ThemaJuraRSS

Alle Artikel und Hintergründe


  • Drucken
  • Senden
  • Nutzungsrechte
 

Studierter Wirt Betreutes Trinken statt glänzender Jura-Karriere

Betreutes Trinken: Die krummen Wege eines Einserjuristen Fotos
Christian Lauenstein

Ein Einser-Examen berechtigt Juristen zu den schönsten Karrierehoffnungen. Michael Markert ließ das alles sausen. Er lag mit dem Staat überkreuz, tourte durch Asien, eröffnete eine kultige Spelunke in Heidelberg. Seit vielen Jahren ist er Wirt und vermisst an der Juristerei: nichts.

Michael Markert braucht nicht zu sagen, dass er eine Kneipe führt. Man kann es auch in seinem Gesicht lesen. Er hat viele Liter Chivas überstanden, viele Gläser Absinth, schlechten Tabak und auch die eine oder andere Schlägerei. Markert ist Wirt der "Sonderbar", eine der heftigsten Spelunken in ganz Heidelberg. Und wenn dieser Hüne mit den langen Haaren an all die Jahre denkt, die hinter ihm liegen, ist er eigentlich nur über eines traurig: "Ich vertrage die Flasche Whiskey nicht mehr so wie früher."

Es hätte alles ganz anders kommen können. Markert hat mal Jura studiert. Ziemlich erfolgreich sogar. Er war einst der Beste in ganz Baden-Württemberg, bestand sein Examen mit "Sehr gut".

Markert ist ein sogenannter Einser-Jurist.

Einser-Jurist. Jeder, der sich auch nur ein bisschen mit juristischen Noten auskennt, weiß: Diese Note gibt's eigentlich gar nicht. Laut jüngster Statistik haben im Jahr 2009 in Deutschland 7292 Studenten ihr Jura-Examen bestanden. 20 davon mit "Sehr gut", also mickrige 0,3 Prozent.

Fotostrecke

4  Bilder
Volldemütigend: Juristen im Würgegriff der Noten
Prominente Einser-Juristen muss man mit der Lupe suchen. Bundesgerichtshof-Präsident Klaus Tolksdorf gehört dazu, der frühere saarländische Ministerpräsident Peter Müller und auch Nils Schmid, Finanz- und Wirtschaftsminister in Baden-Württemberg. Von Edmund Stoiber hieß es immer, er sei Einser-Jurist. Stimmt aber gar nicht - Stoiber schlug sich in den Staatsexamina wacker, ragte aber nicht heraus. Den Gerüchten deutlich widersprochen hat Stoiber fast nie. Der Glanz der vermeintlichen Eins war einfach zu groß.

Hemingway und Rock

Markert hätte demnach eine große Juristen-Karriere vor sich gehabt. Stattdessen sitzt er heute in seiner Kneipe, bei gutem Wetter mit einem Gin Tonic in der Hand, und sinniert über Hemingway und Rockmusik, über seine Liebe zur See und sein Leben im Allgemeinen. Zwischendurch wirft er seinen Bedienungen knackige Sprüche hinterher, die kontern frech, so läuft das hier. Von der Decke baumelt ein Gummigockel, das Wahrzeichen des Ladens. Tische und Bänke sehen so aus, als sei hier schon reichlich Bier verschüttet worden, hinter der Theke reiht sich Schallplatte an Schallplatte. An den Wänden hängen "taz"-Karikaturen, auf der Toilette die Mohammed-Karikaturen.

Der gebürtige Hamburger ging Anfang der sechziger Jahre nach Berlin, um der Bundeswehr zu entkommen. Anschließend zog es ihn nach Heidelberg, damals eines der linken Zentren Deutschlands. Das Studium lief gut: "Die Uni kam mir wie ein Spielzeugladen vor", so Markert. Eigentlich habe er Jura nur studiert, um mit der Magisterarbeit in Geschichte besser voranzukommen; er brauchte Wissen im Römischen Recht. "Aber der Stoff flog mir nur so zu. Ich habe zudem 15 Stunden am Tag gelernt, zum Examen war ich topfit."

