Start-up-Pioniere "Ich dachte, die ziehen eine schnelle Nummer ab"
Windbeutel oder Geschäftsgenie? Unternehmensgründer müssen potentielle Geldgeber nicht nur von ihrem Produkt überzeugen, sondern auch von den eigenen Fähigkeiten. Das Beispiel des Start-ups Bonusbox zeigt, mit welchen Vorurteilen sie oft kämpfen.
Die Schlesische Straße in Berlin hätte sich kein In-Städte-Reiseführer schöner ausdenken können: Cafés mit wackligen Stühlen auf dem Trottoir reihen sich an kleine Läden voller Off-Labels und schrillem Design, ein Hostel bietet Betten für neun Euro die Nacht, die malerisch verkommenen Fassaden der Gründerzeitbauten zieren Graffiti. Hier gedeiht die Künstler-Bohemien-Was-mit-Medien-Szene, für die sich die Hauptstadt Deutschlands einen Namen gemacht hat.
In der Hausnummer 26, direkt an einem Seitenarm der Spree gelegen, sprießen die unternehmerischen Blüten dieser Kultur. In den Backsteingebäuden voller Werkräumen und Fabriketagen haben unzählige Startups günstige Räume gemietet. Gleich am Eingangstor offeriert ein Surfershop selbstdesignte Boards. Weiter hinten in der Abfolge der Höfe wird das Angebot der jungen Firmen immer virtueller. Die meisten Unternehmen sind im Cyberspace tätig, programmieren Apps für Smartphones und Tabletrechner oder Anwendungen fürs soziale Netzwerken - im Hinterkopf die vage Hoffnung, eines Tages wie Instagram für Milliarden aufgekauft zu werden.
Um diese Web- und Mobile-Start-ups entstand in den vergangenen zwei Jahren ein neuer Gründerboom, der zwar an den Dotcom-Hype der Jahrtausendwende erinnert, aber doch ganz anders läuft: professioneller und bodenständiger. Wie sich die Situation der Start-ups in Deutschland verändert hat, lesen Sie in der aktuellen Print-Ausgabe des manager magazin.
Erfahrene Gründer, Manager und Geldgeber bieten dem Entrepreneur-Nachwuchs alle erdenklichen Hilfen an. So sollen kreative Neulinge die fatalen Fehler vermeiden, die Anfang der Nullerjahre große Werte vernichteten. Gleichzeitig aber fordern die Förderer den Möchtegern-Unternehmern mehr ab - konkrete Geschäftsmodelle mit realistischen Umsatz- und Gewinnerwartungen, die Erfüllung von präzise definierten Meilensteinen, harte Arbeit und äußerste Sparsamkeit.
"Nur mit einer smarten Idee kommst du heute nicht mehr durch", das weiß Paul Gebhardt aus seiner eigenen Erfahrung des vergangenen Jahres. Der Gründer und Geschäftsführer von Bonusbox, einer Art Rabattkartenanbieter für Facebook, hat es am eigenen Leib erfahren: "Nur wer einen stringenten Plan vorlegen kann und mit regelmäßigen Updates beweist, dass er auch tatsächlich weiterkommt, hat überhaupt eine Chance."
Fantasy-Figuren, barbusige Wollmützenträgerinnen und süße Kätzchen
Der Volkswirt, der eigentlich nach seinem Studium in Maastricht Investmentbanker werden wollte, hat es auf diese Weise immerhin schon in den Gründerhotspot auf der Grenze zwischen Friedrichshain und Kreuzberg gebracht. Im dritten Hof, Aufgang B, 4. Stock, hinter einer schweren Metalltür trifft der Besucher zunächst auf eine Ansammlung erstaunlicher Gemälde. In schreienden Acryltönen springen ihn Figuren aus Fantasy-Spielen, barbusige Wollmützenträgerinnen und süße Kätzchen an - das Warenlager eines Onlineversenders, der Bilder nach Wunsch liefert.
Die Bestellkunst-Macher verweisen grinsend auf eine dünne Sperrholztür hinter der Kaffeeküche. Dort drängeln sich die mittlerweile elf Mitarbeiter von Bonusbox in einem Raum von etwa 60 Quadratmetern Größe. Nicht mal ein Namensschild klebt an der Tür zu der Fabriketage. Gebhardt teilt sich mit seinem Mitgründer Robert Heesen, einem Absolventen der Leipziger Handelshochschule, einen Tisch. Dazu Laptops und Smartphones, ein paar Aktenordner im Raumteilerregal - fertig ist das spartanische Inventar der neuen Gründerzeit.
"Wir wollen Unternehmen ein Vehikel zur Kundenbindung auf Facebook anbieten", erklärt Gebhardt die Idee, mit der er gemeinsam mit Heesen vor gut einem Jahr das Unternehmen ins Leben rufen wollte. "Das System der Rabattmarken ins soziale Netz übertragen" - mit diesem Pitch traten die beiden Wirtschaftswissenschaftler im März 2011 bei einer jener unzähligen Start-up-Veranstaltungen auf, die in Berlin mittlerweile fast wöchentlich stattfinden, in anderen Städten zumindest im Monatsrhythmus. Seedcamp hieß das Event, in dem in der Gründerszene berühmten Betahaus - einem Bürogebäude für das sogenannte Co-Working.
