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Wie kann man nur... ...für einen Mörder kämpfen, Herr Heuchemer?

Anwalt Michael Heuchemer mit seinem Mandanten, dem Kindsmörder Gäfgen (links), vor Gericht: "Eine berufliche Erfahrung, die ich nicht missen möchte" Zur Großansicht
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Anwalt Michael Heuchemer mit seinem Mandanten, dem Kindsmörder Gäfgen (links), vor Gericht: "Eine berufliche Erfahrung, die ich nicht missen möchte"

Manche Fälle bringen Rechtsanwälte an ihre Grenzen. Aber auch der übelste Verbrecher hat Anspruch auf ein faires Verfahren. Michael Heuchemer erklärt, warum er als junger Strafrechtler in seinem ersten großen Fall den Kindsmörder Magnus Gäfgen vertrat.

"Als Strafverteidiger verteidige ich eine Tat nicht in dem Sinne, dass ich sie verniedliche, billige oder gar befürworte. Ich sorge im Strafprozess für ein faires Verfahren.

Wenn nur die Anklagebehörde und das Gericht aufträten, könnte der Prozess zu keinem gerechten Ergebnis führen. Justitias Waage würde sich zum Nachteil des Angeklagten senken. Dieser hat das Recht, die Erhebung entlastender Beweise zu verlangen. Der Verteidiger ist oft der Einzige, dem sich der Beschuldigte anvertrauen kann, der ihm zuhört und professionellen Beistand leistet.

Als meine Familie und Freunde erfuhren, dass ich Magnus Gäfgen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) vertreten würde, haben sie einhellig Respekt und Verständnis gezeigt. Gäfgen hatte den Bankierssohn Jakob von Metzler entführt und ermordet, dafür war er 2003 zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Der EGMR sollte prüfen, ob die Androhung von Folter bei Gäfgens polizeilicher Vernehmung rechtens war.

Der Verteidiger ist kein kunstvoller Berufslügner

Tatsächlich stellte das Gericht 2010 fest, dass Gäfgen Opfer eines Verstoßes gegen die Menschenrechte geworden war. Wer sich näher mit dem Fall befasst, sieht diese andere Seite, geprägt von systematischem staatlichem Unrecht und Vertuschung, wobei Menschenrechte, Grundrechte und Freiheitsrechte mit Füßen getreten wurden.

Für mich war der Gäfgen-Prozess eine berufliche Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Aber es kommt auch vor, dass ich Mandate ablehne. Das ist ein Kapazitätsproblem. Wenn man den Job über längere Zeit gut macht, spricht sich das herum. Entsprechend viele Anfragen kommen herein. Ich leiste mir den Luxus, Mandate abzulehnen, um die Qualität meiner Arbeit zu sichern und mich nicht in der Masse der Mandate zu verkämpfen. Das gehört zu meinem beruflichen Ethos.

Der Verteidiger ist kein kunstvoller Berufslügner. Die bewusste Lüge und Zeugenbeeinflussung sind klar verboten. Moral bedeutet für mich auch, mich furchtlos und unabhängig für die Rechte meiner Mandanten einzusetzen und mich der oft übermächtigen staatlichen Strafverfolgungsmaschinerie entgegenzustellen."

Zur Person
  • DPA
    Michael Heuchemer, 37, wurde bundesweit bekannt, als er für Magnus Gäfgen Beschwerde vor dem EGMR einlegte. Der Strafrechtler führt im rheinland-pfälzischen Bendorf eine eigene Kanzlei. Der Gäfgen-Prozess war sein erster großer Fall als Rechtsanwalt.


