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So funktioniert Start-up Lernen, sein Ding zu machen

Julia Bösch gründete Outfittery, einen Dress-Service für Modemuffel Zur Großansicht
Outfittery

Julia Bösch gründete Outfittery, einen Dress-Service für Modemuffel

Viele, die ein Unternehmen gründen wollen, lassen sich zuvor bei einem Start-up anstellen. Nirgends lernt man schneller und mehr - und jede Menge Kontakte gibt es obendrein. Und die braucht man, um an Geld für die eigene Idee zu kommen.

In der Start-up-Szene kursiert ein Witz. Sagt der Finanzchef zum CEO: "Was bringt es, wenn wir Leute einstellen, in sie investieren und nach zwei Jahren sind sie weg?" Sagt der CEO: "Was bringt es, wenn wir Leute einstellen, nichts in sie investieren und nach zwei Jahren sind sie noch da?"

So wie der CEO ticken viele Chefs der Gründer-Szene: Sie fördern ihre Mitarbeiter, auch wenn sie wissen, dass die Beziehung wahrscheinlich nicht lange hält. Wie Dirk Graber, der vor sechs Jahren in Berlin den Onlinebrillenhändler "Mister Spex" gründete und heute mit 300 Leuten 48 Millionen Euro umsetzt. In diesem Jahr will er die schwarze Null schaffen. In seinem Team sitzen viele junge Leute, die bereits beim Bewerbungsgespräch schon wieder an Abschied dachten.

"Hier muss keiner fünf Jahre bleiben", sagt Graber, der keine Konzernhocker, sondern Unternehmertypen sucht, die das Geschäft voranbringen. Auch wenn sie oft nach wenigen Jahren den Absprung wagen: In die eigene Firma. Graber sagt: "Vom Deal auf Zeit profitieren trotzdem beide." Weil Start-up-Gründer oft keine großen Gehälter zahlen können, bieten sie ihren Mitarbeitern viel Entscheidungsfreiheit - und einen schnellen Aufstieg mit Führungsverantwortung.

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Start-ups in Berlin: Zwischen Hype und Realität
Sein Ding machen, heißt das in der Branche. Auch Julia Bosch, 30, machte ihr Ding - zunächst bei einer Onlineagentur in Konstanz. Während ihrer Schulzeit jobbte sie in der Internetfirma, optimierte Keyword-Portfolios. "Die Atmosphäre war toll, man hat mir viel zugetraut", sagt sie. Nach dem Abi wusste sie, was sie wollte: "mein eigenes Baby aufbauen". Bösch studierte BWL, setzte noch einen "Master in Technology Management" drauf und ging nach Berlin. "Immer stand das Selbstgründen im Vordergrund", sagt sie, "aber ich wollte erst mal lernen, wie das geht."

Also suchte sich die junge Frau zunächst ein Start-up-Unternehmen, das rasant wächst, ohne Planstellen, auf denen man jahrelang festsitzt. Sie landete beim Onlinehändler Zalando. "Smarte Leute kriegen in Start-ups nahezu unbegrenzte Verantwortung", sagt Bösch. Am Ende organisierte sie das Internationale Geschäft, trieb unter anderem die Ausweitung nach Holland, Frankreich und in die Schweiz voran.

Nach zwei Jahren klinkte sie sich wieder aus, um mit einer eigenen Idee auf den Markt zu gehen: Outfittery.de. Ein Angebot für männliche Modemuffel, die sich zwar schick kleiden, aber ihre Samstage nicht in Boutiquen vertrödeln wollen. Die Männer füllen einen Internetfragebogen aus, geben Größe, Statur und Lieblingsstil an. Anschließend suchen Mode-Experten die passenden Outfits zusammen: Anzüge, Pullover, Hemden - alles kommt per Post nach Hause. Was dem Kunden nicht gefällt, schickt er zurück.

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Investor auf Start-up-Messe: Zwischen Bauchgefühl und Businessplan
Julia Bösch ist zuständig für Marketing und Sales, ihre Kollegin Anna Alex kümmert sich um Onlineplattform und Einkauf. Die beiden lernten sich während Böschs Zeit bei Zalando kennen. Auch das ist typisch in der Start-up-Szene, wo der Job gleichzeitig der Eintritt in eine inspirierende Gemeinde ist: Auf ihren verschiedenen Stationen knüpfen die Gründer Kontakte, treffen sich bei Stammtischen, auf Gründertagen und bei Workshops, feiern Partys. Gemeinsam schmieden sie Pläne und verwerfen sie wieder. Bis am Ende vielleicht eine gute Idee steht. Mit der Idee gingen Julia Bösch und ihre Kollegin dann auf den Markt.

"In diesem Umfeld gibt es eine starke Kultur der Bestätigung und kaum Bedenkenträger", sagt Stephan Stubner von der Handelshochschule Leipzig. Der Professor für strategisches Management hat sich auf Unternehmensgründungen spezialisiert und weiß, wovon er spricht. Schließlich ist er selbst ein Start-up-Gewächs, gründete vor seiner Uni-Laufbahn Unternehmen wie das Preisvergleichsportal ciao.de. Bis heute finanziert er über einen Business-Angel-Fonds diverse Start-ups mit.

Stubner sagt: Die Nähe zur Community sei für seine Studenten der beste Weg, um neue Wege zu beschreiten. Deshalb lädt er auch immer wieder Unternehmen ein, die von der Front erzählen und organisiert regelmäßig Start-up-Konferenzen mit erfolgreichen Absolventen, die nach Angaben der Schule bisher 130 Unternehmen gegründet und mehr als 2500 Jobs geschaffen haben.