"Gründen, Verkaufen, Kassieren"
Rund 200 Freiberufler teilen sich hier W-Lan, Arbeitsplätze, Meetingräume, ein Café und viel freien Platz für die verschiedensten Veranstaltungen - das ideale Umfeld für die kreativen Gründer. Im Wettbewerb der Ideen um 50.000 Euro Startkapital versagte das Bonusbox-Team zwar schmählich, wie sich Heesen erinnert: "Wir kamen nicht unter die Auserwählten, weil unser Geschäftsmodell nicht ausgereift war." Dennoch sieht er den Tag im Betahaus als echten Startpunkt für sein Unternehmen: "Wir trafen dort Mark, den Geschäftsführer von Paypal Deutschland, und Dominik, den Marketingchef von Payback." Merke: In der Berliner Gründerszene wird ausnahmslos geduzt.
Die beiden gewieften Manager, die sich auch als Business Angels betätigen, mochten die Idee vom Rabattsystem. Sie brachten die Gründeraspiranten mit Christian Thaler-Wolski zusammen, der sich beim Venture-Capital-Unternehmen Wellington Partners um die Webwelt kümmert. "Nach unserer ersten Gesprächsrunde habe ich die beiden mit nur sechs von zehn Punkten bewertet", erinnert sich der Risikokapitalgeber: "Mein erster Eindruck war - da wollen zwei BWLer eine schnelle Nummer abziehen: Gründen, verkaufen, kassieren." Dieses harsche Urteil hat Thaler längst revidiert: "Paul und Robert haben bis jetzt alles richtig gemacht."
Die Tochter der Bankerin war total verrückt nach Facebook
Mit vollem Einsatz hätten sie bewiesen, dass sie ihre Konzeption in der Frühpase umsetzen und erste Kunden gewinnen können - weshalb Wellington mittlerweile gemeinsam mit Partnern in Bonusbox investiert hat. Heute funktioniert das Bonussystem: Wiederholungseinkäufe im Web werden bei den mittlerweile rund 150 integrierten Shops mit Gutscheinen belohnt, die bei allen teilnehmenden Onlineläden eingelöst werden können.
Bis es soweit war, mussten die beiden Gründer hart arbeiten. Im April 2011 kratzten sie ihr gesamtes Erspartes zusammen - Gebhardt aus seinem ersten Job als Analyst bei einem Hedgefonds und Heesen aus seiner Tätigkeit bei einem aufstrebenden Internetportal. Bei der Berliner Sparkasse bekamen sie sogar einen Kredit, weil die zuständige Bankerin eine Tochter hatte, die "total verrückt nach Facebook" war.
Für neun Monate reichte das Geld. Sie bauten einen Prototypen und warben erste Kunden, etwa den Schmuckhändler Christ, die Bekleidungsketten Vero Moda und Jack&Jones oder das Reiseportal Fluege.de. Doch diesen Aufbau sehen sie heute als den einfacheren Teil ihres Jobs. "Mindestens die Hälfte der Zeit ging dafür drauf, Geldgeber und Mitarbeiter zu akquirieren", beschreibt Gebhardt die beiden größten Herausforderungen.
"Regelmäßig unsere Fortschritte erklärt"
Klar, heute gibt es breit gefächerte Finanzierungsangebote für startende Geschäftsleute - erfolgreiche Gründer und erfahrene Manager geben Kapital und Knowhow. Immer mehr Wohlhabende und Wohlmeinende wollen am Gründerboom partizipieren. Doch trotz der neuen Angebotsfülle, die es in dieser Breite und Vielfalt wohl noch nie in Deutschland gab, ist der richtige Partner nicht leicht zu finden.
Permanent hätten sie Listen von potenziellen Geldgebern erarbeitet, Veranstaltungen besucht, über Netzwerke wie Xing oder LinkedIn, aber auch über persönliche Kontakte wie ihre beiden Business Angels oder Uni-Alumni mögliche Investoren angesprochen, erzählen die beiden Gründer. Immer wieder hätten sie auch Thaler-Wolski angemailt: "Wir haben ihm regelmäßig Updates geschickt, unsere Fortschritte erklärt." Der Aufwand zahlte sich aus: "Am Ende hatten wir deutlich mehr Interessenten, die uns finanzieren wollten, als wir überhaupt Geld brauchten", erzählt Heesen.
Deutlich schwieriger gestaltete sich dagegen die Suche nach einem Programmierer, der die theoretische Idee in praktische Software umwandeln konnte: "Nach einem IT-Spezialisten haben wir länger gesucht als nach einem Geldgeber", beschreibt der Jungunternehmer das derzeit größte Problem für Gründer. Jeden Tag schrieben sie 30 bis 40 Softwareentwickler an, fragten permanent im persönlichen Netzwerk herum, besuchten Technikertreffen, um sich Knowhow und die passende Fachsprache anzueignen.
"Den Programmierern musst du ebenso eine Vision verkaufen wie dem Investor", beschreibt Heesen die Methode, die ihm schließlich zum Erfolg verhalf: "Er muss das Produkt für sein Baby halten." Ohne Unternehmensbeteiligung für den Technologen gehe es deshalb auf keinen Fall. Zwischen 10 und 20 Prozent sind derzeit offenbar der gängige Anteil für den Chefentwickler. Doch selbst die locken nicht, wenn der Spaßfaktor fehlt. "Die guten Programmierer wollen sich selbst verwirklichen, etwas wirklich Einmaliges und Innovatives erschaffen", sagt der Gründer. Zumindest da passen sie ja perfekt mit den Start-ups zusammen.
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