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Taxifahrerin für eine Woche "Mit den Betrunkenen wirst du schon fertig"

Taxifahren: 20 Minuten Vertrautheit Fotos
Stefanie Gromes, Fabienne Hurst/ 7 Tage Taxi

Wo blickt man am tiefsten in die Seele der Gesellschaft? Im Taxi. Eine Reporterin will herausfinden, ob das stimmt. Sie macht den Taxischein und startet einen Selbstversuch.

Niemand weiß so gut über eine Gesellschaft bescheid wie ein Taxifahrer. Niemand kennt den Rhythmus einer Stadt besser, kommt so vielen sozialen Schichten nahe. Stimmt das? Ich will es herausfinden. Ich, die sonst immer nur auf der Rückbank sitzt und den Fahrer zutextet. Die Seiten wechseln, für eine Woche, begleitet von einer Kollegin mit der Kamera.

Erst mal muss ich richtig schuften, denn ohne den Taxischein darf ich nicht auf die Straße. Also ab in die Taxischule. 120 Straßennamen, 42 Verbindungswege, Taxiregeln und Abkürzungen. Vor der Prüfung machen mir meine Mitschüler - ausschließlich Männer - noch mal richtig Angst. Die Erfolgsquote sei sehr niedrig. Es gebe Leute, die probieren es seit Jahren. Und von zehn haben es in der letzten Prüfung nur zwei geschafft. Mit Navi schummeln gilt nicht, das kennt keine Taxispuren und sucht nicht immer den kürzesten Weg - und nach der Wegstrecke richtet sich der Preis.

Es wird tatsächlich schwierig, sogar der Reaktionstest beim Arzt bringt mich ins Schwitzen. Aber ich schaffe es. Im Sommer darf ich mich endlich hinter das Taxisteuer setzen.

Ich bin eine sogenannte Graupe, das heißt, ich bekomme keine Fahrten über Funk vermittelt. Erst nach zwei Stunden steigt er ein: mein erster Gast. Dabei bin ich eigentlich an zweiter Position am Taxistand. Was ich nicht wusste: Der Fahrgast hat die freie Wahl. Der Taxifahrer vor mir ist nicht gerade amüsiert, dass ich ihm den Fahrgast wegschnappe. Aber so ist das Geschäft.

Mein erster Gast ist Anwalt. Er hat kein Auto mehr, lohnt sich nicht. Lieber gibt er 300 Euro im Monat fürs Taxi aus und arbeitet dann während der Fahrt auf dem Beifahrersitz. Ein echtes Gespräch haben wir nicht, es fühlt sich an, als säße ich in seinem Büro. Also Klappe halten. Im Kopf bereite ich die nächste Fahrt vor: Worüber spricht man mit Leuten, die man nicht kennt?

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Ein paar Smalltalks später (Musicals, Reeperbahn, Wetter, jaja) die erste Nachtfahrt. Zwei Frauen, angeschickert vom Weinfest am Rathaus, wollen in ein Viertel am Stadtrand. Jackpot, denke ich. Von wegen. Nach ein paar Minuten fragt es vom Rücksitz: "Hättest du jetzt Angst, wenn wir Männer wären?" Ich winke ab. Nö, Quatsch, keine Angst. "Also ich habe neulich bei Aktenzeichen XY im Fernsehen gesehen, wie ein Hamburger Taxifahrer überfallen wurde. 40 Messerstiche!" Sie lassen nicht locker. Ob ich auf Gefahrensituationen geprüft sei, was ich tun würde, mit einem dunklen Kapuzenmann auf dem Rücksitz. Langsam wird mir doch mulmig.

Ich habe ja zum Glück meine Kollegin mit der Kamera auf dem Beifahrersitz, was soll da passieren? Als sie später für wenige Minuten weg ist, will ein Betrunkener an der Reeperbahn unbedingt in mein Taxi und klebt von außen erst an der Beifahrerscheibe, dann direkt bei mir an der Fahrerscheibe. Er versucht, die verriegelte Tür zu öffnen. Beförderungspflicht? Vergiss es. Ich bekomme doch Angst.

Dann denke ich an meine Bekannte aus der Taxischule, Gabi, die fährt schon seit acht Jahren nur noch nachts und findet das spitze. Nach Feierabend um vier Uhr morgens trinke ich mit ihr einen Kaffee an der Tankstelle. "Mit den Betrunkenen wirst du schon fertig", sagt sie. Warum liebt sie ihren Job? "Nirgends triffst du so unterschiedliche Menschen, so viele Geschichten. Du bist Kindermädchen, Eheberaterin, Krankenschwester - alles gleichzeitig." Dafür nimmt sie sogar in Kauf, dass sie nur selten ihre Freunde sieht und ihren Mann nur beim Mittagessen - während sie frühstückt.

"Fahren Sie schnell, ich hab Angst!"

Was Gabi mit "Geschichten" meint, kann ich nach meiner ersten Wochenendschicht nachvollziehen. Als plötzlich, morgens um halb zwei, an der Reeperbahn die Hintertür aufgerissen wird. Zwei junge Frauen schmeißen sich auf die Rückbank, rufen "Fahren Sie los, schnell!" und ich drücke aufs Gas.

