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21. Februar 2013, 09:14 Uhr

Notärztin

Gestresst und glücklich

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Stress macht krank, dick und unglücklich? Notärztin Anja Kunschke sieht das ganz anders. Sie läuft erst unter Druck zu Hochform auf, Nachtdienste ohne Einsätze findet sie langweilig. Warum manchen Menschen hohe Belastung im Job einfach nichts auszumachen scheint.

An die Nacht vom 30. Juni 2012 kann sich Anja Kunschke, 37, noch gut erinnern. Die ganze Nacht raste sie mit dem Rettungswagen von Einsatzort zu Einsatzort. Ein Sturm fegte über Deutschland hinweg und im Landkreis Dillingen in Bayern, in dem sie als Notärztin arbeitet, waren zerstörte Zelte auf einem Rockfestival und ein weggewehtes Gartenhaus noch die harmloseren Schäden. Über ein Dutzend Menschen wurden verletzt - auf der Bundesstraße 60 wurde eine Frau in ihrem Auto von einem Baum erschlagen.

Kunschke suchte zusammen mit der Feuerwehr nach in Seenot geratenen Kanuten auf der Donau, behandelte eine ohnmächtige und blutende Frau, der ein Dachziegel auf den Kopf gefallen war. Bis zum Morgen war sie unterwegs. Für viele wäre so ein Job die Hölle. Anja Kunschke fühlte sich gut - obwohl sie vor ihren Einsätzen als Notärztin in der Regel eine volle Schicht im Krankenhaus hinter sich hat.

Wenn die Sirenen des Rettungswagens ertönen, läuft die Medizinerin zu Höchstform auf. "Schon auf der Fahrt zum Einsatzort steigt mein Adrenalinspiegel", sagt sie. Stress hat für Kunschke fast immer eine positive Bedeutung, die Dienste im Rettungswagen absolviert sie freiwillig. Ruhige Nächte, in denen der Notruf wenig gewählt wird, sind der Orthopädin und Unfallchirurgin zu langweilig.

Woran liegt es, dass manche Menschen resistent gegen Stress zu sein scheinen? Sind es die Gene oder die Sozialisation? "Beides", sagt Psychologe und Mediziner Joachim Kugler. "Das Entscheidende ist: Wie gehe ich mit Stress um? Es gibt Menschen, die die Herausforderung suchen. Sie finden Situationen spannend, die emotional sehr Ängstliche als Alptraum empfinden. Das ist oft eine Frage der Wahrnehmung."

Ein Job ohne Stress kann auf den ersten Blick seinen Reiz haben, erstrebenswert ist er jedoch nicht. Denn neben dem viel zitierten Burnout-Syndrom gibt es auch ein Boreout-Syndrom - abgeleitet vom englischen "to bore" (sich langweilen). "Wenn der Job zu Tode langweilt, kann das weit schlimmer sein als ein noch so hektischer Arbeitsalltag", schreibt Mediziner Peter Heilmeyer in seinem Buch "Gesund durch Stress!". Wer ständig unterfordert wird und im Büro die Stunden zählt, bis er wieder nach Hause gehen kann, ist müde, lustlos und frustriert. "Wir brauchen Stress, um zu leben", so Heilmeyer.

Das sieht auch Anja Kunschke so. Aus medizinischer Sicht ist ihre Arbeit als Notärztin für sie hoch interessant. "Nachts habe ich es hauptsächlich mit internistischen Problemen wie Herzinfarkten zu tun. Für mich als Medizinerin einer anderen Fachrichtung ist das auch eine Art Fortbildung. Ich kann mich so entwickeln und meinen Horizont erweitern", sagt sie.

Schon immer sei sie recht immun gegen Stress gewesen. "Ich bin ein Typ, der gerne etwas macht und gerne arbeitet." Nach der Realschule absolvierte sie eine Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin. Die Arbeit in der Apotheke wurde ihr schnell zu eintönig, nach Feierabend büffelte sie für das Abitur. Während des Medizinstudiums in München fing sie mit Handball an, nebenbei musste sie jobben. Gestresst fühlte sie sich selten.

"Arbeitnehmer, die eher eine emotionsorientierte Haltung haben, können mit Stress meist schlechter umgehen. Wer eher Grenzsituationen als Herausforderung sucht und neugierig ist, hat es leichter. Es geht darum, in Stresssituation eine Chance zu sehen", sagt Kugler. Das fällt offenbar vor allem Menschen leichter, die in ihrem Beruf Gestaltungsmöglichkeiten und Verantwortung haben. Laut einer Umfrage des Demoskopie-Instituts Allensbach aus dem Jahr 2006 gaben über zwei Drittel der Befragten an, schon einmal positiven Stress erlebt zu haben, vor allem Freiberufler und Selbständige. Je schlichter die Arbeit und je geringer die Verantwortung, desto seltener wurde positiver Stress erlebt.

Eine Dogge gegen die Langeweile

"Stress ist eine Problemaufgabe, die der Mensch lösen muss", sagt Kugler. Das könne man trainieren, indem man zum Beispiel bestimmte Strategien erlernt und sich die Folgen seiner Ängste bewusst macht. "Ein Gespräch mit Freunden oder dem Partner könnte zum Beispiel ein Weg sein, um Stress besser bewältigen zu können."

Der Experte warnt aber auch: "Manche Branchen nutzen Stress, um das Berufsimage aufzuwerten. Wer den Herausforderungscharakter betont und die Tätigkeit mit Sinn auflädt, wird Mitarbeiter haben, die stressresistent sind. Die Bezahlung und Arbeitszeitbelastung spielt dann eher eine untergeordnete Rolle." Das sei etwa in der Werbebranche und bei NGOs zu beobachten. Oder bei Ärzten.

Derzeit arbeitet Anja Kunschke nicht, sie erwartet im April ihr erstes Kind. Nach der Geburt will sie mit dem Baby neun Monate Elternzeit verbringen, dann übernimmt ihr Mann die Kinderbetreuung. Anschließend möchte sie auch wieder als Notärztin arbeiten.

Weil es ihr zu hause ohne Arbeit schnell langweilig geworden ist, hat sie sich jetzt einen Hund zugelegt. Der Rüde hört auf den Namen Bruno und braucht jede Menge Auslauf - er ist eine Deutsche Dogge.

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