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Teamwork Fernbeziehung im Job

Könnt ihr uns hören? Bildschirme erobern die Stirnseiten von Konferenzräumen Zur Großansicht
Corbis

Könnt ihr uns hören? Bildschirme erobern die Stirnseiten von Konferenzräumen

Eine Besprechung über drei Kontinente - für globalisierte Konzerne eine leichte Übung. Die Technik dafür ist längst da und hat die Kinderkrankheiten fast abgeschüttelt. Doch von den Teams verlangt sie viel: Flexibilität, einen anderen Führungsstil und ein Faible für virtuelle Apfelschorle.

Hamburg sagt "Guten Morgen", Düsseldorf winkt. Und München? Fehlt. "Schlecht geschlafen, Herr Bless?", fragt Projektleiterin Tatjana Höchstödter. Sie sitzt im holzgetäfelten, aber modern ausgestatteten Videokonferenzraum des Versicherungskonzerns Ergo. Herr Bless sitzt in Düsseldorf - und blickt vom riesigen Flachbildschirm tatsächlich etwas müde in die Runde.

Kurz nach zehn, Herr Blasius aus München meldet sich immer noch nicht. Höchstödter ruft ihn auf dem Handy an. Ergebnis: Er sitzt im Konferenzraum, sieht und hört aber nichts von seinen entfernten Kollegen. Ein technisches Problem, die Leitung steht nicht. Nachdem in Düsseldorf ein Techniker herbeigeeilt ist, klappt es dann doch: Herr Blasius ist jetzt auf dem Schirm. Die Sitzung des Teams "Partner mit Sicherheit" kann beginnen.

Ergo müht sich weiter um sein Image, seit eine Reihe von Skandalen den Konzern in diesem Jahr erschütterte. Wenn der Firmenname fällt, denkt mancher Kunde eher an eine Budapester Orgie für Vertriebsleute als an eine Versicherung. Jede Verbesserung im Service soll nebenbei das Image polieren - auch wenn Höchstödters Team schon existierte, bevor der Skandal publik wurde. Begriffe wie "Zielgruppenansprache", "Kundenbindungsmaßnahmen" oder ein "Willkommenspaket" fliegen zwischen den Teilnehmern des Videomeetings hin und her. Zwischendurch reichen Sekretärinnen Unterlagen rein, mal klingelt ein Handy, es wird gescherzt und gelacht. Eigentlich ist alles wie in einer normalen Konferenz. Nur, dass einige Teammitglieder etwas kleiner sind als normal - weil sie, leicht unscharf, auf dem Bildschirm zu sehen sind.

Am schwierigsten ist der Faktor Mensch

Führungskräfte und Mitarbeiter müssen vor allem in internationalen Unternehmen immer häufiger in virtuellen Teams arbeiten. Videokonferenzen sind dabei nicht das einzige Werkzeug. "Der technische Fortschritt erweitert die Arbeitsmöglichkeiten erheblich", sagt Julia E. Hoch. Die deutsche Wirtschaftspsychologin an der Michigan State University in den USA beschäftigt sich seit Jahren mit virtuellen Teams. Sie berät Unternehmen wie Bosch oder verschiedene Autohersteller beim Umgang mit virtuellen Teams.

Ob Videokonferenzen oder E-Seminare, Teleworking oder die klassische Telefonkonferenz: Werden Ideen ausgetauscht oder Projekte besprochen, sitzen die Beschäftigten nicht mehr unbedingt im gleichen Büro. Der Kollege am Standort Hongkong, der Experte eines Partnerunternehmens oder der Außendienstler, der gerade auf Kundenbesuch ist: Bei Bedarf können sie alle ohne größere Probleme in die Teamarbeit einbezogen werden.

Die größten Herausforderungen bei diesen Fernbeziehungen sind gar nicht technischer Natur. Mindestens ebenso wichtig sind die neuen Verhaltensweisen im Job. Das beginnt mit den Arbeitszeiten. Eine Videokonferenz frühmorgens oder nach dem üblichen Feierabend - für die Mitglieder internationaler virtueller Teams ist das Routine. Wenn es in Düsseldorf ein Uhr mittags ist, ist es in New York gerade mal sieben Uhr morgens. Und in Hongkong schon sieben Uhr abends.