Aufgelöst und hektisch beginnt eine von ihnen zu erzählen: "Mein Freund hat meinen Schlüssel geklaut! Ich hab Angst, dass der meine Wohnung ausräumt. Und dann ist da auch noch mein Hund."

Tausend Ausrufezeichen, tausend Fragezeichen. Warum hat sie denn Angst vor ihrem eigenen Freund? Und warum klaut der ihren Schlüssel? Sie klingt panisch, also fahre ich schnell Richtung Blankenese, und da ist es plötzlich, das rote Licht. Zack! Ich bin viel zu schnell, werde geblitzt. Dabei wurde mir doch in der Taxischule eingebläut, sich vom Fahrgast niemals zur Eile drängen zu lassen. Die beiden steigen aus, wollen nicht, dass ich warte. Mir bleibt nichts übrig, als zurück in die Stadt zu fahren.

Als Taxifahrerin wird man hineingeworfen in das Leben anderer, das viel aufregender ist, als ich geglaubt habe. Aber mit dem Zuschlagen der Autotür von außen wirst Du wieder entlassen, kein Zutritt für Unbefugte. Ich bekomme immer nur den Anfang oder das Ende einer Geschichte mit, aber nie die ganze. Da ist der Transvestit mit den Männerproblemen, der nicht mehr an die Liebe glaubt und sich auf seine Schlaftabletten freut. Das schwule Rentnerpaar aus dem Spießervorort. Eine Gruppe Inder, die sich in der fremden Stadt verirrt hat. Ich bleibe immer nur ein Statist im Film der anderen.

Von manchen Fahrgästen bleibt neben einem Fettfleck an der Fensterscheibe nur das klebrige Gefühl von unerwünschter Nähe, andere beschäftigen noch Stunden später Kopf und Herz. So wie mein letzter Fahrgast, eine ältere Dame aus Rostock, meine längste Fahrt. Sie erzählt mir von ihrem schwierigen Leben in der DDR und ihrem Mann, der im Gefängnis war und den sie an den Krebs verloren hat.

Sie vertraut mir, einer Fremden. Vielleicht weil sie weiß, dass sie ihre Taxifahrerin nie wieder sehen wird.

Mitarbeit: Fabienne Hurst

  • Willem Konrad
    Stefanie Gromes (Jahrgang 1981) ist freie Dokumentar­filmerin und Autorin in Hamburg.
Die Film "7 Tage Taxi" von Stefanie Gromes und Fabienne Hurst (Kamera) läuft am Freitag, 20. November, um 21.15 Uhr und am Sonntag, 22. November, um 15:30 Uhr im NDR-Fernsehen.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Sicher...
fatherted98 20.11.2015
...sind Fahrgäste oft unangenehm...aber das ist nun mal der Job...und wenn ich mir so manchen Taxler so angucke braucht der sich nicht über eine rüde Umgangssprache zu wundern...das ist oft die Reaktion auf faule Säcke die noch nicht mal ums Auto rumkommen um den Kofferraum zu schließen.
2. Anmerkungen
ulr 20.11.2015
mit 34 zum reaktionstest? sehr außergewöhnlich, in nrw erst ab 60.... nachtschicht ist nicht immer die beste, in Bonn mit seinen Heerscharen von Unternehmensberatern ist es eher die tagschicht. . Das mit den "faulen "Kollegen " stimmt leider beim ein"echter" Kollege. ....
3. Tolle Idee
mare56 20.11.2015
Das war jetzt die 42.873ste Taxi-Reportage seit Erfindung der Senften. Atemberaubend uninteressant!
4. ein
fuffel 20.11.2015
Einblick in die sozialen Beziehungen. Finde ich spannend. Also welche Fenster da auf und zu gehen. Gerade weil es keine wirklichen Verbindlichkeiten gibt. Ein geteilter Raum, geregelt über das Entgelt und die Aufgabenverteilung. Miete ich das Taxi, den Fahrer oder die Beförderung über diese Strecke? Und warum fühlen wir uns verpflichtet, neben des Preises, noch Konversation anzubieten Ist einfach eine in die Länge gezogene Dienstleistung? Und wir mehr preis, weil wir keine wirkliche Konfrontation erwarten? Ende der Fahrt ist ja auch Ende der Geschichte
5. berlin bei nacht...
hehnsascha 20.11.2015
habe meinen taxischein damals gemacht, um mein studium zu finanzieren und wäre beinahe wie so viele dabei hängen geblieben. auch nach absolviertem examen konnte ich mich nicht trennen. für mich wars der faszinierendste job, die neugier, wer steigt als nächster ein, ihn oder sie auf grund von verhalten und dialekt zu verorten, dann sanft ein gespräch anzutippen. ok, manche lehnten ab, aus anderen sprudelte ihre gesamte lebensgesschichte. manchmal habe ich mich am zielort noch lange unterhalten. ach ja, zum baggern wars besser als jede disko. dass dabei auch noch bischen kleingeld abfiel,war auch nicht zu verachten. dann job, viele jahre, dann pensionierung in der ich dann wieder rückfällig wurde. heute lebe ich im ausland, aber kehre regelmäßig zurück, um mein gelbes scheinchen zu verlängern. eigentlich war ich blöde,dass ich kein buch über meine erlebnisse geschrieben habe....
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