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Fahrerin in Burundi Im Taxi Richtung Bürgerkrieg

Fotostrecke: Taxifahrerin in Burundi Fotos
DPA

Im ostafrikanische Burundi droht ein erneuter Bürgerkrieg. Tausende Menschen haben das Land bereits verlassen. Melissa Kwizera ist geblieben und schlägt sich nun mit Taxifahren durch - als eine der ersten Frauen des Landes.

Als die ersten Schüsse fielen, ließ Melissa Kwizera, 31, das Taxi offen stehen und versteckte sich im nahen Friseursalon Chez Nene. Es war ihr erster Arbeitstag. Zehn Minuten später - Herzfrequenz wieder im Normalbereich - kehrte sie zurück zu ihrem neuen Arbeitsplatz, einem weißen "Hello"-Taxi. Heute lacht sie, wenn sie daran denkt. "Man gewöhnt sich schnell an diese Ausschreitungen. Ich würde das Auto nie mehr offen stehen lassen."

Melissa Kwizera gehört zu den wenigen Gewinnern der politischen Krise in Burundi, aufgrund deren seit April bereits mehr als 220.000 Menschen das Land verlassen haben. Auch viele Taxifahrer sind in die Nachbarländer Ruanda, Tansania und Kongo geflüchtet. Dadurch bekam Kwizera die Chance, eine der ersten weiblichen Taxifahrerinnen des kleinen ostafrikanischen Landes zu werden. Sie will nicht fliehen, und auch vom Macho-Gehabe vieler Kollegen lässt sie sich nicht beeindrucken.

"Als ich hörte, dass wir Frauen einstellen, glaubte ich es zuerst nicht", sagt Taxifahrer Apollinaire Nikoyagize, 42. "Ich dachte, nur Männer können fahren." Er war mit seiner Skepsis keineswegs alleine. "Wie willst du denn die Reifen wechseln?" - diesen und ähnliche Sprüche musste sich Melissa Kwizera anfangs täglich anhören.

Die Gewalt droht zu eskalieren

Bujumbura, Burundis Hauptstadt am Nordzipfel des Tanganijka-Sees, wirkt täglich verlassener. Viele Geschäfte, auch Chez Nene, sind schon seit Wochen verriegelt. Kinder haben im Staub der Fenster Strichmännchen gezeichnet. Nachts hallt oft Gewehrfeuer durch einen der Stadtteile, fast täglich gibt es ungeklärte Todesfälle. Die Regierung bezeichnet die Opfer immer wieder als Kriminelle, Menschenrechtler sprechen von gezielten Tötungen von Regierungsgegnern.

Das kleine ostafrikanische Land mit rund zehn Millionen Einwohnern wurde im Frühjahr von Präsident Pierre Nkurunziza in eine tiefe Krise gestürzt, als er sich eine dritte Amtszeit sichern wollte. Seine Wiederwahl wurde von der Opposition boykottiert, seither kommt es immer wieder zu Zusammenstößen. Bei den bislang schwersten Auseinandersetzungen vor einer Woche kamen nach Militärangaben 87 Menschen ums Leben.

Melissa und zwei Kolleginnen verdanken der Krise ihre neuen Jobs. "Es ist ein Segen", sagt Joseph Désiré Nsengiyumva, Präsident der nationalen Taxifahrer-Vereinigung. Seit Beginn der Krise hätten nach Anbruch der Dunkelheit besonders weibliche Fahrgäste Angst, noch Taxi zu fahren. "Seit nun die drei Frauen bei uns arbeiten, ist die Nachfrage größer als das Angebot", freut er sich.

Verkehrschaos und Straßensperren sind Alltag

Der Verkehr in Burundis Hauptstadt ist aggressiv und chaotisch. Hupen statt Bremsen, dazu Quetschen, Drängeln - es ist oft Millimeterarbeit, sich hier fortzubewegen. Melissas Hand liegt ruhig auf dem pelzigen Lenkradbezug, stoisch steuert sie ihren Wagen durch das Verkehrsgewirr. Sie ist froh über ihren neuen Job. Nach Abzug von Wagenmiete und den stark gestiegenen Spritkosten bleiben ihr umgerechnet noch etwa 73 Euro pro Monat. "Nicht viel, aber besser, als untätig zu Hause zu sitzen."

Ihr Fahrgast Pacifique Batungwanayo ist beeindruckt, dass Melissa trotz der kritischen Lage die Nerven behält. "Auf unserer ersten Fahrt habe ich sie gefragt: Hast du keine Angst?", erzählt er. "Sie hat mich erstaunt. Diese Frau ist sehr stark."

