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Stadionsprecher Thomas Gottschalk des Stadions

Stadionsprecher: Stimmen für die Stimmung Fotos
privat

Sie haben einen Mann im Ohr und ein großes Herz für Fußball: Wieso Stadionsprecher Namen pauken, weshalb sie mit Maskottchen quatschen und warum Lotto King Karl beim Fußball nie stillsitzen kann - ein Blick an den Spielfeldrand, zu den wichtigsten Stimmen auf dem Fußballplatz.

Lars Sänger steigt in die Nationalelf auf. So jedenfalls fühlt er sich, wenn er bei der Frauen-Fußballweltmeisterschaft mit Mikro und Zettel am Rand des Dresdener Spielfelds steht. "Ich bin sehr froh über die Chance, bei so einem großen Turnier dabei zu sein", sagt er. Ein Karrieresprung für Sänger, der sein Handwerk beim Drittligisten Rot-Weiß Erfurt gelernt hat.

An den neun Spielorten des Turniers sind 14 Sprecher im Einsatz. Schon vor dem Anpfiff und in der Halbzeit stellen sie das WM-Maskottchen vor, interviewen Gäste und moderieren Filme an, die auf den Stadionleinwänden laufen. Bei der Spielaufstellung lesen sie die Vornamen, traditionell brüllt das Publikum die Nachnamen rein. Den Fußballfans verzeiht man, wenn diese Antwort etwas undeutlich ausfällt, nicht aber dem Mann oder der Frau am Mikro.

Für Stadionsprecherin Petra Klein gilt darum das erste Gebot: "Namen lernen, Namen lernen, Namen lernen." Sie hat die Begegnung USA-Kolumbien in Sinsheim moderiert. "Mir ist es auch wichtig, in der Sprache der auswärtigen Fans einen netten Satz sagen zu können", sagt sie. Darum müsse sie sich gründlich vorbereiten, auch auf die Interviews.

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Dabei hilft ihr die Erfahrung aus dem Berufsalltag - Petra Klein ist Radiomoderatorin, wie viele andere Stadionsprecher auch. Beim Südwestrundfunk kommentiert sie eher die regionale Küche, sie moderiert auch Oldtimer-Treffen, aber privat ist Fußball schon lange ihre Leidenschaft. Allerdings hat sie noch nie selbst gespielt: "Ich bin Jahrgang 1964, Mädchenfußball gab es für uns nicht. Umso besser finde ich es, dass wir jetzt eine Frauenfußball-WM in Deutschland haben", sagt sie, und aus ihrer warmen Stimme klingt Begeisterung.

Eine Frau am Mikro? Manuel Neuer staunte

Dass diese Frauenstimme Länderspiele der Frauen und auch der Männer moderiert, sorgt noch immer für erstaunte Blicke. Zum Beispiel beim Herren-Spiel Deutschland gegen Uruguay in Sinsheim: Nationaltorwart Manuel Neuer entdeckte die Frau am Mikro und zeigte sie den anderen Spielern. Die hätten überrascht, aber positiv reagiert, erzählt Klein.

Inzwischen haben sich Fans und Spieler auch an das Damen-Duett mit Kollegin Petra Dahl, Stadionsprecherin von Bayer Leverkusen, gewöhnt. Die beiden Petras gehören zum Sprecher-Pool des DFB für die Länderspiele der Damen- und Herrenmannschaften. Bei der Weltmeisterschaft übernehmen die DFB-Moderatoren die Mikros, wenn vor Ort kein geeigneter Stadionsprecher verfügbar ist. Die Atmosphäre sei bei Frauen-Länderspielen mindestens so gut wie bei den Männern, sagt Petra Klein: "Die Frauen sind vielleicht etwas gastfreundlicher. Wenn die Gegnerinnen ausgewechselt werden, gibt es für sie ebenfalls Applaus."

Bei Länderspielen außerhalb der WM stehen meist zwei DFB-Moderatoren am Mikro. Im Ohr sitzt ein unsichtbarer Helfer: Der Stadionregisseur sagt durch, wer das Tor geschossen hat. "Der Ablauf ist bei den internationalen Spielen streng vorgeschrieben", so Petra Klein. Bei Liga-Begegnungen müssen die Stadionmoderatoren dagegen meist selbst erkennen, ob der Ball nun wirklich hinter der Linie gelandet ist.

Früher begannen Durchsagen mit "Achtung, Achtung"

Auch dort hat sich ihre Rolle stark verändert. Das sagt einer, der es wissen muss: Arnd Zeigler, Stadionsprecher von Werder Bremen, außerdem Moderator der Sendung "Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs" bei Radio Bremen und im WDR-Fernsehen. Er erinnert sich an seine ersten Besuche im Bremer Weserstadion: Durchsagen begannen mit "Achtung, Achtung", die Lautsprecheranlage knarzte, den Stadionsprecher nahm man kaum wahr.

