Tatortreiniger Das Delete-Team
2. Teil: In der Wohnung gibt es bald keine Spuren mehr, aber in den Köpfen der Tatortreiniger
Patrick Hofmann hat die verdreckten Lumpen auf der Couch zusammengelegt und einen Lederbeutel mit Geld gefunden. Er zählt nach: knapp 1500 Euro in Scheinen. Hofmann legt das Etui neben die vielen ungeöffneten Briefe auf einen Schrank. "Wertgegenstände und Persönliches bleiben immer am Tatort", sagt Heistermann. Darum müssten sich dann andere kümmern, der Nachlassverwalter, die Angehörigen. "Wir beseitigen nur das Unzumutbare. Das Zumutbare lassen wir zurück." Irgendjemand müsse es ja machen, fügt er nach kurzer Pause hinzu.
Zu dritt wuchten seine Mitarbeiter jetzt die Couch aus dem Fenster und tragen sie zum Transporter. Der Wohnungsmieter, ein älterer Mann, soll ein faustgroßes Krebsgeschwür an der Lippe gehabt haben. In den letzten fünf Tagen seines Lebens habe er sich eingeschlossen und jegliche Hilfe abgelehnt, hat jemand von der Hausverwaltung Heistermann erzählt. Genaueres weiß er nicht.
"Hier", sagt Heistermann mit seiner lauten Stimme. "Hier sieht man die Wege, die er gelaufen ist. Von der Couch zur Toilette, zur Kochnische." Heistermann zeichnet die Bewegung mit dem Finger nach. "Und das Fenster. Er hat immer wieder aus dem Fenster geguckt. Fragt sich nur, was er dort gesehen hat." Der Reinigungsprofi blickt auf den gepflegten grünen Rasen, die frisch angelegte kleine Hecke, die hohen Bäume. Draußen scheint die Sonne. Heistermann schweigt jetzt.
Wie kann das sein, in einem Haus mit so vielen Mietern?
Er hat schon unzählige Tatorte gesehen, von Selbstmorden oder Familiendramen, Wohnungen von Junkies. Schlimmer als die Situation vor Ort, so Heistermann, sei der Nachlauf, die Gedanken, denen man verfalle: Wollte dieser Mann hier sterben? Oder hat er sich fünf Tage lang eingeschlossen und gedacht, ey, holt mich hier raus! - Aber euch interessiert's ja sowieso nicht, dass ich hier verrecke
Die anderen kommen zurück, Heistermann gibt Anweisungen für die nächsten Sauberkeitsstufen, delegiert die Aufgaben. Seine Männer sollen jetzt mal ein bisschen allein arbeiten; gerade seien genügend Leute in einer vernünftigen Konstellation da. Der Chef selbst will rüber zur Tankstelle und sich die Hände waschen gehen. Obwohl er gar nichts in der Wohnung angefasst hat. Das sei so ein Gefühl, sagt er.
Denny ist zuständig fürs Badezimmer. Er kippt Wasser auf das eingetrocknete Blut und beginnt zu schrubben - bis alles weg ist, dann folgt die Schlussdesinfektion. "Mich würden die genauen Umstände mal interessieren", sagt Denny. "Wie alt er war, wie lange lag der hier? Was ist passiert? Wo lag er? Wees ick alles gar nich."
Den Wohnzimmerboden bearbeiten Patrick Hofmann und Chris mit Wischmopps und einer Maschine, die aussieht wie ein Bohnergerät. "Wat ick mich frage", sagt Chris, "wie is sowat in einem Haus mit so vielen Mietern möglich?" Er wisse gar nicht, was er nachher seiner Freundin sagen soll. "Und ob sie dat überhaupt hören möchte." Im Prinzip sei die Arbeit ähnlich wie das, was er gelernt hat, "aber nicht in dem Ausmaß und mit dem Hintergrund". Trotzdem kann er sich gut vorstellen, diesen Job noch mal zu machen. "So komisch dat klingt, und so eklig dat auch eigentlich is, isset schon irgendwie auch ein bisschen spannend." Sonst mache er immer nur Gebäude und Häuserfassaden.
"Wir stellen den sauberen Abgang her"
Als Heistermann zurückkehrt, sieht die Wohnung fast wieder normal aus. Heistermann stellt sich vor die offenstehende Wohnungstür. Eine ältere Frau kommt aus ihrem Apartment, schräg gegenüber: "Ick wollt nur ma kieken." Heistermann erklärt ihr, dass die Wohnung demnächst noch saniert werden soll. Die Frau fängt an zu motzen ("Dann hab ick jetzt wieder vier Wochen die Bohrerei hier") und schaut noch einmal in die Wohnung, in der ihr Nachbar starb. "Na ja", sagt sie, "dann is da wenigstens wieder sauber." "Genau", sagt Heistermann freundlich, "schönen Tag noch."
Als sie weg ist, redet Heistermann sich in Rage: Er kann es nicht leiden, wenn die Leute seine Tatorte begaffen. Der Tatort soll nicht das letzte Bild sein, das sie sich von dem Verstorbenen machen. "Wir stellen den sauberen Abgang her" - das sei ganz entscheidend.
Kurz vor Mittag lässt Patrick Hofmann die Tür laut ins Schloss fallen. "So", sagt er, "jetzt is fertig" - kaum zwei Stunden haben sie gebraucht. Die Männer tragen die Geräte zum Wagen, ziehen die Schutzanzüge aus, desinfizieren ihre Hände. Hofmann füllt ein Formular aus, Auftrag erledigt.
Auf dem Rasen vor dem Wohnblock rauchen sie eine Zigarette. Denny und Chris müssen jetzt alles erst mal sacken lassen. Gleich werden die vier zusammen an der Tanke Kaffee trinken gehen. Danach wollen sie alle nur noch nach Hause und duschen, unbedingt duschen. Weil man sich einfach nur dreckig fühle.
Olivia Konieczny, dpa/jol
- 1. Teil: Das Delete-Team
- 2. Teil: In der Wohnung gibt es bald keine Spuren mehr, aber in den Köpfen der Tatortreiniger
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik KarriereSPIEGEL
- RSS
- alles aus der Rubrik Berufsleben
- RSS
- alles zum Thema Tatort - KarriereSPIEGEL
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Fotostrecke: "Wir stellen den sauberen Abgang her"
- Profiler am Tatort: "Zeugenaussagen brauche ich nicht" (14.12.2011)
- Tatortreiniger in echt: "Das ist eher eine Strafarbeit" (09.06.2011)
- Tatortreiniger: Putzkolonne des Todes (22.07.2010)
- CSI-Ausbildung: In der Kaderschmiede der Geheimdienste (15.12.2011)
- Spurensicherer im Einsatz: "CSI erschwert unsere Arbeit" (21.11.2011)
- Rechtsmediziner: Natürlicher Tod mit Strick um den Hals (25.11.2011)
- Betrug in Unternehmen: Der Chef bittet zur Vernehmung (12.12.2011)
- Phantombildzeichner: "Hatte er Falten, eine Warze, Narben?" (22.11.2011)






