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Streit um Kündigung Den Chef grob beleidigt - dennoch kein Rauswurf

Vorsicht, Choleriker: So ein Wutanfall kann übel enden Zur Großansicht
Corbis

Vorsicht, Choleriker: So ein Wutanfall kann übel enden

Wer seinen Boss als "Wichser" beschimpft und die Firmenleitung als "Arschlöcher", muss mit fristloser Kündigung rechnen. Ein Lagerist behält seinen Job trotzdem, entschieden jetzt Mainzer Richter: Auf den Einzelfall kommt es an. Und darauf, ob der Vorgesetzte sich richtig verhalten hat.

An diesem Freitag im August 2010 ging es in der Firma hoch her. Als ein Lagerist vormittags vom Arzt zurückkam, ging er sofort zum Marktleiter und sagte ihm, er sei krankgeschrieben und habe bald den nächsten Arztermin. Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung legte er im Büro ab. Als der Marktleiter den Zettel fand, ließ er seinen Mitarbeiter per Lautsprecher ausrufen.

Die beiden telefonierten, das Gespräch eskalierte: "Wenn Sie schlechte Laune haben, dann wichsen Sie mich nicht von der Seite an", schrie der 35-jährige Lagerist. Andere Mitarbeiterinnen waren dabei, als er anschließend gebrüllt haben soll: "Der Wichser, er hat sie doch nicht mehr alle", und "Dann sollen die Arschlöcher mich doch rauswerfen".

Für den Arbeitgeber war es ein klarer Fall - eine grobe Beleidigung, die wenige Wochen später mit einer außerordentlichen Kündigung bestraft werden sollte. Auch der Betriebsrat stimmte zu. Dagegen klagte der Lagerist und rechtfertigte sich, sein Vorgesetzter habe ihn aufgefordert, sich schon einmal mit dem Betriebsrat auseinanderzusetzen und über das korrekte Vorgehen bei einer Krankschreibung informieren lassen. Das habe er als Kündigungsdrohung verstanden und sei darüber sehr erbost gewesen: aus seiner Sicht ein "Augenblicksversagen" nach einer Provokation durch den Chef.

Auch die Richter ließen keinen Zweifel daran, dass es sich um eine üble Beleidigung handelte, um eine "erhebliche Ehrverletzung des Vorgesetzten". Dennoch entschied erst das Arbeitsgericht Trier zugunsten des Klägers, nun auch das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz in Mainz. Die Begründungen liegen auf der gleichen Linie: Obwohl die Äußerungen im Prinzip eine fristlose Kündigung rechtfertigten, komme es stets auf den Einzelfall an - und in diesem Fall sei ein sofortiger Rauswurf unverhältnismäßig.

Auch der Chef verhielt sich nicht klug

Das Arbeitsgericht betonte zunächst, dass der Einzelhandelskaufmann dem Betrieb bereits seit 18 Jahren angehöre und in dieser langen Zeit eine Vertrauensbeziehung gewachsen sei, die durch einen erstmaligen Vorfall nicht gleich völlig zerstört werde. Zuvor hatte der Lagerist noch nie eine Abmahnung erhalten.

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Arbeitsrechts-Urteile: Abgemahnt, gefeuert, geklagt
Abmahnungen vor einer Kündigung sind aber arbeitsrechtlich die Regel, die nur bei besonders schweren Pflichtverletzungen außer Kraft gesetzt werden kann. Sie sollen auch Verhaltensänderungen bewirken, wie eine gelbe Karte oder ein Schuss vor den Bug. Die Trierer Richter sahen bei dem Lageristen keine Anzeichen dafür, dass sich so ein Vorfall wiederholen wird. Die Beschimpfungen habe er unüberlegt geäußert, in einer Situation, in der er "aufgeregt und verärgert war" - mildernde Umstände also.

In der Berufungsverhandlung stellte auch das Landesarbeitsgericht klar, dass ein solches Verhalten des Mitarbeiters nicht sanktionslos bleiben müsse. Nur dürfe der Rauswurf nicht die erste und einzige Antwort des Arbeitgebers sein. Nach Auffassung der Mainzer Richter hat auch der Vorgesetzte einen Beitrag dazu geleistet, dass die Begegnung so aus dem Ruder lief: Zu Recht habe der Kläger die Aufforderung des Chefs, er solle sich über das Vorgehen bei Krankschreibungen informieren, als Kritik verstanden. Was der Lagerist falsch gemacht haben soll, als er die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung sofort nach dem Arztbesuch einreichte, ist auch für die Richter "absolut nicht nachvollziehbar".

Die anschließende Beleidigung des Marktleiters sei dann immer noch eine schwere Störung des Arbeitsverhältnisses, aber in einer "emotionalen Ausnahmesituation" geschehen und daher in einem "weniger strengen Licht zu sehen". Darum sei hier die fristlose Kündigung "nicht die einzig mögliche und vertretbare Reaktion".

Mithin: Eine Abmahnung hätte gereicht, meint auch das Landesarbeitsgericht (Aktenzeichen 2 Sa 232/11). Eine Revision ist nicht zulässig, das Urteil also rechtskräftig.