Viele der Ehemaligen sind heute Mentoren, die den Neulingen helfen, wenn sie am Ende ihres Studiums und ganz am Anfang ihres Berufs stehen - allein mit ihrem Wissen und der Idee.

Mit nichts als einer Idee hat auch Brillenhändler Dirk Graber angefangen. Fixe Idee, dachten wohl die Investoren, als er ihnen sein Konzept vorstellte. Beim ersten Gespräch glaubte keiner, dass irgendwer einmal eine Brille im Internet kaufen würde. Grabner bekam trotzdem Geld. Aber nur, weil andere erfolgreiche Gründer die Investoren schließlich von der Idee überzeugten.

Ganz anders bei Julia Bösch. Sie konnte den Investoren schnell klar machen, dass ein Samstag auf dem Fußballplatz schöner ist als ein Bummel in der Stadt. Und dass es viel schneller geht, Anzüge per Klick im Internet zu kaufen. Im Frühjahr sammelte die Chefin von Outfittery 13 Millionen Euro ein. Bösch hat inzwischen 150 Mitarbeiter, in ihrer Datei stehen 100.000 Kunden. Jetzt will sie mit ihrer eigenen Firma machen, was sie bei Zalando gelernt hat - expandieren. Nach Österreich, der Schweiz und Holland kamen jüngst noch Belgien, Luxemburg und Schweden dazu.

Ach ja, und Dänemark. Die Vorbereitung des Markteintritts plante ein motivierter Praktikant. Der ist jetzt wieder an der Uni, aber Julia Bösch ahnt, was er dort treibt: "Ich kann mir vorstellen, dass er über ein eigenes Unternehmen nachdenkt."

  • Hannes Külz lebt in Berlin und schreibt Porträts und Reportagen für verschiedene Zeitungen und Magazine. Er ist Autor einer Manga-Biografie über den Industriellen Robert Bosch.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Bootsbau
martin2011ac 04.12.2014
Wenn du ein Boot die Sehnsucht nach dem Meer. Man muss halt seine Ideen zu den Ideen der Mitarbeiter machen und man muss teilen. Bei uns haben wir den Mitarbeitern Aktien der jb-webs.com gegeben und die arbeiten viel und gerne allerdings haben wir auch keine 300 Mitarbeiter - also so ganz kann man das wohl nicht vergleichen
2. unglaublich
hermann_huber 04.12.2014
13 Mio mal eben eingesammelt, Respekt! 130 Firmen zu gründen finde ich sehr gut! Bringt mehr Jobs als 1000 Verwaltungsbeamte. Was ich nur nie verstehen werde ist das die Läden mit 50 Mio Umsatz irgendwann vielleicht mal ins Plus kommen. Das muss ich in meiner Firma seit Beginn vor 20 Jahre fast durchgängig machen. Hatte allerdings auch nich so ein grosses Wachstum. Selten mehr als 100% per anno. Allerdings auch ohne 13 Mio Fremdkapital ;)
3. Start ups völlig überbewertet
atheltic-dept. 04.12.2014
Die meisten Start ups gibt es nur eine kurze Zeit. Niemand braucht die meist unsinnigen ideen. Natürlich ist es cool in Berlin, in einem alternativen Büro zu sitzen und irgendwas in den apple zu hacken. Natürlich mit feinem Mützchen auf dem Kopf. Jedoch überleben nur 10% eine längere Zeit durch eine brauchbare idee. Der Rest verschwindet wieder aus dem Berliner Altbau. Wer braucht den einen Müsli Versand oder eine Hundespazierbörse?
4. Outfittery: Start-Up-Marketing, Lesson I
mimamausebär 04.12.2014
Es auf SPON zu schaffen, ist nur die halbe Miete. Im Marketing-Seminar "Nachhaltiges diskreditieren zufriedener Kunden-Stimmen" haben wir gelernt, dass man als Start-Up unbedingt Mitarbeiter ermuntern soll, kommentarlos fünf Sterne bei reichweitenstarken Bewertungsplattformen abzugeben. Vor allem die in Massenmedien bekannt gemachten Mitarbeiter! So kommen die enttäuschten bis wütenden Ein-Sterne-Kommentare tatsächlicher Kunden besser zur Geltung. Selbst dann noch, wenn das Unternehmen irgendwann seine Startschwierigkeiten in den Griff bekommen sollte.
5. Etwas mehr Respekt bitte..
rschwanke 04.12.2014
Zitat von atheltic-dept.Die meisten Start ups gibt es nur eine kurze Zeit. Niemand braucht die meist unsinnigen ideen. Natürlich ist es cool in Berlin, in einem alternativen Büro zu sitzen und irgendwas in den apple zu hacken. Natürlich mit feinem Mützchen auf dem Kopf. Jedoch überleben nur 10% eine längere Zeit durch eine brauchbare idee. Der Rest verschwindet wieder aus dem Berliner Altbau. Wer braucht den einen Müsli Versand oder eine Hundespazierbörse?
In der Sache völlig richtig: Ein Start-up zu gründen ist ein riskantes Unterfangen und viele werden scheitern. Umso respektabler ist es, wenn jemand diesen Schritt wagt und seine Existenz an eine kreative Idee knüpft. Unsere Gesellschaft braucht mehr von diesen Leuten und die bekommen wir dann, wenn die Gesellschaft ihnen auch die gebührende Anerkennung zollt und ein Scheitern sozial akzeptabel ist!
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