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16. Januar 2013, 06:30 Uhr

Die aktuelle Stellenanzeige

Wolfmann gesucht, Arbeitsort Manege

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Der englische Circus of Horrors sucht einen Mitarbeiter, der mindestens 60.000 Haare im Gesicht hat - Bärte und Perücken zählen nicht. Doch eigentlich hofft der Zirkusdirektor, dass sich kein Bewerber meldet.

Kein Job für Angsthasen, Leisetreter oder Kuschelkaninchen: Der englische Circus of Horrors sucht einen Wolfmann. Das Ensemble ist seit seinen Auftritten beim britischen "Supertalent" für eine Freakshow mit Metal-Musik berühmt, seit 18 Jahren lotet es die Grenzen des guten Geschmacks aus. Damit ist klar: Der gebotene Job ist was für Rampensäue und Zotenspürhunde, auch der Chef, Dr. Haze, ist dafür berüchtigt, an keiner sich bietenden Pointe vorbeizukommen, und klebe sie noch so weit unten an der Straßenlaterne. KarriereSPIEGEL zitiert die Originalanzeige, erschienen auf der Webseite des Zirkus, und erklärt ihre größten Auffälligkeiten. Also eigentlich alles.

Es wird ein echter Wolfsmensch gesucht, ein - pardon my French - Freak für die Show des Dr. Haze. Ihm geht es um Leute, die schon auffallen, wenn sie gar nichts machen, etwa weil sie besonders klein, lang oder dick sind. Ihre Kunststücke variieren von typischer Zirkuskost, etwa Entfesselung und Schwertschluckerei, bis hin zu artistischen Verhaltensauffälligkeiten, etwa indem man sich an geklammerten Brustwarzen in die Höhe ziehen lässt.

Der Hinweis auf die Frau mit Bart verstößt ganz klar gegen Antidiskriminierungsgrundsätze im deutschen Arbeitsrecht. Aber wahrscheinlich soll das nur eine kleine Schote von Dr. Haze sein. Politically correct ist der ohnehin nicht, denn Wolfsmenschen gibt's gar nicht. Früher sprach man von "Haarmenschen", die das seltene Phänomen der Hypertrichose haben, also übersprießende Körperbehaarung.

Eine kurze Rückfrage beim örtlichen Arbeitsamt ergibt: Die Auswahl der Bewerber dürfte überschaubar werden. Tatsächlich passt die Beschreibung derzeit in Großbritannien wohl nur auf einen Menschen, Jesús Aceves. Der aber arbeitet schon beim Circus of Horrors - als Wolfmann. Mit einem Wolf hat er freilich nichts gemein, auch er hat Hypertrichose.

Sein einziger Schönheitsfehler: Er ist Mexikaner. Eigentlich kein Problem, aber deshalb darf er nach britischem Recht erst dann auf der Insel arbeiten, wenn sein Chef belegt, dass er keinem Einheimischen den Job wegnimmt. Daher diese Stellenanzeige. Dr. Haze macht keinen Hehl daraus, dass die eigentlich Unfug ist: "Wir sind ziemlich sicher, dass sich niemand auf die Ausschreibung meldet, aber wir müssen dennoch diese Stelle anbieten", sagte er dem "Daily Telegraph".

Entsprechend lustlos geht der Zirkus mit den Formalia um: Gut, es wird ziemlich viele Auftritte in kurzer Zeit geben. Aber über Sozialleistungen oder Arbeitszeiten wird kein Wort verloren - geschweige denn über Aufstiegsperspektiven, bei denen man nicht in die Brustwarzen gekniffen wird.

Zumindest auf der staatlichen Plattform Direct.gov.uk, auf der die Anzeige ebenfalls eingestellt wurde, wird ein Gehalt genannt: 300 Pfund pro Woche. Damit kommt der behaarte Artist auf ein Monatsgehalt von gut 1400 Euro, nicht eben üppig bei den englischen Lebenshaltungskosten. Andererseits haben es Menschen mit einem so auffälligen Erscheinungsbild am Arbeitsmarkt nach wie vor sehr schwer. Eine BBC-Dokumentation von 2005 zeigt, wie sich Aceves für eine Bürostelle rasierte. Doch wenig später kehrte er zum Zirkusfach zurück und ließ die Haare wieder wachsen.

Das Gehalt kommentiert Dr. Haze nicht. Aber solch eine Rechnung findet er sicher amüsant: 1 Pfund für je 200 Gesichtshaare.

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