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Betreuungsanspruch "Tagesmutter? Der Job lohnt sich einfach nicht"

Der Nanny: Davide Calabrese gibt auf Fotos
Ann-Kristin Mennen

Die Betreuungsgarantie gilt - die Kommunen suchen dringend Tageseltern, zur Not auch ohne pädagogische Vorkenntnisse. Doch wer wird da auf die Kinder losgelassen? Die Bezahlung liegt oft auf Hartz-IV-Niveau, die Ausbildung ist in 160 Stunden abgesessen. Und für Kontrollen fehlt das Personal.

Das Radio dudelt, die Kinder schreien, der Hund bellt. Inmitten von Bauklötzen steht Davide Calabrese, barfuß, Muskelshirt. Wie eine klassische Tagesmutter sieht der Sizilianer aus Uelzen nicht aus. Als Mann ist er Exot in dem Job. Fünf Kinder unter drei Jahren betreut der gelernte Hotelkaufmann gleichzeitig: "Es könnten von mir aus noch mehr sein", sagt der 31-Jährige.

Vor zweieinhalb Jahren hat sich Calabrese entschlossen, Tagesvater zu werden, um den eigenen Sohn Gianni häufiger zu sehen. Pädagogische Vorkenntnisse besitzt er keine. Nach nur zwölf Samstagen auf der Schulbank erlangte er die Qualifikation, die der Landkreis Uelzen fordert.

Gerahmt und gut sichtbar hängt das Zertifikat im Spielzimmer seiner "Casa bambini". 200 Unterrichtsstunden hat Calabrese dafür an einer Fachschule absolviert, deren Abschluss das Jugendamt anerkennt - 40 mehr als bundesweit empfohlen. Die groben Richtlinien für die Tagespflege legt der Bund fest, die Details Länder und Kommunen. Im Kreis Uelzen müssen Tageseltern zur 200-stündigen Ausbildung ein lupenreines Führungs- und Gesundheitszeugnis und den Hauptschulabschluss vorlegen. Die Räume der Tagespflege müssen kindgerecht sein, exotische Tiere sind verboten.

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Kitas: Her mit den Männern!
Während formale Kriterien bis hin zur Quadratmeterzahl pro Kind festgeschrieben werden, tun sich die Kommunen schwer mit Standards für Inhalt und Kontrolle. Erst seit 2005 erlebe die Tagespflege eine zunehmende Professionalisierung, sagt Eveline Gerszonowicz vom Bundesverband für Kindertagespflege. Weil man mehr Betreuungsmöglichkeiten für Krippenkinder schaffen wollte, führte der Bund 2005 die Mindestqualifikation ein und warb um Bewerber für die neue berufliche Perspektive.

Ziel: 30 Prozent der Betreuungsplätze über Tageseltern

Seit 1. August 2013 gilt die Betreuungsgarantie, und im Vergleich zum Kita-Ausbau lässt sich Tagespflege schneller und günstiger realisieren. 30 Prozent der mindestens 750.000 Betreuungsplätze will der Bund über Tagesmütter sicherstellen.

Derzeit sind es 15 Prozent der vorhandenen Plätze, vielleicht auch, weil die Tagespflege ein Imageproblem hat. Zwar erklärt der Bund Tagesmütter und Kitas zu gleichwertigen Betreuungsformen, doch viele Eltern ziehen institutionelle Einrichtungen vor. Ein Grund dafür ist die oft unzureichende fachliche Qualifizierung: Von bundesweit mehr als 40.000 Tagesvätern und -müttern sind ein Drittel ausgebildete Erzieher, die übrigen besitzen bestenfalls die Mindestqualifikation, im schlechtesten Fall gar keine pädagogische Ausbildung.

