KarriereSPIEGEL: Herr Fuchs, viele Experten prophezeiten Ingenieuren beste Chancen im Bereich erneuerbare Energien. Doch aus der Branche hört man schlechte Nachrichten. Der Solartechniker Solon und Solar Millenium sind pleite, auch Konkurrent Q-Cells kämpft ums Überleben, der Windkraftanlagenbauer Nordex entlässt Mitarbeiter, in Europa, auch in Deutschland, wird die Solarförderung deutlich gekürzt. Wie kommen Sie da auf die Idee, dass Deutschland auf einen Mangel an Ingenieuren zusteuert?
Fuchs: In China boomt die Herstellung von Solaranlagen - und die Chinesen produzieren mit deutschen Maschinen. Deutschland profitiert also im Maschinenanlagenbau. Wir dürfen uns aber nicht nur auf die erneuerbaren Energien stützen. Ich erinnere mich gut, wie der Niedergang der deutschen Autobranche ausgerufen wurde, als die Japaner auf den Markt drängten. Doch wir konnten bei Innovationen und Qualität mithalten.
KarriereSPIEGEL: Sie würden also jungen Menschen guten Gewissens zur Ingenieurausbildung raten?
Fuchs: Sie sollten sich im Studium nicht auf ein bestimmtes Fachgebiet beschränken. Ich rate zu klassischen Bereichen wie Maschinenbau, Elektrotechnik und Mechatronik. Meine beiden Kinder studieren Ingenieurwissenschaften, und ich habe ihnen zugeraten.
KarriereSPIEGEL: Für Unternehmen ist es attraktiv, wenn viele junge, günstige Arbeitskräfte auf dem Markt sind. Dann können sie die teuren Älteren in den Ruhestand schicken. Steckt nicht eigentlich das hinter den Klagen über den Ingenieurmangel?
Fuchs: Alle Unternehmen, auch die mittelständischen, sehen inzwischen, dass sie auf das Know-how der Älteren nicht verzichten können. Sehr häufig werden altersgemischte Teams gebildet. Viele Unternehmen suchen auch gezielt erfahrene Mitarbeiter. Heutzutage zählt die Qualifikation und nicht das Alter.
Fuchs: Oft hängen solche Programme mit technologischen Umbrüchen zusammen. Jüngere gegen Ältere zu tauschen, ist ein kurzsichtiges Spiel. Jüngere fangen heutzutage mit viel höheren Gehältern an - vor allem wenn am Markt nicht viele Leute verfügbar sind. Die Tendenz geht zum Bewerbermarkt, die Bewerber suchen sich also die Firmen aus und nicht umgekehrt.
KarriereSPIEGEL: Das spiegelt sich in den Gehältern nicht wider. 2011 dürfte der Gehaltsanstieg bei Ingenieuren zwischen 2,5 und 3 Prozent gelegen haben. Da bleibt bei steigender Inflation nicht viel übrig.
Fuchs: Wir haben eine Umfrage gemacht und danach sind im ersten Halbjahr 2011 die Ingenieurgehälter durchschnittlich um vier Prozent gestiegen.
KarriereSPIEGEL: Würde wirklich Fachkräftemangel herrschen, dann würden sich die Leute aber auch damit nicht zufrieden geben. Herrscht also gar keine Knappheit?
Fuchs: Der Jobmarkt für Ingenieure ist international. Wenn wir hier also die Gehälter exorbitant in die Höhe fahren, werden die Unternehmen Arbeitsplätze verlagern. Wenn wir überziehen, dann wird die Entwicklung ins Ausland verlegt.
KarriereSPIEGEL: Die Bewerber können das auch - sie gehen in Länder, in denen Ingenieure mehr verdienen. So kann man sich auch einen Mangel basteln. Solange Unternehmen sich für niedrigere Gehälter entscheiden, ist die Lage nicht dramatisch.
Fuchs: Ich habe schon im Jahr 2000 gesagt, dass wir ein Problem bekommen werden - da hatten wir noch mehr als 60.000 arbeitslose Ingenieure. Damals wurde ich als Lobbyist verschrien. Jetzt erkennen die Unternehmen plötzlich, dass das Durchschnittsalter der Ingenieure in Deutschland zwischen 50 und 51 Jahren liegt. Das heißt, in den kommenden 15 Jahren verschwindet die Hälfte der Ingenieure vom Arbeitsmarkt. Deshalb bemühen sich die Firmen jetzt um den Nachwuchs.
KarriereSPIEGEL: Müssten Sie als Vertretung der Ingenieure nicht in der Gehälterdebatte deutlich Partei ergreifen und Lohnsteigerungen fordern?
