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Teilzeitarbeit Dauerpräsenz war gestern

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TMN

Teilzeit: Darf jeder mittags die Sachen packen und einfach nach Hause gehen?

Zwei Kinder, ein Pflegefall in der Familie und trotzdem 40 Stunden im Büro? Wenn Mitarbeiter reduzieren möchten, müssen Chefs oft zustimmen. Manche wollen auch selbst weniger arbeiten - Tipps für einen Abschied aus der Vollzeit.

Das Leben ist ein Sprint: Manche schreiben in der Schule nur Einsen, wechseln dann als Primus an die Uni. Im Studium kassieren sie Stipendien, absolvieren Praktika, knüpfen erste Netzwerke. Und starten schließlich mit guten Kontakten durch in den Beruf: Überstunden, Fortbildungen, Vertretungen, alles kein Problem.

Bis es plötzlich nicht mehr geht.

Karriere im Schnelldurchlauf - doch was passiert, wenn irgendwann Kinder kommen, die Eltern zu Pflegefällen werden, eine Krankheit das Leben verändert, der Job zu stressig wird? Und der Mitarbeiter das Pensum nicht mehr schafft?

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat ermittelt: Immer mehr Menschen drosseln das Tempo, wechseln von Voll- auf Teilzeit. Dabei schalten in Deutschland Frauen häufiger einen Gang zurück - insgesamt 57 Prozent aller weiblichen Angestellten. Doch auch Männer nehmen den Fuß vom Gaspedal. Im vergangenen Jahr arbeiteten rund 20 Prozent mit reduzierter Stundenzahl.

Teilzeit muss keine Karrierefalle sein

Seit 1991 hat sich damit die Teilzeitquote der Frauen fast verdoppelt, bei den Männern sogar vervierfacht. Das Teilzeitmodell, eigentlich als Karrierefalle verpönt, scheint attraktiv wie nie: Gut jeder vierte sozialversicherungspflichtig Beschäftigte arbeitet auf Teilzeit, ermittelte die Bundesagentur für Arbeit.

Doch an der Spitze der Statistiken stehen hauptsächlich Beschäftigte, die einen Knochenjob haben oder schlecht bezahlt werden. Etwa in Pflege- und Altenheimen: Da kommen nur 45 Prozent aller Pfleger und Therapeuten ganztags rein. Auch in Kitas und Lehranstalten tritt etwa die Hälfte aller Lehrer, Erzieher und Pädagogen kürzer. Ähnlich ist die Situation in der Gastronomie, bei den Postdiensten und im Einzelhandel.

Doch darf jeder reduzieren? Kann auch ein Chef einfach einen Antrag stellen, mittags seine Sachen packen und früher nach Hause gehen?

Präsenz gilt als Pflicht: Wohl auch deshalb hat in Deutschland laut einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin nur etwa jeder hundertste männliche Chef einen Teilzeitvertrag von 30 oder weniger Stunden. Obwohl es durchaus Studien gibt, die besagen, dass sich 80 Prozent der Manager für flexible Arbeitszeiten, wie zum Beispiel Teilzeit, interessieren.

Was sagt das Gesetz? Wie wird ein Antrag gestellt, welche Fristen müssen beachtet werden?

Neun Tipps für einen Abschied von der Vollzeit

Elternzeit
Während ihrer Elternzeit können Mütter und Väter ihre Stunden auf mindestens 15 und höchstens 30 Stunden pro Woche reduzieren und anschließend auf eine volle Stelle zurückkehren. Laut Gesetz müssen sie den Arbeitgeber mindestens sieben Wochen vorher informieren. Wollen Eltern die Auszeit zwischen dem dritten und achten Geburtstag ihres Kindes nehmen, beträgt die Frist 13 Wochen.

Familienpflegezeit
Im Januar ist eine Reform des Familienpflegezeit-Gesetzes in Kraft getreten: Berufstätige können eine zweijährige Auszeit beantragen, um sich um kranke Angehörige zu kümmern. Ganz freigestellt sind sie aber in dieser Zeit nicht, sondern müssen in der Woche mindestens 15 Stunden arbeiten. Die Regelung gilt für Unternehmen mit mindestens 25 Beschäftigten.

Wer hat einen Anspruch auf Teilzeit?
In der Regel können alle Beschäftigten einen Antrag auf Teilzeit stellen, wenn das Arbeitsverhältnis seit mindestens sechs Monaten besteht und der Betrieb mehr als 15 Angestellte hat.