Ohne persönlichen Kontakt geht's nicht

Damit hat Claudia Wagner Erfahrung. Die Ergo-Pressesprecherin ist auch für die internationale Kommunikation zuständig und muss deshalb oft morgens um sieben Uhr im Büro sein: Zum Ergo-Mutterkonzern Munich Re gehören diverse Tochterfirmen im asiatischen Raum. Dann trifft sie sich virtuell mit Nikola Kemper, die ihr Büro in Hongkong hat. "Die Zeitverschiebung hat einen großen Einfluss auf die Zusammenarbeit. Man muss flexibel sein", sagt Kemper. Claudia Wagner ergänzt: "Wichtig ist es, rechtzeitig zu planen."

Über 15 Büros der Munich Re vertritt Kemper, von Indien über China bis nach Japan und Südkorea. Mit ihnen allen kommuniziert sie vor allem über Telefon, Videokonferenzen und E-Mails, manchmal auch über das Programm "Live Meeting", das ähnlich wie Skype Videotelefonie ermöglicht.

Bei aller modernen Technik: Ohne persönlichen Kontakt geht es nicht. "Ich versuche, die asiatischen Mitarbeiter so oft wie möglich persönlich zu treffen, etwa bei Kongressen", sagt Kemper. "Und ich bin mindestens einmal im Jahr in Deutschland, um die Kollegen zu sehen." Ein gemeinsames Mittagessen, ein kurzes Gespräch auf dem Flur - das helfe sehr bei der Zusammenarbeit. "Über das Telefon bietet man sich auch seltener das Du an", so Wagner.

Realer Durst, virtuelle Apfelschorle

Wirtschaftspsychologin Julia Hoch sieht persönlichen Kontakt als Erfolgsgeheimnis bei der Arbeit in virtuellen Teams: "Das baut Vertrauen auf - für erfolgreiche Teamarbeit essentiell." Auch bei der Ergo hat man das verstanden: Zum Projektbeginn traf sich das Team zum Workshop, bei dem sich alle persönlich kennen lernen konnten, ganz real. Auf Business-Englisch heißt das "Kick-Off Meeting".

Außerdem wichtig: eine gute Vorbereitung der Teamleiter. "Sie müssen den Teammitgliedern die Ziele klar machen und ihnen ausreichend Feedback geben. Das ist bei virtuellen Teams noch wichtiger als in normaler Teamarbeit, weil der seltene Face-to-Face-Kontakt die Kommunikation erschwert", so Julia Hoch.

Ein großer Vorteil der Fernbeziehung im Job: "Ich sehe in der virtuellen Arbeit auch einen wichtigen Beitrag zur Nachhaltigkeit", sagt Michael Blasius vom Ergo-Servicedienstleister Almeda. Klar, Meetings per Video- oder Telefonkonferenz sparen Flüge. Die CO2-Emissionen sinken. Und die Kosten fürs Unternehmen ebenso.

Je länger die Sitzung des Ergo-Projektteams dauert, desto mehr Teilnehmer haben Durst. Gut, dass reichlich Getränke auf dem Tisch stehen - aber leider nur in München und Düsseldorf. Wer in Hamburg sitzt, möchte die Kollegen am liebsten bitten, schnell eine Flasche Apfelschorle rüberzureichen. So weit ist die moderne Technik nicht. Das Team ist virtuell, die Apfelschorle ebenso. Der Durst dagegen ist real.

  • KarriereSPIEGEL-Autor Harald Czycholl arbeitet als freier Journalist in Cuxhaven.

