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Ausnahmesituationen im Job "Aus Stress wurde Angst wurde Panik"

Eine Schwimmerin im Rennen ihres Lebens, ein Gastronom im Blitzlichtgewitter, ein Dirigent im Verkehrschaos: Wie geht man im Beruf mit existentiellem Stress um? Die drei berichten von ihren schlimmsten Momenten - und wie es danach weiterging.

Es gibt diese Tage, da kommt einfach alles auf einmal. Der Bus weg, die Kollegen krank, der Chef braucht auf die Schnelle neue Unterlagen. Schweißausbrüche, Nervenflattern, Stress. Aber ehrlich, das ist noch gar nichts!

Stellen Sie sich vor, vor Ihrem Restaurant taucht auf einmal eine Horde Kamerateams auf. Oder Sie bemerken mit Blick auf die Uhr, dass Ihnen fünf Minuten bleiben, um mit Ihrem 45-Mann-Orchester durch die Stadt zum Konzertsaal zu kommen und das erste Stück zu spielen. Oder aber Sie stehen in der Schwimmhalle auf dem Startblock mit dem Wissen, dass dieses Rennen entscheidet, ob Sie bei Olympia dabei sein werden.

Ausnahmesituationen wie diese können über Karrieren entscheiden, der Grat zwischen Erfolg und Existenzverlust hängt von der Nervenstärke ab. Ein Gastronom, ein Dirigent und eine Schwimmerin erzählen hier von den Momenten, in denen der Druck fast zu groß wurde.

Dorothea Brandt: "Es fehlten nur Zehntelsekunden"

Nach 35 Metern war für die Schwimmerin das Rennen um Olympia gelaufen. Zur Großansicht
Thomas Stuckert

Nach 35 Metern war für die Schwimmerin das Rennen um Olympia gelaufen.

"Meine Olympia-Träume zerplatzten an einem Vormittag. Der Vorlauf über 50 Meter Freistil bei den Europameisterschaften im ungarischen Debrecen stand auf dem Programm. Es sollte mein Rennen werden. Es war für mich mehr als ein Vorlauf - es ging um die Teilnahme an den Olympischen Spielen in London.

Nach etwa 25 Sekunden war alles vorbei. Ich hatte es nicht geschafft - zur Qualifikationszeit fehlten nur wenige Zehntelsekunden. Dabei war ich trotz des enormen Drucks zuversichtlich und konzentriert ins Wasser gesprungen. Die geforderte Zeit hatte ich in den vergangenen Jahren ja oft unterboten.

Die ersten 35 Meter kam ich wunderbar durch, dann konnte ich plötzlich einfach nicht mehr schneller schwimmen. Schon beim Anschlag ahnte ich, was der Blick zur Anzeigentafel bestätigen sollte - es hatte nicht gereicht. Es war der Moment, in dem ich schmerzhaft erkannte, dass ich physisch nicht in der Lage war, die Norm zu unterbieten.

Wofür wurde ich bestraft?

Zwar hätte ich mich mit der Zeit eigentlich noch fürs Halbfinale qualifiziert, doch mit Britta Steffen und Daniela Schreiber waren gleich zwei aus meinem Team schneller. Für die Halbfinalläufe waren nur zwei Starter pro Land zugelassen, ich war also raus. Nun spürte ich nur noch eine große Leere. Ich verstand es nicht. Was hatte ich falsch gemacht? Wofür wurde ich bestraft?

Meine Freunde erinnerten mich an eine Welt, die nicht auf Ergebnisse ausgerichtet ist, sondern auf das Erleben. Das tat mir gut und erleichterte die Ursachenanalyse. Es waren kleine Stellschrauben in der Vorbereitung. Wir hatten zu sehr auf das Wassertraining gesetzt, zu wenig auf Krafttraining. Ich hatte den Plänen vertraut und trotz leiser Zweifel nicht widersprochen.

