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Umfrage Sexuelle Belästigung ist Arbeitsalltag

Büroalltag: Männer und Frauen berichten von Belästigungen am Arbeitsplatz Zur Großansicht
Corbis

Büroalltag: Männer und Frauen berichten von Belästigungen am Arbeitsplatz

Jeder zweite Beschäftigte hat laut einer Umfrage schon einmal Erfahrungen mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz gemacht. Arbeitgeber schützen ihre Mitarbeiter nicht ausreichend.

Wenn in der Kaffeeküche Zeitschriftenseiten mit halbnackten Frauen an der Wand hängen, der Kollege im Aufzug dauerhaft auf den Bereich zwischen Kinn und Bauch starrt und es in der Kantine einen Zoten-Wettbewerb gibt: Dann war das sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. Laut Gesetz. Auch wenn es die wenigsten Frauen und Männer selbst so einordnen würden.

Wie stark verbreitet sexuelle Belästigung im Arbeitsumfeld ist, hat eine aktuelle Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) unter 1000 Beschäftigten nun ergeben.

50 Prozent der Befragten haben Belästigungssituationen zwischen Firmenaufzug, Büroflur und Betriebsfest schon erlebt (laut einer EU-Studie von 2014 passieren hier ein Drittel aller Fälle), doch die deutschen Arbeitgeber scheinen gar nicht bis schlecht dafür sensibilisiert und vorbereitet. Die Arbeitnehmer wiederum kennen ihre Rechte nicht.

Das sei ein "unhaltbarer Zustand", kommentierte ADS-Leiterin Christine Lüders. "Sexuelle Belästigung darf nicht folgenlos bleiben. Betroffene sollten deshalb Hilfe in Anspruch nehmen - und Arbeitgeber müssen diese Hilfe auch anbieten. Das ist vielen Personalabteilungen öffentlicher und privater Arbeitgeber anscheinend nicht bewusst."

So waren sich 81 Prozent nicht im Klaren, dass der Arbeitgeber verpflichtet ist, sie aktiv vor sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu schützen, mehr als 70 Prozent wüssten nicht, an wen sie sich wenden sollten, eine Ansprechperson im Haus fehlt. Von den zusätzlich befragten Personalverantwortlichen und Betriebsräten wussten sogar 60 Prozent nichts von einschlägigen Maßnahmen.

Was unerwünscht ist, ist tabu

Allein die Definition von "sexueller Belästigung" scheint für viele nicht greifbar genug. Grundlage ist Paragraf 3 des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG). Demnach gilt "ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten" als sexuelle Belästigung, "wozu auch unerwünschte sexuelle Handlungen und Aufforderungen zu diesen" gehören, sowie "sexuell bestimmte körperliche Berührungen, Bemerkungen sexuellen Inhalts sowie unerwünschtes Zeigen und sichtbares Anbringen von pornografischen Darstellungen".

Diese Unsicherheit zeigt sich auch in der aktuellen Umfrage. Nur 17 Prozent der Frauen und sieben Prozent der Männer würden jene Momente als sexuell übergriffig einstufen. Zudem ist die Diskrepanz auffällig zwischen dem, was Männer und dem, was Frauen als sexuelle Belästigung verstehen.

Über "aufreizenden Bildern", die am Arbeitsplatz angebracht werden, unerwünschtes Anstarren bis hin zu Aufforderungen wie "Setz Dich auf meinen Schoß" waren stets mehr Frauen als Männer der Meinung, dies sei eine sexuelle Belästigung. Kleines Beispiel: Als solche stuften etwa 84 Prozent der Frauen unerwünschte Berührungen ein - aber nur drei Viertel der Männer.

Nachteile darf es nicht geben

Wie stark die gesetzlich definierten Regeln und der Büroalltag auseinanderklaffen, wird erst recht deutlich, wenn man sich anschaut, wie viele Arbeitnehmer wissen, dass sie ihre Arbeit einstellen dürfen, wenn der Arbeitgeber nichts unternimmt im Fall einer sexuellen Belästigung: Es sind zwei Prozent. Genauso wenigen scheint klar, dass ihnen kein beruflicher Nachteil entstehen darf, wenn sie gegen einen derartigen Übergriff vorgehen.

Das mag daran liegen, dass die erlebte Realität im Büro ein Graubereich im menschlichen Miteinander ist. Zumal die Gerichte derlei Situationen in Einzelfällen genauso unterschiedlich beurteilen wie die aktuell befragten Männer und Frauen.

Grapscht ein Arbeitnehmer einer Mitarbeiterin an den Busen, führt das etwa nicht zwingend zu einer fristlosen Kündigung. So urteilte zumindest das Bundesarbeitsgericht im November 2014 in einem einschlägigen Fall - der Mann war reuig, er bekam nur eine Gelbe Karte.

Mit jener Umfrage läutet die Antidiskriminierungsstelle ein Themenjahr unter dem Motto "Gleiches Recht. Jedes Geschlecht" ein, für das auch eigens eine Expertenkommission einberufen wurde unter Vorsitz des ehemaligen Berliner Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit und der Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung Jutta Allmendinger. "Unser gemeinsames Ziel muss es sein, gleiche Rechte auch wirklich für alle zu verwirklichen", so ADS-Leiterin Lüders, "von der Putzfrau bis zur Managerin."

Antidiskriminierungsstelle

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insgesamt 270 Beiträge
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1. USA als Vorbild
ernsth 03.03.2015
Man sollte Grabscher wie in den USA üblich auf eine blacklist setzen und öffentlich machen. Im Mittelalter war der Pranger schließlich auch üblicher Goldstandard.
2. Erstaunlich, dass der Artikel von sexueller Belästigung
h-i-2224 03.03.2015
beider Geschlechter ausgeht. Bei den meisten Feminismusdebatten geht es nur um von Männern ausgehende sexuelle Belästigung.
3. dann ist das Gesetz an der Realität vorbei
keksguru 03.03.2015
es sollte da einen Abgleich zwischen Gesetz und Realität geben, denn ich sehe eine starke Differnz zwischen dem Alltag und den Definitionen und auch den hingenommenen oder akzeptierten Verhaltensweisen. Und solange radikale Feministinnen mit ihren eher randständigen Anschauungen Einfluß auf die Gesetzgebung hatten, spiegelt das Gesetz nicht das wieder wie Männlein oder Weiblein auf der Straße miteinander umgehen,
4.
larrifarri! 03.03.2015
Vielleicht sollten manche Eltern ihre Söhne richtig erziehen und manche Frauen einfach nicht nur ihr äußeres nutzen sollten um erfolgreich zu sein/werden.
5.
der_stille_beobachter 03.03.2015
Themenjahr unter dem Motto "Gleiches Recht. Jedes Geschlecht" "von der Putzfrau bis zur Managerin." Herrlich.
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