln von Spuren hinaus. "Wir sind auch immer ein Kummerkasten, wir sind ja die Ersten am Tatort, die Frontschweine", sagt Spurensicherer-Chef Geistert. Opfer wollen ihre Erlebnisse loswerden, ihre Not schildern. "Da zerstören wir so manche Hoffnung", sagt er, denn in der Realität wird nicht in Spielfilmlänge aufgeklärt.

"Wir müssen Vorstellungen relativieren, CSI erschwert sehr oft unsere Arbeit", sagt Geistert. Jeder glaube zu wissen, wie die Arbeit gemacht werden muss. Doch es gibt auch die andere Sorte Geschädigter: Die berichten stolz, dass sie schon alles schön sauber gemacht hätten - der Alptraum jedes Spurensicherers. Im besten Fall können Axel Käfer und seine Kollegen dann noch Fasern und Fingerabdrücke sichern und Computer mitnehmen. Dann ist ihre Arbeit aber auch zu Ende.

"Wir sind die Erfüllungsgehilfen", sagt Geistert. Im Labor werden die Spuren nur noch leicht aufbereitet, dann gehen sie an die Abteilungen, die sie untersuchen: an Biologie, Chemie, Fingerabdruckspezialisten und DNA-Analytiker. Dass sie die mühsam gesammelten Spuren aus der Hand geben müssen, macht Axel Käfer und seinen Kollegen nichts aus. Die meisten in seiner Abteilung gehen erst, wenn die Rente ansteht. "Es gibt ja keinen Grund, zu wechseln. Einmal Spurensicherer, immer Spurensicherer", sagt Geistert.

  • "Übernehmen Sie!" Verschiedene kriminaltechnische Abteilungen verarbeiten das, was die Spurensicherer gesammelt haben. Von DNA-Analytikern bis 3-D-Grafikern: Wer arbeitet da? Was ist an der Aufgabe besonders reizvoll? Und was sind die größten Krimi-Lügen zum Beruf? In dieser Bildergalerie erfahren Sie mehr.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Maria Huber (Jahrgang 1983) ist freie Journalistin in Hamburg.

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insgesamt 20 Beiträge
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    Seite 1    
1. Opfer
Bre-Men 21.11.2011
Also jetzt müssen auch die Opfer für Ordnung sorgen. Täterschutz vor Opferschutz.
2. t
loncaros 21.11.2011
---Zitat--- und Computer mitnehmen. ---Zitatende--- Das scheint wohl standard bei denen zu sein. Was das bei einem Opfer in der Wohnung für Sinn macht sei mal in den Raum gestellt...
3. Sonne- Strand - Sonnebrille
wanderprediger 21.11.2011
Zitat von sysopMit Pinselchen und Taschenlampe stellen sie schweren Jungs nach: Die Spurensicherer der Polizei sind die Experten am Tatort und arbeiten einer Armada von Spezialisten zu. Mit TV-Krimis hat ihre Arbeit wenig zu tun - dafür oft mit ordnungsfanatischen Opfern, die ihre Wohnung blitzblank putzen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,798704,00.html
Ach, ich glaube unsere Experten sind nur neidisch auf Lt. Horatio un Co., daß die immer so schicke Sonnebrillen aufhaben und mit geilen Hummer durch die Gegend fahren. Das gleiche Problem unserer Ordungshüter wie damals in der guten alten Miami Vice Zeit. Nur damals waren es halt Sportautos wie Ferrari statt coole Geländewagen.
4. Die Ersten am Tatort...
lefs 21.11.2011
sollten doch eine ausgebildete Fachkraft dabei haben, die sich um die im Allgemeinen anzutreffenden Opfer professionell kümmern kann. Oder schubst man die Opfer einfach beiseite. Das deutsche Recht kümmert sich eben doch meist nur um das Täterbefinden. Das ist zwar auch wichtig bis die Schuldfrage geklärt ist, aber die Opfer fallen in diesem Land sehr oft hinten runter.
5. Tjaja ...
Giraffenzebra 21.11.2011
Tjaja. Die Spurensicherer haben jetzt dank den gefühlten unzähligen CSI-Serien das gleiche Problem wie unsere Richter und Staatsanwälte, als vor 10 Jahren oder länger diese ganzen Richterin Barbara Salesch, Richter Alexander Hold und die unzähligen anderen aufgetaucht sind: * Mordfall in 30 Minuten von der Anklageverlesung bis zum Urteil abgehandelt ... kein Problem * 10 Sekunden vor der Urteilsverkündung rennt dann immer noch der entscheidende Zeuge in den Gerichtssaal rein, der dem Fall die 180°-Wende beschert ... absolute Normalität * Staatsanwalt und Verteidiger beschimpfen sich im Gerichtssaal dermaßen, dass sie sich selbst gegenseitig wegen Beleidigung anzeigen könnten ... völlig alltäglich * sich prügelnde Zeugen und Angeklagte bei fast jeder Verhandlung ... naja, wieso auch nicht? Ich hab vor 6 oder 7 Jahren (als ich noch jung war ;-) mal ein paar Wochen lang ab und zu solche Gerichts-Shows angeschaut. Damit hab ich dann sofort wieder aufgehört, nachdem ich ein paar mal im örtlichen Amtsgericht bei uns als Zuschauer ein paar echte Verhandlungen angeschaut hab, die ja öffentlich und in der Regel für jedermann zugänglich sind, wenn nicht gerade Sachen gegen Jugendliche verhandelt werden. Danach hab ich mich gefragt, warum sich echte Richter und Staatsanwälte überhaupt für solche derart überzogenen und absolut unrealistischen Fernseh-Shows hergeben, die nur auf Effekt und Einschaltquote getrimmt sind ... furchtbar. Ähnlich wird es den Spurensicherern auch gehen. MfG
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