Daraus habe ich gelernt. In Zukunft werde ich mehr auf mein Bauchgefühl hören und versuchen, meine Vorstellungen durchzusetzen. Jetzt muss ich mich erst einmal wieder auf meine Fähigkeiten besinnen. Und auf meine Träume. Schließlich hatte ich schon als Schülerin den großen Wunsch, Profisportlerin zu werden.

2016 will ich nach Rio

Das beutet eine Menge Arbeit. Denn mein Job ist es, Leistung zu erbringen und Medaillen zu erschwimmen. Schaffe ich das nicht, verliere ich die Sportförderung, meinen Platz in der Sportfördergruppe der Bundeswehr und somit mein Einkommen. Für mein "Leben nach dem Schwimmen" absolviere ich zwar ein duales BWL-Studium, doch derzeit liegt der Fokus eindeutig auf dem Sport.

Das vergangene Jahr war für mich deshalb auch ein Neuanfang. Nach einer längeren Schwimmpause zog ich von Berlin nach Essen. Fünf Stunden und mehr trainiere ich nun wieder täglich, damit es klappt mit meinem großen Ziel: 2016 finden in Rio de Janeiro die nächsten Olympischen Spiele statt."

Joachim Berger: "Zehn Kamerateams standen vor der Tür"

Auf einmal galt Bergers Restaurant als Quelle der Ehec-Krise. Zur Großansicht

Auf einmal galt Bergers Restaurant als Quelle der Ehec-Krise.

"Es war ein Samstag im Juni 2011, das werde ich nie vergessen. Beim Einkauf auf dem Großmarkt rief mich mein Sohn an: 'Vor dem Kartoffelkeller stehen mindestens zehn Kamerateams', sagte er. Ich sollte so schnell wie möglich zu dem Restaurant kommen, das wir als Familienunternehmen seit drei Jahrzehnten betreiben.

Ich eilte zurück in die Lübecker Innenstadt. Unzählige Journalisten belagerten unser Restaurant - nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Skandinavien, Italien und Spanien. Es ging um die Ehec-Krise, die bereits mehrere Tote geforderte hatte. Unser Betrieb sei die Quelle für die gefährlichen Keime, hieß es.

Trotzdem fing es an, in mir zu arbeiten

Mein Blutdruck stieg und zunächst konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Sicher war nur, dass wir uns keiner Schuld bewusst waren. 'Wir müssen jetzt ganz offen sein', sagte ich meinem Sohn. Wir stellten uns den Fragen der Medien und versuchten, alles wahrheitsgemäß zu beantworten. Diese Offenheit wurde uns gedankt - mit einer fairen und sachlichen Berichterstattung.

Trotzdem fing es an, in mir zu arbeiten. Es war mehr als das, was man gemeinhin als Stress bezeichnet. Den kannte ich von meiner täglichen Arbeit, damit konnte ich umgehen: unangenehme Dinge gleich erledigen, Verschnaufpausen einlegen. Doch diese Situation war anders - ich hatte Angst.

Plötzlich sollte unsere Küche dazu beigetragen haben, dass Menschen gestorben waren oder in Krankenhäusern mit dem Tode rangen. Sogar eine ganze Reisegruppe, die bei uns zu Gast war, war betroffen. Aus Angst wurde Panik. Ich wollte nur noch, dass diese schlimme Geschichte aufgeklärt wird.

Das Robert-Koch-Institut untersuchte zwei Tage lang unsere Küche, stellte alles auf den Kopf, nahm Proben aus jedem Winkel und von jedem Mitarbeiter. Gefunden wurde nichts. Dann gerieten Sprossen in den Verdacht. Eine kleine Verzierung, die als vermeintlich gesunde Beilage auch viele unserer Gerichte schmückte. Schuld waren also nicht wir, sondern diese verseuchten Sprossen.

