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Esoterisches Gründerseminar Wo bin ich denn hier gelandet?

Matrix-Behandlung statt praktischer Tipps: Nicht jedes Seminar hält, was es verspricht Zur Großansicht
Corbis

Matrix-Behandlung statt praktischer Tipps: Nicht jedes Seminar hält, was es verspricht

Sie wollte lernen, wie sie sich als Selbständige besser vermarkten kann. Doch auf Tipps zum Geld verdienen wartete Wiebke Schönherr im Gründerseminar vergeblich. Stattdessen sollte sie Energiewellen spüren und in die Matrix abtauchen - mit staatlicher Förderung.

An einem Sonntagmorgen sitze ich in einem Raum voller Gründergeist im Berliner Wedding und habe einen leeren Block vor mir liegen. Ich will Tipps hineinkritzeln, die mir bei der Verwandlung vom lumpigen Entlein in einen vermögenden Schwan helfen sollen. Seit einem Jahr arbeite ich als freie Journalistin und habe gelernt: Texte schreiben geht immer, davon leben immer weniger.

"Das könnte gut für Sie sein", mit diesen Worten hat mir meine Karriereberaterin das Gruppenseminar zum Thema "Geld verdienen" empfohlen. Ich hatte schon einige Sitzungen bei ihr. Das Seminar hält allerdings nicht sie, sondern eine Trainerin, die sie extra dafür angeheuert hat. Diese würde das Thema mehr von der psychologischen Seite angehen, hieß es. Die Veranstaltung werde vom Staat gefördert, ich müsse nur zwölf Euro dafür hinlegen. Na, dann.

Nach einem ersten Schreck finde ich die Teilnehmer-Crew toll: Da ist eine gut 50 Jahre alte Masseurin, Shirt, Strickjacke, Rock, Stiefel - alles in pink. Ein gutmütiges älteres Pärchen, Gründer einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke. Eine etwa 60 Jahre alte Künstlerin, die endlich von ihrer Kunst leben will. Eine junge Lektorin, eine Heilpraktikerin und ich, Journalistin, Anfang dreißig. Was wir gemeinsam haben: Wir sind alle auf Empfehlung der Karriereberaterin hier.

Kosmische Energie in der Demenz-WG

Die Vorstellungsrunde fängt ganz harmlos an: mit schlechtem Selbstbewusstsein und fehlender Liebe in der Kindheit. Dann redet der Demenz-WG-Gründer plötzlich von kosmischer Energie und davon, wie sehr er und das Universum eins sind. Ich bin irritiert und blicke die Seminarleiterin erschrocken an, doch deren Augen leuchten. "Ja", haucht sie. "Toll!" Ein Lob für einen Mann, der unglaublich viel fühlt. Vor allem im Vergleich zu mir.

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Esoterische Berufe: Ihr haltet uns für verrückt. Na und?
Ich deute in meiner Vorstellung an, dass ich Schwierigkeiten habe, Geld für Leistungen zu fordern, die ich gerne erbracht habe. Freude am Schreiben und Geld verdienen, ist das nicht zu viel? Darauf werden wir leider nicht mehr zu sprechen kommen. Stattdessen lerne ich, dass ich gefühlsmäßig unterirdisch bin.

Im Verlauf des Seminars hüpfe ich von einem Kreis aus roter Kordel in einen Kreis aus grüner Kordel, ich lasse mir Papiergeld für eine fiktive Massage überreichen, ich lasse mich matrixen und in einen Stuhl fallen, ich soll fühlen, fühlen, fühlen, und was passiert? Nichts. Ja, was soll ich fühlen, wenn ich in einem roten Kreis stehe? Langeweile? Nein, das darf nicht sein. Hier gibt's keine Langeweile. Es geht um meine Selbständigkeit, ich will, ich muss heute etwas lernen. Das will auch das Wirtschaftsministerium, schließlich fördert es dieses Seminar. Es öffnet dafür sein Geldsäckchen, gefüllt mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds, bezahlt die Trainerin und sagt später auf KarriereSPIEGEL-Nachfrage: "Die Veranstalter verpflichten sich, eine hohe Qualität zu praktizieren."

Theorien von der Esoterikmesse

Was unsere Trainerin praktiziert, nennt sie Matrix-Behandlung. Die soll unser Energiesystem verändern. Während eine Freiwillige mit geschlossenen Augen an ein Problem denkt, das sie loswerden möchte, zieht die Seminarleiterin mit Fingern Kreise durch die Luft, stupst die Probandin an Armen und Beinen und verkündet verheißungsvoll in unsere Zuschauerrunde: "Die Wellen können bis zu Euch hinüberreichen."

Ich wünsche mir Wellen in Form von Dollar-Zeichen, um irgendwie beim Thema zu bleiben, aber sie machen einen Bogen um mich. Die Matrix-Heilerin erzählt, dass diese Behandlung auf der Theorie der Quantenphysik beruht und dass sie davon zum ersten Mal auf einer Esoterikmesse gehört hat. Eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums wird mir später erklären: "Die Referenten haben ihre beratende oder schulende Tätigkeit mittels aussagefähiger Unterlagen wie Lebenslauf, Referenzen, Gewerbeanmeldung, Handelsregister-Auszug nachzuweisen."