Die Prüfungen liegen inzwischen über 40 Jahre zurück - es war die Zeit der 68er und der Studentenproteste, des Aufstands gegen Staat und Bürgerlichkeit. Zur Examensprüfung packte Markert die Gesetze in einen Campingbeutel und erschien im Smoking - mit langen Haaren. Eine Provokation. Fast wäre er deshalb fast nicht zugelassen worden. Auch die Studienstiftung haderte mit ihrem rebellischen Stipendiaten. Das "Sehr gut" bekam er trotzdem.

Urkunde nur für den Vater

Nach dem Examen dachte er nicht daran, seine Karriere anzuschieben. Vom Prüfungsamt ließ er sich zwar noch eine Urkunde kommen, die ihm seinen Erfolg bescheinigte. "Aber das war mehr für meinen alten Herrn." Der war Steuerberater in Hamburg und fand insbesondere die langen Haare des Sohnes gar nicht lustig.

Fotostrecke

75  Bilder
Jura? Ohne mich: Verkrachte Juristen und andere Studienabbrecher
Während Studienkollege Bernhard Schlink später Professor und Schriftsteller wurde, rebellierte Markert zunächst ganz vorn mit, besetzte Häuser und die Heidelberger Uni. Er wurde verhaftet, freigelassen, legte sich immer wieder mit der Obrigkeit an. Dann wollte er die Welt sehen, trieb sich vor allem in Asien herum, in Indien, Burma, Thailand, Kambodscha, Indonesien. Und als er Mitte der siebziger Jahre zurück kam? "Tja, da war es für einen bürgerlichen Beruf zu spät."

Was hätte er auch machen sollen?

Scheidungsanwalt? "Dafür ist das Leben viel zu schade."
Staatsanwalt? "Da hast du nur mit Scheiße zu tun."
Wirtschaftsrecht? "Da hätte ich auch gleich Vatterns Laden übernehmen können, nein danke."
Verwaltungsjurist oder Richter? "Für den Staat arbeiten? Das ging gar nicht."

Das einzige, was er sich hätte vorstellen können: als Anwalt gegen den Staat zu kämpfen.

Daraus wurde nichts. Stattdessen ergab sich die Chance, in die Kneipe in der Heidelberger Altstadt einzusteigen, erst als Angestellter, später als Pächter. "Ich bin da reingeschlittert. Kneipen haben mir immer Spaß gemacht, warum nicht in einer arbeiten?" Sein Vater war entsetzt, Markert begeistert. Zwischendurch zog er sich für ein paar Monate in sein Ferienhaus im Schwarzwald zurück - um die Dissertation zu beenden, die er einst bei Ernst-Wolfgang Böckenförde angefangen hatte, einem Star der Juristerei, später Richter am Bundesverfassungsgericht. "Irgendwann habe ich mich gefragt: Was willst du eigentlich mit diesem blöden Titel?" Die 1500 Seiten Manuskript liegen heute noch unvollendet bei ihm zu Hause.

"Die größten Nichtskönner"

Zurück in der Kneipe konnte er endlich das machen, was er am liebsten tut: Whiskey trinken und sich mit dem Staat anlegen. Die "Untere Straße" in Heidelbergs Altstadt war einst eine berüchtigte Drogenstraße. Und die "Sonderbar" ihr Zentrum. Der Oberbürgermeister wollte den Laden dicht machen, Markert wehrte sich. "In den Behörden arbeiten noch bis heute die größten Nichtskönner, die haben von Jura einfach keine Ahnung", schimpft er. Sieben Jahre hat er prozessiert. Am Ende durfte die Kneipe geöffnet bleiben, musste aber ihren Namen ändern. Früher hieß sie "Pinte", heute eben "Sonderbar". "Aber alte Hasen sagen immer noch Pinte", so Markert.

Die "Sonderbar" ist inzwischen Kult in Heidelberg, ein Stück Stadtgeschichte. "'Roter Ochse' und 'Seppl', das sind die Touri-Kneipen hier, die 'Sonderbar' ist für Heidelberger", sagt Markert. Es bedienen junge Mädchen, die nebenher promovieren. An der Theke betrinken sich Maurer neben BWLern, hinterm Tresen mischt Markert den Laden auf.

