Von Fritz Habekuß
An der Tür zum Büro von Anselm Weber hängen zwei Postkarten. "Im Grunde ist alles ganz einfach", steht auf der einen. Auf der anderen ist ein Stuhl zu sehen, darüber ein Pappschild: "Neues Problem". Kürzer lässt sich Webers Tätigkeit kaum beschreiben. Als Intendant leitet er das Schauspielhaus Bochum und hat das letzte Wort über künstlerische Entscheidungen, zugleich ist er oberster Herr über die Kassen in Zeiten des Sparzwangs.
Anselm Weber, 49, Jeans und lockeres Hemd, sieht sich als Problemlöser und Diener des Theaters - denn am Ende ist die Vorstellung am Abend noch immer das Wichtigste. "Und sie strahlt auf die Mitarbeiter zurück", sagt Weber, der mehr als 300 Festangestellte und etliche Mitarbeiter mit Projektverträgen unter sich hat.
Studiert hat Weber Fotografie und arbeitete lange Jahre als Regisseur. Ins Ruhrgebiet kam er schon vor Jahren, inszenierte hier Opern, wurde später Intendant des Essener Grillo-Theaters. "Ohne diese Lehrjahre in Essen wäre Bochum überhaupt nicht möglich gewesen", sagt Weber. Gerade ist er in seine dritte Spielzeit gestartet, vom ersten Jahr an musste er sich mit dem drohenden finanziellen Kollaps auseinandersetzen.
"Die vergangenen zwei Jahre waren die härtesten in meinem Berufsleben", sagt Weber. Heute nimmt er sich trotz seiner Intendanz-Aufgaben noch immer Zeit zum Inszenieren, zwei Produktionen leitet er in dieser Spielzeit: "Dann lasse ich alles andere hinter mir und versuche, wieder aufs Originäre zurückzukommen."
"Die Herzkammer dieser Stadt"
Ins Schwärmen gerät er, wenn er das Bochumer Publikum als emotional und warmherzig preist. Weber ist sicher, dass die Bochumer das Schauspielhaus lieben: "Dieser Ort ist die Herzkammer dieser Stadt. Wenn das Herz gesund schlägt, ist auch die Stadt gesund."
Er arbeitet in einer von Krisen gebeutelten 380.000-Einwohner-Stadt. Erst der Niedergang der einstigen Kohle- und Stahlindustrie, dann das Nokia-Fiasko mit 2200 Kündigungen, nun das drohende Aus für das Opel-Werk und damit auch für zahlreiche Jobs bei Zulieferern und Dienstleistern - um den alten Industrie-Standort ist es geschehen, das Bangen um Arbeitsplätze und die Suche nach einer wirtschaftlichen Zukunft prägt das Klima in Bochum.
Weber musste sich oft genug für seine Wahl rechtfertigen: Warum ausgerechnet Bochum? Diese Frage kann der gebürtige Münchener nicht mehr hören. Er macht sich auf die Suche nach Themen, die die Menschen bewegen, hat ein Ohr auf der Straße und versucht mit ausländischen Regisseuren, Opel-Mitarbeitern oder jugendlichen Migranten gleichermaßen ins Gespräch zu kommen. "Hier im Ruhrgebiet leben mehr als 150 Communities weitestgehend friedlich zusammen, trotz des Gefühl, manchmal abgehängt worden zu sein", sagt der Intendant.
Die künstlerische Arbeit macht sein Haus aus. Weber entscheidet, welche Stücke gespielt und wie sie besetzt werden, mit wem das Theater Kontakt aufnimmt und Kooperationen eingeht. "Das Ungeschickteste ist es, Barrieren der Hochkultur aufzubauen", sagt er. Darum hat er HipHop-Tänzer ins Haus geholt oder Projekte mit Schulen initiiert: "Ich benutze meine Ellenbogen um den Raum zu öffnen und größer zu machen."
So muss ein echter Theatermacher klingen. Zum Beruf des Intendanten gehören in Zeiten leerer Kassen aber auch unangenehme Entscheidungen. "Wenn du viele Freunde am Theater haben willst, bist du in meinem Beruf falsch", weiß Weber.
Fünf Fragen an Anselm Weber
Die Auseinandersetzung mit der Tradition und der Realität stellt uns vor Herausforderungen, wie man sie an wenigen Orten in der Republik findet.
Das wird immer wieder versucht und sollte eigentlich auch so sein. Wir warten alle auf eine Inszenierung, die uns zeigt, was genau das sein soll.
Durchhaltevermögen, Transparenz und soziale Verantwortung
Bereichert.
Der Kampf ums Geld. In dem Moment, wo du die Gesamtverantwortung für das Haus hast, denkst du nicht mehr produktionsbezogen. Da heißt es, harte Bandagen anzulegen, um die Kunst zu verteidigen.
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