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Burnout-Debatte Delete-Taste gegen den Stress

Kontemplation gegen Stress: Frühere Standardpraxis im Abendland Zur Großansicht
Corbis

Kontemplation gegen Stress: Frühere Standardpraxis im Abendland

Immer online, immer ansprechbar - so entsteht Stress bei der Arbeit. Doch es gibt Berufstätige, die mit der ständigen Erreichbarkeit gut klarkommen. Was machen sie anders? Und was können wir Normalgenervte von ihnen lernen?

Thomas Sattelberger wagte das damals noch fast Undenkbare: Er führte als Personalchef in seinem Unternehmen ein, dass keiner nach Feierabend, am Wochenende und während des Urlaubs seine E-Mails lesen muss. Und das ausgerechnet bei der Telekom. Permanente Erreichbarkeit wurde im Telekommunikationskonzern unter ihm vom Standard zur Option.

Nicht nur seine Mitarbeiter mussten sich daran erst gewöhnen, auch er selbst. "Ich war ja auch einer von denen, die zu unnatürlichsten Zeiten E-Mails verschickt haben", sagt er. Das Problem ließ sich nicht mehr ignorieren: Denn es bleibt ja nie bei der einen Mail. Eine Nachricht vom Chef löst immer Aktivität bei anderen aus, egal, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit - und egal, ob es ein E-Mail-freies Wochenende gibt oder nicht.

So leicht entsteht Stress. Laut Statistischem Bundesamt fühlen sich rund elf Prozent der Erwerbstätigen unter Zeitdruck im Job. Am häufigsten klagen Menschen in akademischen Berufen über Stress, gefolgt von Führungskräften mit 17 Prozent. 44 Prozent sehen sich gerade durch Telefonate und E-Mails unerwünscht in ihrer Arbeit gestört.

"24 Stunden erreichbar, das erwarten die Kunden"

Dass Menschen sich überlastet fühlen, liegt jedoch nicht nur an den Rahmenbedingungen im Job. Es reicht nicht, dem Arbeitgeber alle Verantwortung zuzuschieben; jeder muss schauen, wie er dem Druck im Arbeitsalltag begegnet. Manchmal ist die erwartete Nonstop-Erreichbarkeit also gar nicht das Problem - entscheidend ist der individuelle Umgang damit.

So wie bei Gerald Ostheimer. Der Manager leitet eine globale Business-Unit beim japanischen Messtechnikhersteller Anritsu. In Europa ist er der ranghöchste Mitarbeiter der Firma und viel auf Reisen. Da er hauptsächlich projektbezogen arbeitet, muss er flexibel sein, auch über Zeitzonengrenzen hinweg: "Erreichbarkeit gefühlte 24 Stunden am Tag, das erwarten die Kunden, die Mitarbeiter und auch die Kollegen in der Zentrale." Telefon, SMS oder E-Mail, er nutzt alle Kanäle. "Das Smartphone bietet mir erhebliche Vorteile, denn ich kann mehr Aufgaben von unterwegs wahrnehmen", so Ostheimer.

Von einem Zeitmanagementseminar, an dem er vor Jahrzehnten teilgenommen hat, zehrt er noch heute. Seitdem sortiert er die anstehenden Aufgaben nach Dringlichkeit, um den Überblick zu behalten. "Für mich persönlich ist auch ein adäquates Managementteam sehr wichtig, an das Aufgaben delegiert werden können", sagt er. Seine Leitfragen: "Welche Dinge muss ich nicht selber tun? Wo liegen die Prioritäten?"

Daddeln auf dem Bauernhof

Die Möglichkeit, immer und überall erreichbar zu sein, hat für ihn auch Vorteile - körperliche Präsenz ist aus seiner Sicht zweitrangig: "Wir müssen nicht alle vom Büro aus arbeiten." Ostheimer hat gerade mit seiner Familie einen Bauernhof auf dem Land gekauft. Beim innerlichen Abschalten hilft ihm die Natur. "Die tägliche Hektik im Business kann man durch optische Ruhe ausgleichen", sagt er. "Der weite Blick übers Land, das minimiert den Stress."

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Stress in Deutschland: Immer auf Drehzahl oder total angeödet?
Ostheimer hat Entscheidungen getroffen - und somit einfach zu manchen westeuropäischen Unternehmensstandards Nein gesagt. Genau das ist für Manfred Nelting, ärztlicher Direktor der Bonner Klinik für Psychosomatik, das A und O. Er nennt diese Fähigkeit Resilienz: "Es bedeutet, dass ich von mir selbst das Gefühl habe, mit Herausforderungen gut umgehen zu können", sagt er. Als Motto gibt Nelting aus: "Ich weiß, was ich kann, aber ich muss nicht immer der Beste sein."

"Verhaltensmuster lassen sich abschalten"

Und das kann man lernen. Der Bewusstseinscoach Ulrich Heister ist überzeugt: Selbstbilder sind veränderbar, selbstzerstörerische Verhaltensmuster lassen sich abschalten. "Das funktioniert ähnlich wie in Texten, wenn man eine Zeile markiert und dann die Delete-Taste drückt", erklärt er. Er ist der Meinung, dass Stressanfällige lernen müssen, selbstverantwortlich zu agieren, etwa indem sie ihre Vorstellungen vom Arbeitsaufwand durchsetzen oder sich besser strukturieren. Aber auch das sei eben nur möglich, wenn das Arbeitsumfeld es erlaube: "Die Rahmenbedingungen sollten so gestaltet sein, dass man in der Lage ist, seine Aufgaben zu bewältigen", sagt Heister.