Welche Fristen gibt es?
Arbeitnehmer müssen den Antrag auf Teilzeit mindestens drei Monate im Voraus stellen. Wenn der Arbeitgeber nicht mindestens vier Wochen vorher widerspricht, gilt der Antrag als genehmigt. Argumente für eine Ablehnung könnten zum Beispiel betriebliche Gründe wie Schichtarbeit sein: wenn sich feste Produktionsabläufe mit Teilzeitarbeitern nur schwer organisieren lassen oder Mehrkosten drohen. Auch Kitas könnten möglicherweise darauf bestehen, dass ihre Mitarbeiter Vollzeit arbeiten: wenn etwa das pädagogische Konzept vorsieht, dass die Kinder durchgehend eine feste Bezugsperson haben.

Wie viele Stunden sind perfekt?
Hierbei stehen Arbeitnehmer vor einem Dilemma: Halbieren sie ihre Arbeitszeit, haben sie große Einbußen beim Gehalt. Reduzieren sie nur ein paar Stunden, kommen sie mit Überstunden vielleicht schnell wieder auf die volle Arbeitszeit. Bevor sie den Antrag stellen, sollten sich Beschäftigte deshalb gut überlegen, welche Zeiteinteilung für sie perfekt ist: Den nächsten Antrag können sie nämlich frühestens in zwei Jahren stellen.

Mit dem Chef über die Arbeitstage reden
Wer von 40 Stunden auf 20 oder 24 Stunden reduziert, hat anschließend nicht automatisch eine Dreitagewoche. Deshalb sollte ein Arbeitnehmer gleichzeitig mit dem Teilzeitwunsch auch die Tage angeben, an denen er künftig arbeiten will. Laut Gesetz können Beschäftigte nämlich die Verteilung nicht einseitig vorgeben, sondern müssen mit dem Chef eine einvernehmliche Lösung finden.

Mit dem Chef die Arbeitszeiten regeln
Wenn Teilzeitkräfte nur zu den Kita- oder Schulzeiten in die Firma kommen wollen, müssen sie mit dem Vorgesetzten darüber reden. Gibt es genug Kollegen, die sie ersetzen können, sollte der Chef den Wunsch erfüllen. Schwierig kann es aber werden, wenn jemand zum Beispiel nur von 9 bis 13 Uhr arbeiten will, aber niemand das Loch bis 17 Uhr füllen kann. Im Streitfall muss der Arbeitgeber nachweisen, dass kein passender Ersatz gefunden werden konnte.

Wie viel Urlaub haben Teilzeitkräfte?
Arbeiten Teilzeitkräfte weiter fünf Tage pro Woche, bleibt der Urlaubsanspruch gleich. Bei einer Dreitagewoche reduziert er sich entsprechend: Wer vorher 30 Urlaubstage hatte, bekommt dann nur noch drei Fünftel oder 60 Prozent, also 18 Tage. Das ergibt ebenso wie bei Vollzeitkräften sechs arbeitsfreie Wochen. Unstimmigkeiten kann es aber zum Beispiel geben, wenn ein Teilzeit-Beschäftigter an wechselnden Tagen kommt. Wie viele Urlaubstage muss er dann opfern, wenn er 2,5 Wochen freihaben will? Und gilt dann ein Feiertag an einem Montag als Arbeitstag oder nicht? Um Streit zu vermeiden, sollten deshalb besser die Arbeitstage festgelegt werden: Wer regelmäßig montags arbeitet, bekommt auch den Ostermontag bezahlt.

Ist eine Rückkehr auf Vollzeit möglich?
Wechselt ein Beschäftigter auf eine Teilzeitstelle, kann er später nicht automatisch wieder auf eine Vollzeitstelle zurückkehren. Deshalb sollten Beschäftigte mit dem Chef eine befristete Teilzeit vereinbaren - beispielsweise auf ein oder zwei Jahre. Werden neue Vollzeitstellen besetzt, müssen Arbeitnehmer in Teilzeit bevorzugt berücksichtigt werden.