Aus SPIEGEL JOB 1/2013

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insgesamt 18 Beiträge
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    Seite 1    
1. Professionelle Distanz
nebenbeibemerkt... 10.09.2013
Wenn diese vorhanden wäre, könnte ich Herrn Heuchemer für seinen Einsatz für Magnus Gäfgen tatsächlich respektieren. Die Grundlage für den Rechtsstaat ist ja wirklich, dass selbst die übelsten Verbrecher einen Fürsprecher bekommen, der sich für ihre gesetzlich garantierten Grundrechte einsetzt. So weit, so gut. Aber Herr Heuchemer ist in diesem Fall doch weitaus mehr engagiert, als sein Mandat es verlangt. Er brachte Gäfgens unsägliches Buch im Eigenverlag heraus (und versuchte dann, es bei Amazon für weniger als den gebundenen Ladenpreis zu verkaufen - nur so nebenbei) und gründete für ihn eine Stiftung. Professionelle Distanz sieht anders aus.
2. Warum bekommt der Mann eine Plattform?
Wolf im Wolfspelz 10.09.2013
Das Mandat für einen Prozess übernehmen stellt grundsätzlich kein Problem dar. Wir leben schliesslich in einem Rechtsstaat. Aber das Engagement des Herrn Heuchemer geht weit über die Sache hinaus. Gerne hätte ich in dieser Sache Statements zum Thema Gäfgen-Stiftung oder die Gründung eines Verlags zur Publikation eines einzigen Buches gehört: Das unsägliche und die Opfer verhöhnenden Machwerk des verurteilten Kindermörders, bei dem er sich nicht zu schade war, ein Vorwort beizusteuern. Man sollte sich mit der Sache nicht gemein machen. Gilt das auch für Sie und Ihr Mandat, Herr Heuchemer?
3. Richtig nuanciert
Mertrager 10.09.2013
Zitat von nebenbeibemerkt...Wenn diese vorhanden wäre, könnte ich Herrn Heuchemer für seinen Einsatz für Magnus Gäfgen tatsächlich respektieren. Die Grundlage für den Rechtsstaat ist ja wirklich, dass selbst die übelsten Verbrecher einen Fürsprecher bekommen, der sich für ihre gesetzlich garantierten Grundrechte einsetzt. So weit, so gut. Aber Herr Heuchemer ist in diesem Fall doch weitaus mehr engagiert, als sein Mandat es verlangt. Er brachte Gäfgens unsägliches Buch im Eigenverlag heraus (und versuchte dann, es bei Amazon für weniger als den gebundenen Ladenpreis zu verkaufen - nur so nebenbei) und gründete für ihn eine Stiftung. Professionelle Distanz sieht anders aus.
Genau so sehe ich es auch. Korrektes Bemühen um Verteidigung ist ok. Aber Engagement über die im Prozess sinnvolle Verteidigung hinaus ist Glatteis. Und in diesem Fall stimme ich den Ansichten von "nebenbeibemerkt" uneingeschränkt zu. Auch diese Veröffentlichung im Spiegel kann man kritisch sehen. Das hat nur ein Rechtsanwalt mit unbefriedigtem Geltungsbedürfnis nötig. Professionell ist das nur bedingt, nämlich vom Marketing her. Sonst eher nicht.
4. Werbung ist alles
maradonnes 10.09.2013
Sicher ist dieser Fall eine tolle Werbung für den jungen RA gewesen - mittlerweile kann er sich den Luxus leisten, Mandate abzulehnen. Von daher habe ich vollstes Verständniss - kommerziell gesehen. Ich gehe nicht davon aus, das sich der Verteidiger mit dem Täter solidarisiert. Wollen wir hoffen, das Herr Gäfgen noch ein bischen Zeit hat, ungestört in seiner Zelle über seine Tat zu reflektieren, bisher hält sich seine Reue ja in Grenzen - durch alles was er in den letzten Jahren getan hat, verhöhnt er sein Opfer
5. Heuchler
leser2011 10.09.2013
Ich kann mich "Nebenbeibemerkt" nur anschließen. Ich kann es nicht mehr hören, wenn Strafverteidiger wie Herr Dr. Heuchemer, die Mandate aus Geld- oder Publicity-Gründen übernehmen, nachher behaupten, nur aus edlen Motiven und zur Wahrung des Rechtsstaats gehandelt zu haben. Bemerkenswert, wie Herr Heuchemer darauf abstellt, dass der Fall von systematischem staatlichem Unrecht und Vertuschung, wobei Menschenrechte, Grundrechte und Freiheitsrechte mit Füßen getreten wurden, geprägt war. Damit fährt er dieselbe Linie wie der Kindsmörder Gäfgen, der in Selbstmitleid badet. Das hat mit professioneller Distanz nichts zu tun. Ich denke bzgl. des Egos gibt es hier eine gewisse Seelenverwandtschaft zwischen Anwalt und Mandant, gut ersichtlich aus dem Interview und der Homepage des Anwalts.
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