  • Jochen Leffers (Jahrgang 1965) ist SPIEGEL-ONLINE-Redakteur und leitet das Ressort KarriereSPIEGEL.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Ich denke es sollte immer als Einzelfall...
thepunisher75 13.12.2011
Zitat von sysopWer seinen Boss als "Wichser" beschimpft und*die Firmenleitung als "Arschlöcher",*muss mit fristloser Kündigung rechnen. Ein Lagerist behält seinen Job trotzdem, entschieden jetzt Mainzer Richter: Auf den Einzelfall kommt es an. Und darauf, ob der Vorgesetzte sich richtig verhalten hat. Streit um Kündigung: Den Chef grob beleidigt - dennoch kein Rauswurf - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,803453,00.html)
..behandelt werden, besonders da manche Bosse auch nicht unbedingt die "nettesten" Leute sind und sogar zu glauben scheinen, als Boss können sie mit ihren Mitarbeitern alles machen. "Respect works both ways ! Give me none, then don't expect any in return !"
2.
unterländer 13.12.2011
Zitat von thepunisher75..behandelt werden, besonders da manche Bosse auch nicht unbedingt die "nettesten" Leute sind und sogar zu glauben scheinen, als Boss können sie mit ihren Mitarbeitern alles machen. "Respect works both ways ! Give me none, then don't expect any in return !"
Ein recht unpassender Sinnspruch, wie ich meine. Sicherlich möchten Sie damit nicht ausdrücken, dass die ungerechtfertigte Kritik des Vorgesetzten mit der üblen Beleidigung gleichzusetzen sei.
3. Gleichsetzen
masterhiggins 13.12.2011
Naja, so unspassend ist der Sinnspruch evtl. nicht. Für mich klingt es so, als ob der "Chef" verärgert über die Krankmeldung war und dem Lageristen ein "bischen Druck" machen wollte. Ein leider absolut übliches Vorgehen um möglichst viele Krankmeldungen zu vermeiden. In diesem Fall wären die eigentlich völlig harmlosen Worte des Vorgesetzten moralisch sogar deutlich schlimmer als die Beleidigungen des Angestellten, da der Vorgesetzte seine Macht mißbrauchen würde...
4. Bravo
Magnolie5 13.12.2011
Wie man in den Wald ruft, so .... Es gibt dermassen niveaulose Vorgesetzte und als Mitarbeiter muss ich jeden Tag den inneren" Schweinehund " bekaempfen um mich nicht auf das gleiche Niveau zu begeben. Mein frueherer Chef bezeichnete meine Kolleginnen mir gegenueber als " der Puff da draussen" und ich haette am Liebsten geantwortet: Es gibt Frauen, die suchen sich ihren Luden eben selbst aus. Und ich habe, ich MUSSTE mir fast die Zunge blutig beissen, damit es mir nicht "rausflutscht". Leider haben mich meine Eltern Anstand Respekt gelehrt. Und heute frage ich mich -wieso? Vorgesetzte und Arbeitgeber haben auf Grund der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland einen extremen Vorteil und wenn sie Arbeitnehmer wie Dreck behandeln, niemand schuetzt den Arbeitnehmer vor emotionalen "Ausrutschern". Das heutige Urteil- Vorsicht, ich bin kein Freund von arbeitsscheuen Laestermaeulern- ist ein kleiner Schritt, den Arbeitnehmer- der in einem "verrohten Betrieb" arbeitet- zu schuetzen und den Arbeitgebern zu zeigen: In Deutschland gibt es Arbeitnehmer, keine Sklaven!
5. Eine Weise Entscheidung!
wortmannin 13.12.2011
Zitat von sysopWer seinen Boss als "Wichser" beschimpft und*die Firmenleitung als "Arschlöcher",*muss mit fristloser Kündigung rechnen. Ein Lagerist behält seinen Job trotzdem, entschieden jetzt Mainzer Richter: Auf den Einzelfall kommt es an. Und darauf, ob der Vorgesetzte sich richtig verhalten hat. Streit um Kündigung: Den Chef grob beleidigt - dennoch kein Rauswurf - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - KarriereSPIEGEL (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,803453,00.html)
Einerseits sollte sich jeder soweit unter Kontrolle haben, dass er sich nicht zu solchem Verhalten und solcher Sprache hinreissen lässt - sowohl im Privat- als auch im Berufsleben. Andererseits sind Menschen Menschen und keine Engel. Das gilt für Chefs ebenso wie für Untergebene. Die Frage ist, ob sich nach einem klärenden Gespräch und einer Entschuldigung, wieder ein Vertrauensverhältnis aufbauen lässt. Dazu muss man als Chef auch schon einmal vom hohen Ross steigen. Es gibt genügend Fälle, in denen Chefs, sich auf ihre Machtposition verlassend, zu unpassender, um nicht zu sagen beleidigender Sprache, hinreissen liessen und der Untergebene hat es, vielleicht nicht widerspruchslos, letztendlich hinnehmen müssen. Wer austeilen will, muss auch einmal einstecken können.
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