Wir hatten Drohanrufe erhalten

Der Kartoffelkeller war entlastet. Doch die Sorge um die kranken Menschen blieb. Und immer stärker kam nun Angst um die eigene Existenz auf. Der Umsatz war eingebrochen, wir hatten Drohanrufe erhalten. Das Restaurant ist mein Lebenswerk. Was sollte aus meinen Mitarbeitern werden, sollte das alles jetzt vorbei sein?

Zum Glück kam es anders. Die Gäste blieben uns treu. Viele Lübecker feierten ihre Geburtstage und Hochzeiten weiterhin bei uns. Auch die Touristen kamen wieder, einige gewiss auch aus Neugier. Dank unserer Kunden, dank des Zusammenhalts in der Familie und unter den Mitarbeitern gibt es das Restaurant weiterhin. Doch wenn ich an diese turbulenten Tage zurückdenke, ist mir immer noch mulmig."

Christian Gansch: "Unrasiert auf die Bühne"

Auf den Dirigenten und sein Orchester warteten in Nagasaki 3000 Konzertbesucher. Zur Großansicht

Auf den Dirigenten und sein Orchester warteten in Nagasaki 3000 Konzertbesucher.

"Zusammen mit 45 Spitzenmusikern eines bekannten Wiener Orchesters saß ich in einem unkomfortablen, eilig herbeigeschafften Bus. Nur noch eine Stunde bis zur Aufführung unseres Neujahrskonzerts in Nagasaki. Einen Tag sollte unsere Anreise aus Wien dauern - nun waren wir schon drei Tage unterwegs. Und zwei lange Nächte, in denen die meisten von uns kaum geschlafen hatten.

Schuld waren gewaltige Mengen Schnee und deshalb umgeleitete oder gestrichene Flüge. Ursprünglich war vorgesehen, dass wir vor Ort noch einmal geprobt hätten und nun schon im Aufführungsraum säßen. Denn das Gelingen dieses ersten Auftritts unserer Japan-Tournee war besonders wichtig für den weiteren Verlauf der Konzertreise.

Doch nun bangten wir im Bus, ob wir es überhaupt noch rechtzeitig zum Spielort schaffen. Ein oder zwei Musiker wollten das ganze Unterfangen lieber gleich absagen. Doch das kam für mich nicht in Frage. Radio und Fernsehen planten Live-Übertragungen. Und rund 3000 Besucher warteten auf uns.

Mit Polizei-Eskorte zum Konzertsaal

'Diese Menschen dürfen wir nicht enttäuschen', hielt ich eine kurze Ansprache, während uns eine Polizei-Eskorte vom Flughafen zum Konzertsaal geleitete. Ich spürte, heute ging es um mehr als um ein möglicherweise verpatztes Solo. Es ging um das Bestehen unseres Orchesters als Einheit. Himmel oder Hölle - die nächsten Stunden würden es entscheiden.

Meine Aufgabe als Dirigent war es, eine Tunnelblickhaltung bei den Musikern zu vermeiden. Denn damit erreicht man in so einer Situation gar nichts. Vielmehr waren jetzt Offenheit und Präsenz gefragt, innere Bereitschaft und Charakter. Ich war mir sicher: Sollten wir einigermaßen pünktlich ankommen, dann gehen wir raus und spielen.

Kraft jenseits der Komfortzone

Mit lediglich fünf Minuten Verspätung betraten wir dann die Bühne - übernächtigt, ungeduscht und unrasiert. Doch das alles spielte in diesem Moment keine Rolle mehr. Wie werden die einzelnen Instrumentengruppen reagieren, wie klappt das Wechselspiel dieser Kompetenzen, fragte ich mich, als die ersten Töne von Johann Strauss erklangen.

Es wurde unser bestes Konzert - in dieser Intensität nicht wiederholbar. Es war einer dieser Augenblicke, in denen man spürt, wozu Menschen in der Lage sind, wenn sie ihre Komfortzone verlassen. Wir alle hatten einen enormen Druck, doch es war nicht dieser Dauerstress, der einen zermürben kann. Hier in Nagasaki erlebten wir einen positiven Stress, der sich als ungeahnte Kraftquelle erwies.