Unternehmenskultur lässt sich ändern. Dass das geht, hat Thomas Sattelberger bewiesen, indem er die Angestellten vom Druck permanenter E-Mail-Erreichbarkeit befreite. Er erkannte, dass die Führungsebene hier Verantwortung übernehmen muss. Doch das sei nur ein Baustein, sagt er: Die Mitarbeiter müssen trotzdem wissen, was sie wollen - und dafür einstehen: "Diese Verantwortung liegt beim Einzelnen."

Und dieser Einzelne kann ja einfach mal klein anfangen: Psychosomatik-Facharzt Nelting empfiehlt Qigong, Meditation oder Yoga für die innere Ruhe. Was heute vor allem als typisch für die asiatische Lebenskultur gelte, sagt er, sei früher christliche Standardpraxis in Europa gewesen, "zum Beispiel in Form der Kontemplation". Was also hilft, ist Innehalten.

Inga Rapp ist Diplom-Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Köln.

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Stoppt den Niedergang
roroima 05.04.2013
Psychologen behandeln den Patienten, nicht die Bedingungen, die ihn dazu gemacht haben. Weil die Ausbeutungsgier stärker ist als das Weltbild eines menschlichen Berufsdaseins, wird es immer mehr Betroffene geben. Eine begrenzte Wertschöpfung aus der Arbeitskraft kostet ein Vielfaches an Behandlungsaufwand. Aber dieser wird einem Unternehmen nicht in Rechnung gestellt. Unsere Gesellschaft befindet sich daher in einem Niedergang: Erschöpfung und Angst machen keine Lust auf Elternschaft oder Bindungen überhaupt, die familiären Aufgaben kann der Betroffene gar nicht mehr erfüllen. Da ist sie, die – postmoderne - Entfremdung. Geringe Geburtenrate, therapiebedürftige Schulkinder und gesundheitsgefährdender Medikamentenkonsum sind die Folgen. Mögen die Menschen aufbegehren! Die Regelwerke für die Orientierung bestehen bereits: Menschenrechte, Humanismus, und wer mag, auch das aufrichtige Christentum.
2. Rechtzeitiges Erkennen...
hans-rai 05.04.2013
.. und alle gutgemeinten Ratschläge helfen nur bedingt, da jeder Einzelne unterschiedlich reagiert. Unsere Gesellschaft hat sich die Grundlagen für massenhaften Burnout selbst gelegt, angefangen von der Aufhebung der Ladenschlusszeiten, geregelten Arbeitszeiten und vor allem fehlt inzwischen die gemeinsame, geregelte Freizeit. Heute ist es z.B. schon Streß, sich mit einem Tennispartner zu verabreden, weil die unterschiedlichen Arbeitszeiten eine Koordination des Termins fast unmöglich machen. Nur ein kleines Beispiel dafür, dass uns inzwischen nicht mehr genügend entspannte Freizeit mit gemeinschaftlichen Aktivitäten zu einem Ausgleich zur Arbeitswelt verschaffen. Und häufig ist auch großer Streß ganz einfach selbstgemacht - weil man so "wichtig" ist.
3. Es liegt bei jedem selbst
coyote38 05.04.2013
So lange man nicht den Mut, das Rückgrat, das berufliche Selbstverständnis und -bewusstsein aufbringt, um seinem Chef zu sagen: "Nein, das geht nicht." ... oder alternativ auch "Nein, ich gebe Ihnen meine private Telefonnummer nicht.", solange darf sich auch niemand beschweren. Und mir soll bitte keiner erklären, dass das "im Zeitalter der Globalisierung" und "in modernen Unternehmne" oder "der heutigen Lage am Arbeitsmarkt" nicht funktioniert. Das sind ALLES nur Ausreden. "Chef, ich bin am Wochenende nicht da. Das muss bis nächste Woche warten." Funktioniert prima. Und ich weiss SEHR genau, wovon ich rede. Ich bin SELBST in leitender Funktion tätig ... und die habe ich auch nicht geschenkt oder vererbt bekommen, sondern musste mich da HINARBEITEN. Ich laufe aber trotzdem nicht Gefahr, einen Burnout zu kriegen.
4.
Plasmabruzzler 05.04.2013
Täuscht mich mein Gefühl, oder gibt es nahezu wöchentlich eine neue Meldung zum Thema "Burn-Out" bei SPON? So langsam sollte auch der Uninformierteste über das Thema Bescheid wissen.
5. Innere Ruhe
diplpig 05.04.2013
Wieso müssen es eigentlich immer fernöstliche Techniken sein um zur Ruhe zu kommen? Sport jeglicher Art, ein gemütliches Abendessen, Gartenarbeit, all das kann zur inneren Ruhe beitragen ... vorausgesetzt das Handy bleibt aus.
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