Als Wirt ist er nicht nur unübersehbarer Fixpunkt der kleinen Kneipe, er ist auch Herr über den Schallplattenteller, die hundert Whiskeyflaschen und die ungesunden Absinth-Exzesse. Zwei- bis dreimal die Woche steht er noch hinter der Theke, trotz seiner inzwischen 69 Jahre. Zeit genug hat er. Geheiratet hat Markert nie, Kinder hat er auch nicht, auf diese Form von Verantwortung hatte er keine Lust.

Mit seinem inzwischen verstorbenen Vater hat sich Markert übrigens vertragen. Als der 90 wurde, packte Markert ihn ins Auto und tourte mit ihm durch Spanien. "Wir haben uns am Tag zwei Flaschen Wein reingezogen und geredet. Er hat mein Leben nie verstanden, aber wir haben unseren Frieden gemacht."

Das mag auch daran liegen, dass Markert sich zwar bis heute als Marxist bezeichnet, aber auch milder geworden ist. "Mit dem Alter kriegt man eine konservative Ader", sagt er. "Manchmal frage ich mich, was wohl wäre, wenn sich der junge und der alte Markert begegnen würden. Sie würden sich streiten, wohl auch über meinen Lebensweg. Aber ich wüsste bis heute nicht, wer recht hat."

Ihm sei sein Leben eben einfach so passiert, alle Entscheidungen hätten sich so ergeben, so Markert. Dazu gehört wohl auch, dass er jüngst den Pachtvertrag für die "Sonderbar" um acht Jahre verlängert hat.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Christian Lauenstein (Jahrgang 1982) hat auch mal Jura studiert, für die Eins hat es aber nicht ganz gereicht. Statt Kneipier ist er dann Journalist in Hamburg geworden.

Mehr in der KarriereSPIEGEL-Themenwoche "Junge Juristen":

Montag - Junge Juristen: Wettbewerb aus der Wohnzimmerkanzlei
Dienstag - TV trifft Realität: Wie echt ist Danni Lowinski?
Mittwoch - Fachjargon-Quiz: Versteh den Anwalt
Donnerstag - Jura-Absolventen: Sklaven der Noten
Freitag - Anwalts-Lexikon: Advokat von A bis Z
Samstag - Brief an junge Juristen: Zehn Sekundärtugenden des Anwalts