Schnell sprang der Funke über, von einem Musiker zum anderen, vom Orchester auf das Publikum. Die lähmende Verzweiflung der vergangenen Stunden war vergessen, nun zählte nur noch die spielerische Leichtigkeit der Musik - an diesem Tag mehr denn je."

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
sponner_hoch2 02.04.2013
Bei allem respekt für die Schimmerin hier, aber: Arbeitet ihr Freund in der Redaktion? Was hat ihre Geschichte in diesem Artikel verloren? Es geht hier doch (auch selbsterklätermaßen) um Außnahmesituationen. Wie beim Gastronomen mit der Existenzbedrohung. Eine Qualifikationrunde für einen Sportler hat dagegen ichts mit Ausnahmesituation zu tun. Das ist ganz normales Tagesgeschäft. BEstimmt auch stressig, aber eben "Standardstreß" - also genau das, mit dem sich der Artikel (selbsterklärtermaßen) nicht beschäftigen wollte.
2. optional
An-On 02.04.2013
Zitat: "Was hat ihre Geschichte in diesem Artikel verloren?" Schau dir doch das Foto an: Ist halt als Eyecatcher gedacht. Anna Kurnikova und Tanja Szewczenko mussten ja auch nie herausragende sportliche Leistungen vollbringen, um in den Medien praesent zu sein...
3.
Whitejack 02.04.2013
Zitat von sponner_hoch2Eine Qualifikationrunde für einen Sportler hat dagegen ichts mit Ausnahmesituation zu tun. Das ist ganz normales Tagesgeschäft. BEstimmt auch stressig, aber eben "Standardstreß" - also genau das, mit dem sich der Artikel (selbsterklärtermaßen) nicht beschäftigen wollte.
Naja, wenn man überlegt, wieviele Chancen einem Sportler durchschnittlich so bleiben, um an Olympia teilzunehmen, dann ist das definitiv kein Alltagsgeschäft. Für viele Sportler ist die Teilnahme an Olympia DER Höhepunkt ihrer Karriere (gerade dann, wenn sie nicht zur absoluten Weltspitze gehören, die sich locker für Olympia qualifizieren und dort auch noch Medaillen holen wollen) - daran zu scheitern, vergisst man sein Leben nicht.
4.
koroview 02.04.2013
Die Geschichte ist völlig richtig in dem Artikel. Es geht um plötzliche Momente, in den die Welt aus den Fugen gerät. Ich kann ein weiteres Beispiel von Malcolm Gladwell erwähnen. In seinem Artikel in the New Yorker "The Type of Failure",beschreibt er die berühmte Wimbledon- Finale zwischen J. Novotna und S. Graf. Novotna hat nach einem Doppelfehler plötzlich blockiert, "es ging nicht mehr" und letzen Endes verlor sie nachdem sie beim 1:0 im zweiten Satz mit 2 Breaks geführt hatte. Anschliessend hat sie auf die Schulter von der Herzogin von Kent ausgeheult. Und nachdem aus diesem Tal herausgekommen ist, später Wimbledon doch einmal gewonnen hat. Ich wünsche die Schwimmerin ein ähnliches Erfolg. Ich weiss nicht, ob sponner_hoch2 je mit einem ähnlichem Mass an Disziplin an irgendetwas gearbeitet hat als die junge Leistungssportlein. Sonst kann er dieser Art von Verzweiflung nicht annähernd nachfühlen.
5. Eye-Catch
_micka_ 02.04.2013
Ich finde auch, dass das Foto der Schwimmerin als Klick-Fang sicherlich gut funktioniert. Aber die bewegendere Geschichte liefert der Dirigent. Meiner Meinung nach befand sich aber die Mehrzahl der Menschen subjektiv empfunden schon in vergleichbaren Situationen. Ob es der Uni-Absolvent vor den Abschlussprüfungen ist oder das Pflegepersonal in der Notaufnahme....
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