Auszeit vom Job Elternzeit hält geistig fit
Eine längere Pause vom Job kann bereichern - oder krank machen. Eine europaweite Studie zeigt: Elternzeit und Weiterbildungen halten das Gehirn jung. Arbeitslosigkeit und Hausfrauentum hingegen schaden der geistigen Fitness oft.
Mutterschutzurlaub, Weiterbildungen, aber auch schwere Erkrankungen: In vielen Lebensläufen finden sich Unterbrechungen. Sie können nicht nur der Karriere auf die Sprünge helfen oder schaden, sie beeinflussen auch die geistige Fitness. Das hat ein internationales Forscherteam um die Psychologin Anja Leist von der Universität Luxemburg entdeckt. Je nachdem, warum eine Arbeitspause eintritt, kann sie komplett gegensätzliche Effekte haben.
Leist und ihre Kollegen werteten die Daten einer europaweiten Studie aus, für die mehr als 18.000 Menschen ab 50 Jahren befragt wurden. Sie wurden gebeten, von ihrem Erwerbsleben zu berichten, vor allem von Zeiten, in denen sie keiner regulären Arbeit nachgegangen waren. Zudem untersuchten die Forscher die geistigen Fähigkeiten der Probanden, ließen sie ihre Kindheit schildern und fragten nach Schulbildung, der heutigen Gesundheit und dem aktuellem Einkommen.
Mehr als jeder zweite Befragte hatte im Alter zwischen 25 und 65 Jahren mindestens einmal sechs Monate oder länger nicht gearbeitet. Doch nur knapp 16 Prozent gaben an, arbeitslos gewesen zu sein. Etwa jede fünfte Frau war in den Mutterschutz gegangen, sieben Prozent aller Befragten hatten in der Auszeit eine Fort- oder Weiterbildung gemacht. Etwas mehr als acht Prozent waren längere Zeit krank, und ein Drittel gab an, als Hausfrau oder -mann tätig gewesen zu sein.
Zwischen der Ursache für die Auszeit und den heutigen geistigen Fähigkeiten der Probanden fanden die Forscher einen Zusammenhang: Wer seine Arbeit für eine andere, anregende Aufgabe verlassen hatte, konnte dadurch offenbar seine geistigen Reserven fürs Alter auftanken. Wer von dem Job in eine unerwünschte, ziellose Auszeit geraten war, hatte diese Ressourcen verbraucht.
Insgesamt wies jeder Zehnte zur Zeit der Befragung eine kognitive Beeinträchtigung auf. Sie gilt als Vorbote einer Demenz. Vor allem die Befragten, die wegen einer Krankheit längere Zeit nicht arbeiten konnten oder als Hausfrau oder -mann zu Hause geblieben waren, zeigten später überdurchschnittlich oft Einschränkungen im Erinnern oder bei den sprachlichen und mathematischen Fähigkeiten.
Zehn Prozent aller Studienteilnehmer, die zeitweise im Leben arbeitslos waren, hatten hier ebenfalls ausgeprägte Schwächen. Bei den Probanden, die ihre arbeitsfreie Zeit für eine Weiterbildung genutzt hatten, traten solche Beeinträchtigungen nur sehr selten auf (bei drei Prozent der Befragten). Auch Frauen, die nach der Geburt eines Kinder sechs Monate oder länger zu Hause geblieben waren, waren nur halb so oft von kognitiven Einschränkungen betroffen wie die zeitweise Arbeitslosen.
Chefs leiden stärker unter Arbeitslosigkeit
Eine genauere Analyse zeigte zudem: Ob die Auszeit auf lange Sicht gut tut oder im Alter eher krank macht, hängt nicht davon ab, aus welchem Land jemand kommt, welches Alter oder Geschlecht er hat. Auch die Lebensumstände als Kind, das Bildungsniveau und der Beruf der Eltern beeinflussen die Denkfähigkeit im Alter nicht. Ganz anders die Arbeitslosigkeit: Wer in seinem Lebensverlauf mindestens sechs Monate am Stück arbeitslos war, hat ein erhöhtes Risiko für eine kognitive Beeinträchtigung.
Die Elternzeit scheint hingegen ein Schutzfaktor zu sein. Gilt das auch für Väter? Dazu gibt es in der Studie keine Angaben. Psychologin Leist hält es für möglich, dass Männer ebenso von der Elternzeit profitieren, da "Kindererziehung ebenfalls neuer Fähigkeiten bedarf". Andererseits sagt sie: "Da meist immer noch Mütter die Kindererziehung übernehmen, bedeutet Elternzeit für sie in vielen Fällen eine Auszeit von beruflichen Anforderungen, die zusammen mit der Kindererziehung zu Stress führen können." Männer erlebten diese Doppelbelastung nicht so häufig, also sei womöglich der Pausen-Effekt nicht so groß.
Die Forscher entdeckten zudem, dass sich die Arbeitspause je nach Berufsgruppe unterschiedlich auswirkt. So verursachten Krankheit und Arbeitslosigkeit bei Menschen aus Berufen mit höheren geistigen Anforderungen, wie etwa in einer Führungsposition, einen stärkeren Verfall ihrer Denkfähigkeit als bei anderen Probanden. "Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass höher gebildete Arbeiter einen größeren Verlust von geistiger Anregung erleben, wenn sie den Arbeitsmarkt verlassen müssen, im Vergleich zu weniger gebildeten Arbeitern, die Berufe mit weniger geistigem Anspruch ausüben", erklären die Studienautoren.
Doch egal, ob Arbeitslosigkeit oder Kinderbetreuung: Leist rät, die Abwesenheit vom Arbeitsplatz sinnvoll zu nutzen. "Jeder sollte in seiner beruflichen Auszeit - aus welchen Gründen auch immer - versuchen, sich fortzubilden oder sich anderweitig anregend zu beschäftigen."
- KarriereSPIEGEL-Autorin Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie Journalistin in Berlin.

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