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Glückwunsch, wenigstens konsequent gehandelt
reflexxion 24.08.2011
Schade das da nirgendwo der IQ des Herren steht, ich tippe mal auf einen recht hohen Wert. Hätte er seine Doktorarbeit vollendet, dann hätte zumindest Vroniplag wohl kaum nachprüfen müssen, ob er sie selbst geschrieben hat. So kann es gehen in der Welt, die Windbeutel blasen sich auf und die mit Substanz werden bodenständig. Ich halte absolut nichts von Jura, das ist für mich Dummschwätzerei, war ist nur die reine Lehre der Mathematik und philosophische Auswüchse davon. Damit das nicht zu einsam wird, darf man theoretische Physiker dazunehmen - obwohl ich da nun überhaupt keinen Draht sazu habe (nicht das ich es nicht versucht hätte, ich habe einen Schein in theoretischer Thermodynamik gemacht, über Übungen). Physik ist eben einfach nicht mein Ding, leider. Man sagt zwar, wer nichts wird wird Wirt, aber dieser Mensch hätte wohl alles werden können, inkl. Bundeskanzler, wenn er die passende Einstellung dafür gehabt hätte. Möge er glücklich sein, ich bin es auch. Noch was off topic, es gibt ja meine Lieblings TV-Serie The Big Bang Theory auf Pro 7. Wenn ich aber jetzt so darüber nachdenke, sollte man eine ähnliche Serie über Juristen machen. Natürlich nicht so wie die vielen die es da schon gibt, wie Boston Legal oder Ally McBeal sondern auch über die, die nicht an eine Leben nach dem Studium glauben und deswegen als Assistent an der Uni bleiben.
2. trinken
Magnolie5 24.08.2011
Der verhasste Staat hat ihm aber die Ausbildung finanziert, ermoeglicht! Und der brave Deutsche Steuerzahler hatte nie etwas von diesem Einserkandidaten! Mann, Mann, Mann, ich hoffe, er hat mit dem Staat ebenso seinen Frieden geschlossen wie mit seinem verstorbenen Vater.Wenn ich solche Biographien sehe, sollte man Studiengebuehren fordern.
3. Gutes Beispiel für "Leben leben"
Michael Giertz 24.08.2011
Zitat von sysopEs ist doch klasse, wenn da einer sein Ding gemacht hat und glücklich damit ist. Ein gutes oder sehr gutes Examen verpflichtet doch zu nichts. Niemand auf der Tasche liegen und trotzdem den Tag leben, wie er fällt, das nenne ich Freiheit. Prost, Michael! Mad von www.diemeinungen.de
Dem schließ' ich mich an. Der Mann hat's verstanden zu Leben, er macht, was ihm Spaß macht, und nicht, was von ihm erwartet wird. Und, ist damit die Anarchie losgebrochen? Nein. Der Mann hat sein eigenes Einkommen, betreibt eine Wirtschaft, verhält sich gesetzeskonform. Offenbar müssen wir Deutsche lernen zu leben - und sollten uns an solchen Menschen wie Herrn Markert ein Beispiel nehmen.
4. So welche gibt's viele!
hubert_hummel 24.08.2011
Er ist nur einer von tausenden Hochbegabten, die weder in dieses System des Mittelmaßes passen noch das Bedürfnis empfinden, darüber zu herrschen. Schade, dass die Gesellschaft so viel kreatives Potenzial vergeudet, mit oder ohne Studium.
5. Supertyp.
timepiece123 24.08.2011
Zitat von Michael GiertzDem schließ' ich mich an. Der Mann hat's verstanden zu Leben, er macht, was ihm Spaß macht, und nicht, was von ihm erwartet wird. Und, ist damit die Anarchie losgebrochen? Nein. Der Mann hat sein eigenes Einkommen, betreibt eine Wirtschaft, verhält sich gesetzeskonform. Offenbar müssen wir Deutsche lernen zu leben - und sollten uns an solchen Menschen wie Herrn Markert ein Beispiel nehmen.
Ein Supertyp. Der hat´s genau richtig gemacht. Nie wieder würde ich diesen Mist studieren, um dann in einer lächerlichen Pleitebank zu arbeiten. Naja, so eine Anwaltspsychiatrie in Gestalt einer Großkanzlei wäre schlimmer...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
RSS
alles aus der Rubrik Berufsleben
RSS
alles zum Thema Jura
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen



Fotostrecke
Winkel-Advokaten: Die Spezialisten
Verwandte Themen

Vertrauen Sie mir, ich bin Anwalt
Schein und Wirklichkeit
Corbis
Die Juristerei gilt noch immer als Disziplin mit einem gewissen Glamour-Faktor. Fernsehen und Kino sind daran nicht unschuldig. Der Berufsalltag ist meist weit trister, vor allem für Jungjuristen, die frisch aus Studium und Referendariat kommen: Sie balgen sich um die attraktiven Stellen und müssen sich ansonsten durchhangeln.
Die Absolventen: Rivalen der Rennbahn
Auch wenn die "Juristenschwemme" inzwischen etwas nachlässt, ist der Anwaltsmarkt immer noch ein Verdrängungsmarkt - es gibt nach wie vor mehr Anbieter als Abnehmer. Rund 233.000 Juristen waren nach den letzten Angaben des Statistischen Bundesamtes für 2008 in Deutschland erwerbstätig, 23 Prozent mehr als noch zur Jahrtausendwende. Seit 2001 ist die Zahl derer, die das zweite juristische Staatsexamen abschließen, zwar rückläufig. Doch noch immer drängen um die 8000 sogenannte Volljuristen jährlich auf den Arbeitsmarkt.
Ihre Chancen: Wolle mer se reinlasse?
Die wenigsten haben Chance auf eine Stelle im Staatsdienst, vier von fünf Volljuristen werden Rechtsanwalt. Bundesweit 20.000 Richtern und Staatsanwälten standen Ende 2008 fast 147.000 Rechtsanwälte gegenüber. Inzwischen sind schon mehr als 153.000 - dabei sinken die Zugangszahlen auch hier seit einigen Jahren.

Fotostrecke
Hungertuch-Alarm: Was Junganwälte verdienen

Social Networks