Die Mama hilft beim Matrixen

In der zweiten Tageshälfte kommt noch eine Kollegin dazu, um beim Matrixen zu helfen. Die Seminarleiterin stellt vor: "Meine Mutter." Über ihre Referenzen kann ich leider nichts in Erfahrung bringen. Der Höhepunkt des Seminars: Die Künstlerin unter den Teilnehmern erzählt von einem jungen Berliner, der ohne Geld auskommt, sein Leben stattdessen auf Tauschbasis regelt. "Genial!", flötet unsere Trainerin. Und ich gebe die Hoffnung auf, noch Brauchbares mitnehmen zu können. Ich sitze in einem Geldseminar, in dem sich eine Anti-Kapitalismus-Debatte Bahn bricht.

Genehmigt wurden die Gelder für das Seminar vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, das im Auftrag des Wirtschaftsministeriums über Fördermittelanträge entscheidet. "Nach den eingereichten Unterlagen war davon auszugehen, dass ein richtlinienkonformes Seminar durchgeführt wurde", erklärt mir ein Sprecher. Er sagt aber auch: "Seminare, die esoterische Inhalte zum Gegenstand haben, können nicht gefördert werden."

Es würden stichprobenartig Kontrollen durchgeführt - vor Ort oder durch Telefonate mit den Teilnehmern, sagt die Sprecherin des Wirtschaftsministeriums. Es werde dabei abgefragt, "ob zweckdienliche Informationen zu wirtschaftlichen, finanziellen, technischen, organisatorischen, personellen, rechtlichen und steuerlichen Fragen der Unternehmensführung vermittelt worden sind". Ich wurde nicht befragt, antworte aber sieben Mal mit "Nein". Das Bundesamt will seine Entscheidung zu diesem Seminar nun noch mal überdenken.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Wiebke Schönherr lebt als freie Journalistin in Berlin. Sie schreibt häufig über steigende Mieten und mangelnden Wohnungsbau in der Hauptstadt und schaut für Themen auch gerne nach Osteuropa hinüber. Volontiert hat sie bei der Märkischen Oderzeitung in Brandenburg.

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Na, dann hoffen wir mal auf Jacob Augstein
tsitsinotis 23.04.2013
als neuen Chefredakteur, der Ihren schönen Bericht liest und Ihr Gehalt erhöht - ganz unesoterisch...
2. Ehrlich, schnörkellos
mickt 23.04.2013
und sachlich. Vielen Dank für diesen kosmischen Einblick! Was es nicht alles gibt!
3.
Olaf 23.04.2013
Zitat von sysopCorbisSie wollte lernen, wie sie sich als Selbständige besser vermarkten kann. Doch auf Tipps zum Geld verdienen wartete Wiebke Schönherr im Gründerseminar vergeblich. Stattdessen sollte sie Energiewellen spüren und in die Matrix abtauchen - mit staatlicher Förderung. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/staatlich-gefoerdertes-gruenderseminar-entpuppt-sich-als-esoteriktrip-a-893381.html
Mannomann, so ein Käse wird vom Staat und der EU gefördert und in unserer kleinen Stadt bekommen wir kein Jugendzentrum, weil es keine Zuschüsse gibt.
4. Quantenheilung
Verun 23.04.2013
Zitat von sysopCorbisSie wollte lernen, wie sie sich als Selbständige besser vermarkten kann. Doch auf Tipps zum Geld verdienen wartete Wiebke Schönherr im Gründerseminar vergeblich. Stattdessen sollte sie Energiewellen spüren und in die Matrix abtauchen - mit staatlicher Förderung. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/staatlich-gefoerdertes-gruenderseminar-entpuppt-sich-als-esoteriktrip-a-893381.html
Esoterischer Mist, wie Quantenheilung wird leider immer beliebter. Vielleicht ist der Reiz, sich eher von der komplizierten Wissenschaft weg und hin zu esoterischem Blabla zu wenden einfach zu groß. Wer sich vor Esoterik und anderem Aberglauben wappnen will, kann auf dem Blog UnfassbarLangweilig | …..denn Dummheit darf nicht selbstverständlich sein! (http://unfassbarlangweilig.wordpress.com) dazu sehr viel nachlesen (und mitmachen).
5. Ganz schön zynisch...
binaereLeseratte 23.04.2013
... so ein Seminar auch noch "Geld verdienen" zu nennen. Es fehlt der ehrliche Zusatz: "Machen Sie es so wie ich!" Den jungen Mann aus Berlin kenne ich glaube ich persönlich. Er umarmt immer unaufgefordert alle Menschen, die er trifft. Sicher sind Umarmungen ein kosteneffizienter und für manche vielleicht auch positiver Beitrag zur Gesellschaft - aber trotzdem finde ich auch, dass es mit dem ursprünglichen Thema hier nichts zu tun hat...
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