Für eine bessere Ausbildung fehlt das Geld

Skandalös nennt Jörg Maywald, Vorsitzender der Deutschen Liga für das Kind, das Qualitäts-Patchwork. "Es wäre ja auch nicht denkbar, dass ein Lehrer ohne pädagogische Ausbildung unterrichtet, in der Tagespflege gibt es das aber." Sein Netzwerk setzt sich für verpflichtende pädagogische Aus- und Weiterbildungen ein. Dazu gebe es auf Bundesebene zwar bereits Überlegungen, weiß Eveline Gerszonowicz vom Bundesverband für Kindertagespflege, aber: "Eine noch umfangreichere Qualifizierung ist immer auch eine Kostenfrage."

Trotz Mehrkosten haben einige Bundesländer sowie einzelne Kommunen kurz vor Inkrafttreten des Betreuungsanspruchs ihre inhaltlichen Anforderungen neu formuliert. Das Spektrum reicht von finanziellen Anreizsystemen in Bayern bis zu verpflichtenden Vertiefungskursen wie in Sachsen-Anhalt. Auch in Uelzen bei Davide Calabrese sind Tageseltern seit Anfang 2013 dazu verpflichtet, sich alle zwei Jahre zehn Stunden weiterzubilden. Immerhin. Doch nicht immer entsteht dabei pädagogischer Mehrwert: So fallen auch Erste-Hilfe-Kurse in die Regelung, die Tageseltern ohnedies regelmäßig auffrischen müssen.

Kontrollen gibt es viel zu selten

Bleiben Kontrolle und Beratung - für Stefan Sell, Direktor des Instituts für Bildungs- und Sozialpolitik in Koblenz, der Schlüssel zu mehr Qualität. Gerade hier werde aber gespart: "Wenn eine Beraterin einer Kommune für 100 Tagesmütter oder mehr zuständig ist, ist das der eigentliche Skandal", sagt Sell. Denn was nütze eine Kontrolle zum Zeitpunkt der Vergabe der Pflegeerlaubnis. "Entscheidender ist die anschließende Kontrolle."

Die regionalen Unterschiede sind groß: Während etwa in München eine Beraterin 60 Tagesmütter betreut, sind es in Hamburg-Altona 110. Ein bis zwei Kontrollbesuche jährlich nennt der Bundesverband für Kindertagespflege als erstrebenswert. Die Realität sieht anders aus, auch in Uelzen. Ein Hausbesuch alle zwei Jahre sei das Ziel, sagt Elisabeth Albers vom dortigen Kindertagespflegebüro. "Doch das schaffen wir personell nicht."

Dennoch werben Kommunen um immer neue Tagesmütter. Zahlreiche Jobcenter drängen sogar Arbeitslose, es in der Tagespflege zu versuchen, sagt Stefan Sell: "Der Ausbau um jeden Preis wird sich in der Qualität rächen."

Professionalisierung führte zu Lohndumping

Die einzige Qualitätskontrolle ist oft das Bauchgefühl der Eltern. Bei Davide Calabrese haben viele Eltern ein gutes Gefühl, trotz anfänglicher Skepsis gegenüber der männlichen Nanny. Zehn Verträge darf der Tagesvater maximal haben, unabhängig von der Stundenzahl pro Kind, maximal fünf Kinder darf er zur selben Zeit betreuen.

Zehn Verträge hat er fast immer. "Zum Glück, denn sonst lohnt es sich gar nicht", sagt der Italiener. 3,50 Euro brutto verdient er pro Kind pro Stunde, das ist Bundesdurchschnitt. Dabei werden 1,20 Euro für Essen und Materialien veranschlagt, 2,30 Euro für die Arbeit des Betreuers. Nach Abzug aller Abgaben bleiben ihm 1,73 Euro, bei einer 40-Stunden-Woche sind das bestenfalls 1384 Euro netto im Monat - und davon muss er noch die Krankenversicherung bezahlen. Als Alleinverdiener betreut Calabrese zwischenzeitlich von 6.30 Uhr bis 19 Uhr abends Kinder. Durchhalten kann er diesen Marathon nicht.