sid / dpa

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1.
hbm-1291214196194 24.05.2015
wie genau wird denn der Beweis erbracht, dass Teilzeit vom Arbeitnehmer ausgeht - und somit als "attraktives Modell" bezeichnet werden kann - und nicht vom Unternehmen - und somit lediglich als arbeitgeberfreundlich gelten kann? Besonders die hier an der Spitze stehende Gruppe will in vielen Fällen NICHT Teilzeit arbeiten, wird zu Gunsten der Flexibilität von den Arbeitgebern aber nicht vollzeit eingestellt.
2. Schalten einen Gang zurück?
Lorah 24.05.2015
Auf die Frauen wartet in der Regel zuhause nach wie vor noch der Zweitjob. Kinder, Haushalt, zu pflegende Eltern. Das ist nicht einen Gang zurückschalten, sondern einen Gang zulegen; nur natürlich nicht in einem regulären Arbeitsverhältnis, sprich: nicht bezahlt und regelmäßig mit Überstunden.
3.
royal_flush 24.05.2015
Teilzeit wäre für mich (männlich, Mitte 40) ein Traum. Sobald die finanziellen Belastungen (zB Haus, Ausbildung der Kinder) sinken, ist das für mich eine echte Option. Man lebt nur einmal und Lebenszeit ist das einzige, was man sich nicht kaufen kann. Leider wird bei meinem Arbeitgeber Teilzeit nicht gerne gesehen, aber man hat ja als Arneitnehmer ein Recht darauf.
4. Altes Märchen !
postmaterialist2011 24.05.2015
Wieder einmal das alte Märchen, dass Präsenz bei Führungspositionen Pflicht ist. Wenn eine Firma modern aufgestellt ist, dann braucht man keinen allzeit im Büro klebenden Vorgesetzten. Wenn jeder seine Aufgabe kennt, dann ist es egal ob man nur 1 Tag die Woche im Büro ist oder täglich. Noch immer wird die Länge der Arbeitszeit mit Erfolg gleichgesetzt und die Kontrolfreaks in deutschen Firmen haben die Oberhand. Eigentlich kann ein jeder Büroangestellte Teilzeit oder von zuhause arbeiten, dann würde man sehen, dass die Masse der abgehaltenen Meetings die meist keine Resultate bringen absolut unnütz sind, aber bis es dazu kommt bin ich wohl in Rente.
5. Deutsche Mentalität ...
cotillo2011 24.05.2015
In Deutschland herrscht leider immer noch der totale Vollzeit-Präsenzwahn vor. Echte Arbeit kann demnach nur vor Ort und mit möglichst vielen Stunden geleistet werden. Da sind andere Länder (Niederlande, Skandinavien, ...) schon längst weiter. Bei uns hingegen wird Teilzeit abgetan als Faulheit und es wird unterstellt, jemand nimmt seinen Job nicht ernst genug. Auch Home Office wird kritisch beäugt, weil man angeblich keine "Kontrolle" mehr hat über die Leute und wo kämen wir hin, wenn das nun jeder machen würde ... Der Gedanke, dass Menschen in 30 Wochenstunden sogar produktiver arbeiten können als in 40 oder dass die Arbeit im Home Office effektiver ist, weil man flexibel ist und sich wohler fühlt .... ja das ist noch sehr abwegig in der deutschen Arbeitswelt. Dazu trägt wesentlich die von Kontrollzwängen und Misstrauen geprägte deutsche Arbeitskultur bei. Sowohl auf Seiten der Führungskräfte wie auch der Mitarbeiter, die sich untereinander in einer Atmosphäre von Neid und Missgunst kritisch beäugen!
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Nach § 8 des Gesetzes über Teilzeitarbeit und befristete Arbeitsverträge (TzBfG) haben Arbeitnehmer in Betrieben mit mehr als 15 Beschäftigten einen einklagbaren Anspruch auf Verringerung der Arbeitszeit, wenn sie seit mindestens sechs Monaten dort beschäftigt sind. Der Antrag muss schriftlich und mindestens drei Monate im Voraus eingereicht werden, wobei Angaben zum Umfang der Reduzierung und zur Verteilung der Arbeitszeit Pflicht sind.
Reduzierte Tagesarbeitszeit
Der Klassiker, der kaum Freiräume ermöglicht. Ein Angestellter arbeitet zum Beispiel nur vormittags oder nachmittags. Die Zeitfenster ändern sich nicht.
Reduzierte Wochenarbeitszeit
Eine fast ebenso gängige Variante: Drei- oder Viertagewoche, die übrigen Tage sind frei, und Teilzeitmitarbeiter bestimmen in Absprache mit ihrem Team den freien Tag oft selbst.
Reduzierte Monatsarbeitszeit
Wenig verbreitet: Man verteilt ein Zeitbudget beliebig auf den Kalendermonat. Drei Wochen am Stück arbeiten, eine Woche frei - das geht.
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Ein recht seltenes Modell: Ein, zwei oder auch drei Kollegen teilen sich eine Vollzeitstelle. Wer wann im Büro sitzt, machen sie unter sich aus. Jeder Jobpartner ist im Prinzip für sich selbst verantwortlich.
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