Die Vereinten Nationen fordern seit Wochen einen politischen Dialog von Regierung und Opposition, um einen Bürgerkrieg zu vermeiden. Es ist keine zehn Jahre her, dass ein Bürgerkrieg mit etwa 300.000 Toten in Burundi zu Ende ging.

In Bujumbura herrscht die Angst, Straßensperren sind inzwischen Alltag. Es sei daher nicht immer einfach, den Fahrgästen zu vertrauen und die richtigen Routen zu finden, sagt Melissa. "Aber mein sechster Sinn leitet mich." Inzwischen klappt es sogar mit den männlichen Taxifahrern. "Man hat sich schnell an uns gewöhnt. Nun grüßen sich alle Fahrer gegenseitig", erzählt sie stolz. Allen gemein ist der Wunsch nach einer Rückkehr von Ruhe und Frieden, nach einer Zeit, in der man einfach seinen Beruf ausüben kann. "Wenn wir heute Taxi fahren, haben wir Angst, dass man uns beseitigt wie die anderen."

Sarah Fluck, dpa/asc

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Schlimm, aber sollen wir uns da jetzt auch noch drum kümmern???
majkusz 20.12.2015
Soll das schon der nächste Krisenherd medial vorgegart werden, damit wir wieder helfen sollen??? Wir können nicht die ganze Welt retten - aber wir können zumindest einigen helfen, wenn wir uns fokussieren. Weniger ist mehr, darum sollten wir Burundi vielleicht einfach mal Burundi sein lassen; es gibt bestimmt noch andere, die da helfen können, wenn es denn gewollt und nötig ist.
2.
al3x4nd3r 20.12.2015
"als er sich eine dritte Amtszeit sichern wollte." Vielleicht wäre es angemessener, wenn man dieses Thema mal genauer betrachtet statt eine Taxifahrerin. Sich mal die Verfassung genauer anschaut; die Begründung des Präsidenten zur 3. Amtszeit. Dass die Afrikanische Union gerade beschlossen hat, Kräfte nach Burundi zu entsenden, die das Land "stabilisieren" sollen. Welche Interessen dort eine Rolle spielen.
3. Sie sollen doch kommen!
kladderadatsch 20.12.2015
Zitat von majkuszSoll das schon der nächste Krisenherd medial vorgegart werden, damit wir wieder helfen sollen??? Wir können nicht die ganze Welt retten - aber wir können zumindest einigen helfen, wenn wir uns fokussieren. Weniger ist mehr, darum sollten wir Burundi vielleicht einfach mal Burundi sein lassen; es gibt bestimmt noch andere, die da helfen können, wenn es denn gewollt und nötig ist.
Man kann es den Menschen doch nicht verübeln. Die EU-Flüchtlingsrichtlinie bietet allen Kriegsflüchtlingen Schutz in der EU. Und der erste Senat des BVG hat die Versorgung mit deutschen Sozialhilfeempfängern gleichgestellt.
4.
Pausen-Inkling 20.12.2015
Zitat von majkuszSoll das schon der nächste Krisenherd medial vorgegart werden, damit wir wieder helfen sollen??? Wir können nicht die ganze Welt retten - aber wir können zumindest einigen helfen, wenn wir uns fokussieren. Weniger ist mehr, darum sollten wir Burundi vielleicht einfach mal Burundi sein lassen; es gibt bestimmt noch andere, die da helfen können, wenn es denn gewollt und nötig ist.
Sagen Sie mal, geht's noch? Sie beschweren sich darüber, dass in einer Reportage über die eskalierende Situation in Burundi BERICHTET wird? Beginnen für Sie die Probleme mit der Realität? Und sie werden gelöst, wenn man die Realität ignoriert? Was ist denn in den Foren hier gerade los?
5.
wecan 20.12.2015
Zitat von majkuszSoll das schon der nächste Krisenherd medial vorgegart werden, damit wir wieder helfen sollen??? Wir können nicht die ganze Welt retten - aber wir können zumindest einigen helfen, wenn wir uns fokussieren. Weniger ist mehr, darum sollten wir Burundi vielleicht einfach mal Burundi sein lassen; es gibt bestimmt noch andere, die da helfen können, wenn es denn gewollt und nötig ist.
Keine Sorge, Burundi ist ein kleines Land mit nur etwas mehr als 10 Millionen Einwohnern. Könnten wir also notfalls komplett bei uns integrieren. Ein Scherz? Naja, mich würde mittlerweile eine solche Forderung nicht mehr überraschen.
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