Fuchs: Wir sind keine Gewerkschaft. Wir sind immer noch wirtschaftsnah.
KarriereSPIEGEL: Und Sie sorgen mit hohen Studierendenzahlen dafür, dass dem VDI der Nachwuchs nicht ausgeht.
Fuchs: Erst einmal: Es ist für uns gar nicht so einfach, Studenten als Mitglieder zu gewinnen. Und dann schauen Sie sich mal die Fakten an. Bis 2013 wird die Zahl der Studienanfänger noch ansteigen. Derzeit profitieren wir von doppelten Abiturjahrgängen und verkürzten Studienzeiten. Aktuell haben wir 40.000 Ingenieurabsolventen pro Jahr. Zehn bis 15 Prozent davon gehen gar nicht in den Ingenieurberuf. Ab 2013 wird die Zahl der Studienanfänger drastisch abfallen, weil dann geburtenschwache Jahrgänge kommen.
KarriereSPIEGEL: Statistiker streiten darüber, wie hoch der Bedarf an Ingenieuren wirklich ist. Die Zahlen sind weit interpretierbar.
Fuchs: Aber wir müssen doch langfristig denken. In den nächsten zehn Jahren werden wir etwa 500.000 Ingenieurabsolventen haben. Allein 40.000 Stellen müssen jährlich besetzt werden, weil Ingenieure zum Beispiel in den Ruhestand gehen. Die Automobilindustrie will aber zusätzliche Stellen schaffen, um bei der Elektromobilität mitzuhalten. Wenn alles gut läuft, wird in den nächsten Jahren noch eine Balance zwischen Berufseinsteigern und Ausscheidenden bestehen. Doch danach wird es runtergehen.
KarriereSPIEGEL: Dann müssten sich die Firmen um gute Arbeitsbedingungen bemühen. Zeitarbeit etwa hat in Deutschland einen schlechten Ruf - auch viele Ingenieure arbeiten nur befristet für Firmen. Das schreckt junge Leute ab.
Fuchs: Würden Sie Berater von McKinsey oder Boston Consulting auch als Zeitarbeitsfirmen bezeichnen?
KarriereSPIEGEL: Das ist aber jetzt ein schlechter Vergleich.
Fuchs: Nein, das ist ein guter Vergleich. Denn die Ingenieurdienstleister sind keine Zeitarbeitsfirmen. Die entsenden Ingenieure, die bei ihnen fest angestellt sind, in Firmen, wenn diesen die Zeit oder das Personal für bestimmte Projekte fehlen. Genauso ist es mit Beratungsfirmen. Die Unternehmen haben keine Zeit, selbst Strukturänderungen auszuarbeiten. Und es werden unheimlich viele Ingenieure nach Projekten von Firmen übernommen. Viele vergessen, dass es die Firmen selbst waren, die ihre Konstruktionsarbeit ausgelagert haben.
KarriereSPIEGEL: Und nun holen sie sich die Leute lieber von extern, anstatt sie selber einzustellen. Ist das nicht das Prinzip Zeitarbeit?
Fuchs: In vielen Bereichen haben die Unternehmen einen Engpass bei qualifizierten Leuten. Airbus, BMW und Audi kämen gar nicht ohne Ingenieurdienstleister aus. Die Gehälter dort sind vollkommen in Ordnung.
KarriereSPIEGEL: Wenn es so einen Engpass gibt, würden Sie Initiativen unterstützen, um Fachkräfte aus den europäischen Krisenländern nach Deutschland zu locken?
Fuchs: Es wäre eine Möglichkeit. Aber die Menschen müssen das wollen, und sie brauchen Zeit, um sich einzuleben. Dann ist da auch die Sprachbarriere: Gerade mittelständische Unternehmen haben Probleme, Fachkräfte zu finden. In diesen Firmen wird in der Regel Deutsch gesprochen. Das ist für Bewerber aus dem Ausland ein Problem. Und auch die Familien der Zuzügler müssen eine Perspektive haben. Da muss von Seiten der Regierung mehr passieren.
KarriereSPIEGEL: Schreckt Deutschland denn Bewerber bisher ab?
Fuchs: Wir haben 16 Bundesländer, in acht davon ist für die Anerkennung der Ausbildung die Ingenieurkammer zuständig. In den übrigen sind es ganz unterschiedliche Behörden. Es gibt sogar 16 Ingenieurgesetze in der Bundesrepublik, die genau regeln, wer sich Ingenieur nennen darf. Das ist einem ausländischen Bewerber schwer zu vermitteln.
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