"Heute ist der Sprecher mehr Moderator als damals", sagt Zeigler. "Wir machen Interviews, müssen Mitmach-Aktionen 'verkaufen'. Im Stadion gibt es einen weitaus größeren Prozentsatz an Zuschauern, die ein wenig durch den Nachmittag geführt werden wollen." Kein Wunder, dass oft Radiojournalisten wie er diesen Job machen.

Matthias Opdenhövel war Borussen-Sprecher

Auch Lars Sänger ist hauptberuflich Sportreporter und Redakteur beim Mitteldeutschen Rundfunk. Bei Rot-Weiß Erfurt spielte er in der Jugendmannschaft, und als ihm der Verein das Stadionmikro anbot, sagte er nicht nein. Sänger bemüht sich, die Rollen als Sprecher und Journalist zu trennen. Damit niemand an seiner Neutralität zweifelt, berichtet er nicht über Fußball in Thüringen. "Ein Stadionsprecher muss den Spagat zwischen Familienfreundlichkeit und Fan-Dasein schaffen", sagt er, "sozusagen der Thomas Gottschalk des Fußballsachverstands."

Ebenfalls der Neutralität halber macht WDR-Moderator Arnd Zeigler eine satirische Sendung statt Sportberichterstattung. Matthias Opdenhövel, der ab Juli die Sportschau moderieren wird, arbeitet inzwischen nicht mehr als Stadionsprecher. Über die Zeit bei Borussia Mönchengladbach von 2004 bis 2006 will er heute nicht mehr reden, dabei hat ihn sein künftiger Chef, ARD-Programmdirektor Volker Herres, noch für sein Fan-Sein gelobt.

Bei internationalen Spielen müssen die Sprecher ohnehin neutral bleiben: "Es ist sehr wichtig, dass sie alle Teams gleich behandeln", erklärt Anja Kluck vom Lokalen Organisationskomitee für die WM, "das ist ein Gebot der Fairness."

Lotto King Karl: "Ich bin Fan"

Dagegen sind die Moderatoren bei Ligaspielen vor allem eins: die Stimme der Fans. Da darf es auch mal laut werden. So wie bei Lotto King Karl: Der Hamburger Deutschrocker, der angeblich in seinem früheren Leben den Lotto-Jackpot geknackt hat, moderiert die Spiele des HSV an der Seite von Dirk Böge. Vor dem Anpfiff dröhnt er mit seinen "Barmbek Dream Boys" die Vereinshymne "Hamburg, meine Fußballperle".

Für den Lottokönig ist klar, warum er ins Stadion geht: "Ich bin Fan." Still am Spielfeldrand zu sitzen ist für ihn unvorstellbar: "Ich bin nicht ruhig. Selbst wenn ich bei Freunden im Wohnzimmer Fußball gucke, stehe ich immer auf." Trotzdem muss er bei Fußballspielen manchmal etwas tun, was ihm sonst wohl schwer fällt: den Mund halten. Denn während des Spiels haben die Stadionsprecher meist Sendepause. Sie sagen nur Tore und Einwechselspieler an.

Lotto King Karl nutzt oft die Halbzeitpause, um umstrittene Entscheidungen zu kommentieren. "Ich sage dann auch schon mal zu den Fans: Das war jetzt aber wirklich Abseits." Das sehe er auch als seine Aufgabe an, "ein bisschen das Drehmoment aus der Kurve rausnehmen."

Für den Erfurter Lars Sänger ist das die größte Herausforderung: sachlich informieren, beruhigen und gleichzeitig überzeugter Anhänger der Mannschaft sein. "Man muss die Familien ansprechen, aber auch den Fan in der Kurve, der alles daran setzt, seine Mannschaft zum Sieg zu schreien."

Nicht immer kann es der Moderator allen recht machen, sagt Sänger, und: "Die Stimmung muss auch von den Fans ausgehen. Man sollte nicht überziehen. Ein Schreihals kommt nicht gut an." Das Wichtigste bleibe aber: "Ein Stadionsprecher muss selbst ein großes Herz für Fußball haben."

  • Eva-Maria Simon (Jahrgang 1984) ist freie Journalistin (www.weitwinkel-reporter.de). Sie schreibt vor allem über Arbeit und Soziales.

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1. Titel? Ja genau, Titel muss sein!
unterländer 10.07.2011
Zitat von sysopSie haben einen Mann im Ohr und ein großes Herz für Fußball: Wieso Stadionsprecher Namen pauken, weshalb sie mit Maskottchen quatschen und warum Lotto King Karl beim Fußball nie stillsitzen kann - ein Blick an den Spielfeldrand, zu den wichtigsten Stimmen auf dem Fußballplatz. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,773082,00.html
Wo ist Frau Klein denn aufgewachsen? Sie ist Jahrgang 1964 und fand keine Frauenfußballmannschaft? Mit Frauen (Mädchen) dieses Jahrgangs (und älter) gab es bereits vor 40 Jahren einen Ligabetrieb incl. Jugendmannschaften.
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