Von Stefan Kesselhut
Dutzende Spulen mit weißem Garn rotieren flirrend, die Maschine rauscht ohrenbetäubend. Computergesteuert zieht sie das Rohgarn ein, verarbeitet es mit zig Nadeln zu einem durchgehenden Stück Stoff, das aussieht wie ein langer, weißer Schlauch. Aus diesem Schlauch wird später hochwertige Spezialkleidung hergestellt.
Vierundzwanzig Stunden am Tag läuft diese Maschine in einer Halle der Firma Riedel Textil in Limbach-Oberfrohna bei Chemnitz, das ganze Jahr hindurch. Scheinbar ohne dass hier noch Menschen eingreifen müssten. Aber das stimmt nicht: Hier arbeiten Ingenieure, sie optimieren die Produktion und erkennen schnell Fehler. Nicht zuletzt haben sie die Stoffe entwickelt, die hier produziert werden. Ohne diese Ingenieure nützt auch die beste und teuerste Maschine nichts.
Einer dieser Ingenieure ist Nico Reiß, 31, ein groß gewachsener Mann mit breiten Schultern, Diplom-Textilingenieur. Man würde im ersten Moment nicht unbedingt vermuten, dass er sich pro Tag bis zu zehn Stunden mit Strickwaren beschäftigt. Bei Riedel Textil entwickelt er neue Produkte und trifft Kunden aus aller Welt, um mit ihnen neue Entwicklungen zu besprechen oder eine neue Zusammenarbeit anzubahnen.
High-Tech-Textilien statt modischer Massenware
Die Maschine mit den vielen Garnspulen, eine so genannte Rundstrickmaschine, ist nur eine von unzähligen hochmodernen Apparaten im Gerätepark der Firma, die Textilien herstellen, veredeln, beschichten und färben. Im hauseigenen Labor sind Mitarbeiter den ganzen Tag damit beschäftigt, Produkte zu testen und zu analysieren. Stoff für den Dachhimmel in einer großen deutschen Limousine oder für die flammenfeste Kleidung eines Feuerwehrmanns: Die Firma stellt fast alles her, was sich aus Stoffen machen lässt.
Anders als früher ist Bekleidung aber nur noch ein kleiner Teil des Geschäfts deutscher Textilunternehmen. Mit der Massenfertigung von Kleidung in Asien, wo Näherinnen zu niedrigsten Löhnen im Akkord für den europäischen Markt produzieren, hat deren Produktion nur wenig zu tun. Die deutschen Unternehmen, die zu lange an der eigenen Herstellung von Mode festgehalten haben, sind heute größtenteils vom Markt verschwunden.
Für Firmen wie Riedel dagegen wollen ihr Geschäft mit Innovationen und technischem Vorsprung sichern. Denn dann müssen die Produkte nicht unbedingt billiger sein als bei der Konkurrenz, sondern besser. Und technischer: "Im Bereich der technischen Textilien für Autos, Luftfahrt, Raumfahrt und Medizin sind die Märkte noch längst nicht ausgereizt, da gibt es immer noch viel Innovation. Deshalb macht mir der Job so viel Spaß", sagt Reiß.
Spezielle Textilfasern finden sich heute in vielen High-Tech-Produkten. Neue Verbundstoffe können sogar Aluminium im Auto oder Flugzeug ersetzen und bis zu neunzig Prozent Gewicht einsparen. Inzwischen macht die deutsche Textilindustrie mehr als die Hälfte ihres Umsatzes mit technischen Textilien. Sie gilt in diesem Bereich als weltweit führend, mit einem Marktanteil von fast fünfzig Prozent.
Kaum Hochschulen, die passend ausbilden
Der Bedarf an Ingenieuren, die sich mit Textiltechnik auskennen und solche Produkte entwickeln wollen und können, ist entsprechend groß. Solche Leute zu bekommen ist schwierig. "Wir haben langfristig auf jeden Fall ein Nachwuchsproblem", sagt Reiß' Ingenieur-Kollege Frank Holenfelder, 47, der eigentlich aus Aachen stammt und seit gut fünfzehn Jahren im Unternehmen ist.
Es gebe kaum Fachhochschulen und Technische Universitäten, die Ingenieure passend ausbilden können. Und selbst die wenigen speziellen Textiltechnik-Studiengänge in Deutschland sind oftmals nicht voll ausgelastet. "Absolventen dieser Studiengänge können zwischen mehreren gut bezahlten Stellen frei wählen. Allein die großen Autokonzerne haben einen Riesenbedarf", sagt Holenfelder. Auch bei Riedel würden immer wieder Headhunter anrufen und mehr oder weniger unverblümt versuchen, die hochqualifizierten Ingenieure abzuwerben.
Nico Reiß glaubt, dass junge Leute mit der Textilbranche wenig anfangen können. "Das ist für viele einfach nicht sexy. Die Textilbranche hat nicht gerade den besten Ruf und gilt als ziemlich langweilig, als wenig zukunftsfähig", sagt Reiß. Mit der Realität habe das aber nichts zu tun. Die Textilunternehmen, die es in Deutschland noch gebe, seien meist hochinnovativ.
"Ich habe mal einen Vortrag dazu gehalten und Jugendlichen erzählt, dass sie als Textilingenieur an Produkten wie dem Airbus A380 mitarbeiten oder spezielle Materialien für die Raumfahrt entwickeln können. Dann war plötzlich das Interesse da", sagt Reiß. Aber ob die Jugendlichen dann wirklich Textiltechnik studieren? Das weiß Reiß auch nicht zu sagen. An die Zukunft seiner Branche glaubt er trotzdem. Auch deshalb, weil er gerade eine Promotion an der TU Chemnitz plant, um in einigen Jahren selbst den Nachwuchs für die Branche auszubilden.
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