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insgesamt 8 Beiträge
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    Seite 1    
1. .
rumpel84 27.10.2011
Die Technik taugt nicht nur zur Koordination von internationalen Teams (Offshoring, etc.), sondern auch zum Arbeiten vom Homeoffice aus. Abends von der Couch noch eine Stunde Telefonkonferenz ist kein Problem, bis abends im Büro hocken und drauf warten schon eher.
2. Burnout?
RealUlli 27.10.2011
Zitat von rumpel84Die Technik taugt nicht nur zur Koordination von internationalen Teams (Offshoring, etc.), sondern auch zum Arbeiten vom Homeoffice aus. Abends von der Couch noch eine Stunde Telefonkonferenz ist kein Problem, bis abends im Büro hocken und drauf warten schon eher.
Prinzipiell richtig, aber wenn das dann erwartet wird wird es schnell zum Problem. Arbeit ist Arbeit, auch wenn sie von daheim aus stattfindet - eine echte Telko mit Kunden ist definitiv Arbeit (und wird wahrscheinlich auch so gesehen). Aber genau wie bei Blackberry und co. sollte darauf geachtet werden, dass das nicht ueberhand nimmt - ansonsten droht IMHO ein Burnout. (Z.B. der Teamleiter, der mit den Kollegen in China eine Besprechung hat "ach, komm halt dazu, das kannst du doch kurz von daheim machen" und dann noch mit den Kollegen in Kalifornien "ach komm schon, dann schlaefst du halt morgen etwas laenger"... 16 Stunden Tag...nein, nicht erfunden, aber der Kollege hat sich die Leute inzwischen so erzogen, dass die Chinesen erst nach 8 die Besprechung machen und die Leute in den USA etwas frueher anfangen) Gruss, Ulli
3. Danke an die PR-Abteilung von Ergo!
ozxplorer 27.10.2011
Tolle Idee euch hier so unterzubringen! Der Artikel war im Grunde vollkommen Sinnfrei, wird aber dennoch helfen das Image weg von all den Skandälchen zu wenden. Wie sagte mein Professor in der Marketingvorlesung noch? Am Ende des Werbespot(t)s nochmal den Firmen Namen anbringen! "Je länger die Sitzung des Ergo-Projektteams dauert, desto mehr Teilnehmer haben Durst. Gut, dass reichlich Getränke auf dem Tisch stehen - aber leider nur in München und Düsseldorf. Wer in Hamburg sitzt, möchte die Kollegen am liebsten bitten, schnell eine Flasche Apfelschorle rüberzureichen. So weit ist die moderne Technik nicht. Das Team ist virtuell, die Apfelschorle ebenso. Der Durst dagegen ist real."
4. Jeah - sollte als werbung gekennzeichnet sein ...
SkwMueller, 27.10.2011
Zitat von ozxplorerTolle Idee euch hier so unterzubringen! Der Artikel war im Grunde vollkommen Sinnfrei, wird aber dennoch helfen das Image weg von all den Skandälchen zu wenden. Wie sagte mein Professor in der Marketingvorlesung noch? Am Ende des Werbespot(t)s nochmal den Firmen Namen anbringen! "Je länger die Sitzung des Ergo-Projektteams dauert, desto mehr Teilnehmer haben Durst. Gut, dass reichlich Getränke auf dem Tisch stehen - aber leider nur in München und Düsseldorf. Wer in Hamburg sitzt, möchte die Kollegen am liebsten bitten, schnell eine Flasche Apfelschorle rüberzureichen. So weit ist die moderne Technik nicht. Das Team ist virtuell, die Apfelschorle ebenso. Der Durst dagegen ist real."
Ich mein - der Alltag schaut doch so aus: Erstens gibt's diese schönen Meetingräume wohl, sind aber schweineteuer und deswegen rar, weshalb die normal sterblichen MAs nur über stinknormale Telcos kommunizieren. Und kick off mit Treffen aller Beteiligten? Gelogen - macht keiner, kostet viel zu viel. Jeder Controller kriegt da Anfälle. Das Problem ist nicht mal das kennenlernen - das Problem ist Sprache. sind das alle deutsche Teilnehmer? Bei mir sinds Inder, Chinesen, Polen, Südafrikaner, Oberpfälzer (Scherz ...)uvm. Und Firmensprache ist Englisch. Da grübelt man schon manchmal darüber, was er/sie nun wohl wieder gemeint hat. Oft sieht man nicht mal seinen Chef persönlich, der hockt in Dubai, der MA in Berlin. ansonsten trifft vieles auf alle meetings zu: ich muss gucken, wann andere Zeit haben, ach ne?
5. Alles schon bekannt
ing.mark 27.10.2011
Was hier beschrieben wird ist leider nicht neu. Das wurde schon vor 10 Jahren erforscht (www.pe.mw.tum.de) und publiziert (Gaul, H.-D.: "Verteilte Produktentwicklung - Perspektiven und Modell zur Optimierung" und Gierhardt, H.: "Global verteilte Produktentwicklungsprojekte"). Man hat hier 24h-Projekte rund um den Globus laufen lassen und mit verschiedenen Kulturen zusammen gearbeitet. Die Schwierigkeiten, ob auf persönlicher, fachlicher, technischer, ... Ebene, sind bekant.
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