Tatortreiniger Das Delete-Team
Nach Selbstmorden, Familiendramen oder dem Dahinsiechen eines Menschen beseitigen Berliner Spezialisten alle Spuren, die der Tod hinterlassen hat. Der Chef nennt sein Team "die Delete-Taste", Chris und Denny werden gerade als Tatortreiniger angelernt. Dies ist ihr erster Einsatz.
Am schlimmsten ist die Couch mit der Wolldecke, dem Hemd, dem Handtuchknäuel, alles tiefbraun gefärbt von Fäkalien. Neben der Couch steht ein Beistelltisch, darauf blutige Taschentücher, ein Plastikbecher, eine leere Brottüte. "Aaaalter, sowat hab ick echt noch nie jesehn", sagt Chris, 28. In der Luft liegt ein stechender, süßlicher Geruch. Er und seine Kollegen sollen Spuren beseitigen, die das langsame Dahinsiechen eines Menschen hinterlassen hat.
Zum weißen Schutzanzug trägt Chris blaue Überschuhe und Gummihandschuhe. Er wird zum Tatortreiniger geschult. Heute ist sein erster Einsatz.
Chris, eigentlich Christopher Grzemba, braune Haare, sportliche Figur, ist gelernter Gebäudereiniger. Seit zwei Tagen arbeitet der junge Berliner für den Heistermann-Gebäude-Service. Die Firma hat sich unter anderem auf die Reinigung von Unfall-, Tat- und Leichenfundorten spezialisiert - meist zusammengefasst als Tatortreinigung. Privatleute oder Hausverwaltungen rufen an, wenn eine Wohnung desinfiziert, dekontaminiert, von Leichengeruch und Schädlingen befreit werden muss.
"Da liegen Haare. Viele Haare."
An diesem Samstagmorgen ist es ein Ein-Zimmer-Apartment, 25 Quadratmeter im Erdgeschoss einer Berliner Seniorenwohnanlage. Sie sind zu viert. Denny Günther, 20, hat auch gerade erst bei der Firma angefangen. Mit bleichem Gesicht kommt er aus dem Bad: "Da liegen Haare", sagt der stämmige Azubi langsam. "Viele Haare." Blonde Büschel kleben eingetrocknet im Blut auf den Bodenfliesen.
Patrick Hofmann, 23, reißt das Fenster auf. Rund 20 Tatorte hat er gesehen, seit er vor gut einem Jahr bei der Firma anfing. Das bringt eine gewisse Routine. Die schwere, abgestandene Luft im Raum vermengt sich nur langsam mit dem frischen Sauerstoff von draußen. Atemschutzmasken tragen die Männer heute nicht. Hier sei der Verwesungsgeruch nicht so stark wie sonst, die Leiche habe nur kurz gelegen, hatte Christian Heistermann seinen Mitarbeitern zuvor erklärt.
Heistermann, 42, ist Chef des Reinigungsunternehmens. Vor 20 Jahren hat er sich selbständig gemacht und beschäftigt rund 50 Mitarbeiter, überwiegend Männer. Zehn von ihnen reinigen auch Tatorte. Der hagere, großgewachsene Mann mit den unruhigen grauen Augen steht im Wohnzimmer, als einziger ohne Schutzanzug, nur Überschuhe hat er über seine Sneakers gestülpt. Schnell macht er ein paar Fotos, das hat er sich so angewöhnt. Dann weist er seine Männer ein: erst Grobmüll entsorgen und Möbel zur Seite stellen, dann die Couch raus, anschließend der Boden.
Die Überreste einer Existenz verschwinden in Plastiksäcken
Der Ablauf ist wichtig, heute muss es schnell gehen. 300 Euro bekomme die Firma für den Auftrag, so Heistermann. Er muss wirtschaftlich denken: "Das kann ick mir nich leisten, dass hier einer bummelt." Sorgfältig müssen die Tatortreiniger trotzdem sein, genau aufpassen, wo sie was abstellen. Jede Unachtsamkeit kann zur Keimverschleppung führen.
Chris und Denny, die Neuen, sind immer noch geschockt. Der Dreck, der Kot, das Blut. Sie bewegen sich langsam und unsicher. Aber sie bleiben, wollen es ihrem Chef beweisen, es durchziehen. Die jungen Männer freuen sich, Arbeit zu haben. Und im Vergleich zu anderen Firmen aus der Branche zahle Heistermann gut.
Die beiden beginnen, den "Grobmüll" einzusammeln: Pfandflaschen, eine angebrochene Tüte Pfefferminzbonbons, die Nagelschere. Das Zeitungspapier auf dem Boden, mit dem jemand versucht hat, seinen Kot zu verdecken, Ordnung zu wahren, Kontrolle zu behalten. Auch die verdreckten Turnschuhe mit plattgetretenen Fersen. Die Margarine, das Brettchen, auf dem dieser Mensch sich seine letzten Brote geschmiert hat. In großen, blauen Plastiksäcken verschwinden die kläglichen Überreste seiner Existenz.
Später, wenn der Job erledigt ist, wird das Ganze zur Müllverbrennungsanlage gefahren. Heistermann nennt sein Team die "Delete"-Taste.
- 1. Teil: Das Delete-Team
- 2. Teil: In der Wohnung gibt es bald keine Spuren mehr, aber in den Köpfen der Tatortreiniger
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