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28. Dezember 2012, 06:39 Uhr

Kassiererin Emmely

"Dankeschön, dass ich so viel erleben durfte"

Es ging um Pfandbons für 1,30 Euro. Kassiererin "Emmely" wurde fristlos gefeuert und kämpfte über zwei Jahre lang gegen ihren Arbeitgeber, mit Erfolg. Jetzt hat Barbara Emme, wie sie richtig heißt, ein Buch veröffentlicht, sitzt wieder an der Supermarktkasse - und muss manchen Kunden Autogramme geben.

"Emmely" geht es gut. Soeben hat sie ihre Frühschicht in einer Berliner Filiale der Supermarktkette Kaiser's beendet. Jetzt sitzt die 54-Jährige mit dem Klarnamen Barbara Emme im Stadtteil Prenzlauer Berg bei ihrem Anwalt Benedikt Hopmann. Der Jurist erkämpfte für sie die Rückkehr an den Arbeitsplatz - und schrieb damit deutsche Rechtsgeschichte. Beide haben jetzt ihren gemeinsamen Weg in einem Buch beschrieben. Titel: "Emmely und die Folgen".

Im Februar 2008 hatte Kaiser's Barbara Emme nach 31 Dienstjahren fristlos gekündigt. Begründung: Sie habe zwei Leergutbons im Wert von 1,30 Euro eingelöst, die jemand in der Filiale in Hohenschönhausen liegen gelassen hatte. Im Jahr 2010 erklärte das Bundesarbeitsgericht diese Kündigung für unverhältnismäßig und damit unwirksam; Kaiser's musste die Kassiererin weiter beschäftigen. Nach Auffassung der Richter handelte es sich zwar um eine "erhebliche Pflichtwidrigkeit", durch die aber das Vertrauen nicht völlig zerstört worden sei. Angemessen wäre eine Abmahnung gewesen, nicht eine fristlose Kündigung - erst recht angesichts einer jahrzehntelangen Beschäftigungsdauer.

Das aber ist nur ein Teil der Geschichte. Der andere: eine breite gesellschaftliche Debatte über Redlichkeit und Anstand im Beruf, vor allem auch im Umgang von Arbeitgebern mit gering bezahlten Angestellten - und über diese wie andere sogenannte Bagatellkündigungen. Denn der Pfandbon-Streit war beileibe nicht der einzige Fall: In weiteren Gerichtsverfahren ging es unter anderem um den Diebstahl von drei Schrauben, von vier Buletten, von Müll oder auch um einen bei der Arbeit aufgeladenen Elektroroller (Stromkosten: 1,8 Cent).

Ein Pfandbon? Frau Emme kennt sich damit aus

Nicht selten nutzen Firmen solche Gelegenheiten, um Angestellte vor die Tür zu setzen, die sie loswerden wollen, zum Beispiel Gewerkschafter, Betriebsräte oder "teure" Mitarbeiter mit älteren Verträgen. Seit dem Fall Emmely jedoch hat sich die öffentliche Wahrnehmung geändert, die Rechtsprechung ebenfalls. Arbeitsrichter agieren bei Bagatellkündigungen vorsichtiger als zuvor, unliebsame Mitarbeiter abzuschieben ist für Unternehmen schwieriger geworden.

Sie ist eine andere, eine neue "Emmely" heute. Wer sie während des zweieinhalb Jahre währenden Arbeitskampfes daheim im Plattenbau besuchte, begegnete einer durch zwei Kündigungen verunsicherten Person, die von der einen Seite als Diebin und Aufwieglerin am Arbeitsplatz dargestellt wurde. Und aus der auf der anderen Seite zunehmend links orientierte Gruppierungen eine Galionsfigur formten.

Heute strotzt Barbara Emme vor Selbstbewusstsein. Die Kassiererin hat gelernt zu argumentieren und zu beobachten. Aus relativer Zurückgezogenheit ist aktive Teilhabe am gesellschaftlichen Leben geworden. Zur schlagfertigen Berliner Schnauze gesellt sich jetzt ein geschärftes politisches Bewusstsein. Dabei macht sie beruflich genau das, was sie auch vor der Kündigung tat: kassieren.

Mit ein paar Unterschieden. "Wenn ich einmal längere Zeit nicht im Betrieb bin, muss ich mich bei meinen Kunden abmelden", sagt Emme schmunzelnd. Regelmäßig werden Autogrammwünsche und auch kleine Präsente an sie heran getragen - manche Kunden wollen ausdrücklich von ihr bedient werden. "Das ist toll. Daran haben sich auch die Kollegen gewöhnt, das ist Alltag", erzählt Emme. Inzwischen werde die Kundschaft in Sachen Pfandbons an sie verwiesen: "Das gehört jetzt dazu. Das wird mir wohl ein Leben lang anhängen."

Reise nach Venezuela zur Weltfrauenkonferenz

Seit geraumer Zeit arbeitet Barbara Emme, nach etwas Hin und Her um einen angemessenen Arbeitsplatz, wieder für Kaiser's, nahe dem S-Bahnhof Hohenschönhausen und ihrer Wohnung. Die Unterstützung der neuen Kollegen in der Filiale im Lindencenter war nicht immer selbstverständlich.

"Am Anfang reagierten sie sehr verhalten auf mich. Die Kollegen wussten ja nicht, wie sie mit mir umgehen sollen. Immerhin waren Gerüchte gestreut worden, unter anderem, dass ich Kollegen anschwärze. Da habe ich einfach nur gezeigt, dass ich arbeiten kann. Ich habe einfach nur mit meiner Person überzeugt", sagt die Kassiererin und fügt gerührt an: "Seitdem ist alles wieder in Sack und Tüten."

So haben die Kollegen neidlos akzeptiert, dass Emme ein gefragter Diskussionsgast ist, wenn es um soziale Fragen geht. Oder dass sie regelmäßig Frauen zu Gerichtsterminen begleitet, die ähnliche Schwierigkeiten haben wie sie einst. Auch Hopmann profitiert als Anwalt für solche Fälle. Emmes Aktivitäten reichen von einer Anfrage für die Betriebsratswahlen als Vertrauensfrau bis zu einer Reise nach Venezuela, wo sie auf der Weltfrauenkonferenz sprach.

"Eigentlich müsste ich sagen: Dankeschön, Herr Kaiser, dass ich so viel erleben durfte. In meinem normalen Arbeitsalltag hätte ich das nie geschafft", sagt Emme. Hopmanns Fazit zum Sieg lautet: "Dieser Erfolg hat 'Emmely' gut getan und mir gut getan. Das ist ein bedeutsamer Fall: Bis dahin wurden Bagatellkündigungen genutzt, um besonders ältere und missliebige Kollegen aus dem Betrieb zu werfen." Dem sei nun ein Riegel vorgeschoben.

Emmes alte Kaiser's-Filiale gibt es übrigens nicht mehr. Und noch etwas hat sich geändert: Hopmann und "Emmely" zufolge ist auf den Pfandbons der Supermarktkette inzwischen genau ablesbar, woher sie stammen. Die originalen Belege als Auslöser für all den Ärger und die Veränderungen hängen an der Wand der Kanzlei - gerahmt unter Glas.

Von Torsten Hilscher/dapd/jol

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