Tageseltern aber, die nicht ausgebucht sind, liegen oft nur knapp über dem Hartz IV-Niveau, belegt eine Studie des Deutschen Jugendinstituts. 5,50 Euro gelten Bildungsforschern als angemessen. Schuld an dem Lohndumping ist ausgerechnet die Professionalisierung. Denn während der Preis der Tagespflege früher frei ausgehandelt wurde, regeln heute die Kommunen den Preis. Die Folge: Vor allem erfahrene Tagesmütter geben auf.

Auch Davide Calabrese hat sich jetzt zu diesem Schritt entschlossen - schweren Herzens. "Es lohnt sich einfach nicht." Dazu der Papierkram, die Versicherungen, das Risiko, freie Plätze nicht zu besetzen. Nur die Kinder, die haben ihn nicht überfordert, sagt Calabrese. "Jetzt muss ich mir einen richtigen Beruf suchen." Er hat sich als Schaffner beworben.

  • Ann-Kristin Mennen ist freie Journalistin und lebt in Lüneburg.

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insgesamt 111 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Der Wert der Kinder
bssh 09.08.2013
Daran kann man wieder einmal sehen, was uns in Deutschland etwas wert ist. Kinder sind es sicher nicht, da reichen eben mal so 200 Stunden Kurse und schlecht bezahlt wird es auch noch. Schade, dass uns die Banken deutlich mehr wert sind als die Kinder. Schulen lassen wir ja auch verfallen, Infrastruktur interessiert auch immer weniger. Die Löhne bei den normalen Jobs stehen weiterhin unter Druck, es sind ja keine "Leistungsträger", bei denen hingegen die Löhne steigen. Armes Deutschland!
2. Oh nein
gilles027 09.08.2013
wieder kein Akademikergehalt für die wichtigsten Menschen die unseren Nachwuchs betreuen. Das ist echt ne Sauerei.
3.
kdshp 09.08.2013
Zitat von sysopDie Betreuungsgarantie gilt - die Kommunen suchen dringend Tageseltern, zur Not auch ohne pädagogische Vorkenntnisse. Doch wer wird da auf die Kinder losgelassen? Die Bezahlung liegt oft auf Hartz-IV-Niveau, die Ausbildung ist in 160 Stunden abgesessen. Und für Kontrollen fehlt das Personal. Tageseltern: Unter dem Boom leidet die Qualität - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/tageseltern-unter-dem-boom-leidet-die-qualitaet-a-915355.html)
Es ist eben kein geld da! Und die leute sollen froh sein arbeit zu haben und nicht H4 zu beziehen. Auch muss man als H4 bezieher JEDEN job annehmen und das ist auch gut so. Also nicht jammern sondern arbeiten PUNKT
4. Mehr verdient
Rassek 09.08.2013
Alles Gute, Herr Calabrese ! Das ist Deutschland. In jungen Jahren und nach dem Erwerbsleben, wenn es denn dazu kommt, sind Menschen nichts wert.
5.
Plasmabruzzler 09.08.2013
Zitat von bsshDaran kann man wieder einmal sehen, was uns in Deutschland etwas wert ist. Kinder sind es sicher nicht, da reichen eben mal so 200 Stunden Kurse und schlecht bezahlt wird es auch noch.
Ich finde schlimm, dass solche angelernten Kräfte quasi die Arbeit einer/eines ausgebildeten Erzieherin/Erziehers machen dürfen. Solch eine Ausbildung ist jedoch teuer und dauert ca. 5 Jahre. Die Verdienstmöglichkeiten sind dann aber nicht so schlecht, solange man nach Tarif (TVöD-SuE z. B. von EG 5 bis 8) bezahlt wird. Warum sollten Tageseltern ebenso viel verdienen bzw. wenn sie dies tun würden, warum gibt es dann noch die Ausbildung zur/zum Erzieher(in)? Gerade kleine Kinder brauchen eine optimale Förderung und niemanden, der seine Ausbildung auf einem mehrwöchigen Wochenendseminar macht.
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