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Tiefstand bei Firmengründungen Selbständigkeit ist out

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Existenzgründer: Selbständigkeit gilt derzeit als wenig attraktive Perspektive

In Deutschland ist die Gründerstimmung verflogen: Den Sprung in die Selbständigkeit wagten 2012 so wenige Menschen wie schon lange nicht mehr. Denn der Arbeitsmarkt ist so schön sonnig, und Gründungszuschüsse fließen nur noch selten.

Die Konjunkturaussichten sind mau, zugleich sinkt die Arbeitslosigkeit: Diese Wirtschaftslage ist Gift für Firmengründer. Denn die einen haben einen sicheren Job und müssen nicht, andere trauen sich wegen fehlender Konjunkturimpulse nicht, ihr eigener Chef zu werden. Die Folge: In Deutschland wagen immer weniger Menschen den Schritt in die Selbständigkeit. Im vergangenen Jahr gründeten nur 775.000 Menschen eine Firma im Voll- oder Nebenerwerb - sieben Prozent weniger als 2011 und so wenige wie nie seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2000, wie die staatliche Förderbank KfW am Dienstag in Frankfurt mitteilte.

"Der Rückgang der Gründungstätigkeit ist besorgniserregend, denn Gründer helfen unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und Arbeitsplätze zu schaffen", sagte KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner. Die KfW betont: Durch Konkurrenz zu bestehenden Unternehmen fördern Existenzgründer Innovationen und Strukturwandel.

Die Entwicklung senkt auch den Beschäftigungseffekt: Freiberufler und Jungunternehmer schufen 2012 insgesamt 383.000 Vollzeitstellen - 14 Prozent weniger als 2011 und der Tiefstand seit Beginn dieser Berechnungen 2005. Davon entfielen 171.000 Stellen auf Mitarbeiter.

Sicherheit geht vor, jede Gründung ist riskant

Die gute Situation am Arbeitsmarkt habe nicht nur die Anreize gesenkt, in die Selbständigkeit einzutreten. Gleichzeitig habe sich für Gründer die Suche nach guten Mitarbeitern erschwert, berichtet die KfW. Denn im Zweifel entschieden sich Arbeitnehmer für die Sicherheit und die höhere Entlohnung in einem etablierten Unternehmen, nicht für das Risiko einer neuen, eigenen Firma. Schließlich sind nach nur drei Jahren im Schnitt 25 Prozent der Jungunternehmen wieder verschwunden.

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Zehn Erfolgsgeschichten: Gut gegründet
Ein Arbeitsplatzmotor sollen Existenzgründungen sein, doch dieser Motor stottert. Die Tendenz ist aus Sicht der KfW alarmierend: 2011 hatten noch 835.000 Menschen den Traum realisiert, im Voll- oder Nebenerwerb ihr eigener Chef zu werden. 2010 sogar 941.000. Den Höhepunkt hatte der Gründungsboom zehn Jahre zuvor erreicht. Mehr als 1,5 Millionen Menschen entschieden sich 2001 für die Selbständigkeit, ob mit einem Imbiss oder Friseursalon, ob als Erzieher, Tagesmutter, Berater oder freier Journalist.

Derzeit ist Besserung nicht in Sicht. Zeuner geht davon aus, dass die Zahlen etwa konstant bleiben. Die KfW hat noch einen entscheidenden Grund dafür ausgemacht, dass sich immer weniger Menschen selbständig machen: die restriktivere Förderung durch die Bundesagentur für Arbeit.

Gründungszuschuss abgeholzt, die Folgen sind enorm

Die expansive Förderpolitik aus den Jahren der Ich-AG von 2003 bis 2006 ist ohnehin längst Schnee von gestern. Doch noch bis Ende 2011 zahlte die BA Menschen, die sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbständig machten, einen Gründungszuschuss von anfangs monatlich 300 Euro. Vorübergehend wurde zusätzlich das Arbeitslosengeld I ausbezahlt.

Inzwischen ist der Rechtsanspruch auf den Zuschuss gestrichen. Die Auszahlung liegt nun im Ermessen der Arbeitsagentur, weil das Bundesministerium für Arbeit die Handbremse zog. Jetzt müssen BA-Mitarbeiter Geschäftskonzept und "persönliche Eignung der Gründer" unter die Lupe nehmen - in erster Linie, um den Haushalt der Bundesagentur entlasten.

Die Rechnung ging auf, aber die Folgen sind enorm: 2011 hatte die BA nach eigenen Angaben noch in rund 134.000 Fällen einen Gründungszuschuss bewilligt, im vergangenen Jahr waren es nur noch 20.000. Die ausgezahlte Fördersumme halbierte sich fast von 1,7 Milliarden Euro auf 0,9 Milliarden Euro, sagt eine BA-Sprecherin. Und: Die Zahl der Menschen, die sich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbständig machten, sank 2012 um fast ein Drittel.

Die starke Einschränkung war stark umstritten und wurden gegen den Rat vieler Experten beschlossen. Für die Gründer heißt das häufig: Sie müssen sich extrem gut vorbereiten, um überhaupt eine Chance zu haben. Wo sie Hilfe suchen, werden sie jetzt häufig abgewimmelt - seit die neuen Regeln gelten, ist der Antrag auf einen Gründungszuschuss zur Lotterie geworden.

Generell verlangt der Schritt aber auch eine gehörige Portion Mut - und den Willen, viel Zeit aufzubringen. Immer mehr Menschen schrecke die Bürokratie ab, andere das finanzielle Risiko oder die Arbeitsbelastung, so die KfW. Denn Selbständige erreichen zwar ein etwas höheres Durchschnittseinkommen als Arbeitnehmer. Sie arbeiten im Schnitt aber auch zehn Stunden mehr pro Woche. Das ernüchternde Ergebnis: Der Verdienst pro Stunde liegt oft auf Niedriglohnniveau. Zudem machen sich viele eher aus der Not heraus selbständig, nicht aus Überzeugung. Der feste Glaube an den Erfolg einer eigenen Geschäftsidee ist nur bei knapp der Hälfte der Gründer die Hauptmotivation.

Von Harald Schmidt, dpa/jol

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insgesamt 102 Beiträge
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1. Wundert mich kein bisschen
berlinero 21.05.2013
wenn man sich im "Bekannten"kreis umschaut, wieviele Gründungen ernst gemeint waren, und wie viele eine andere Form der Arbeitslosigkeitssubventionierung gedient haben. Bedeutet vielleicht auch, dass es eine relativ höhere Zahl von erfolgreichen Selbständigen geben könnte... Wäre ja grundsätzlich fein...
2. Kein Mut zum Risiko
wip 21.05.2013
Seit Jahrzehnten (seit etwa 1990) lautet der oberste und alles beherrschende Erziehungsgrundsatz der Nation "Kinder brauchen Grenzen". Jetzt ernten wir, was da gesät wurde: Angst vor jedem Risiko, jeder 'Grenz-Übrschreitung', überbürderndes Sicherheitsbedürfnis und Unselbständigkeit. Niemand sollte sich angesichts der Vorgeschichte darüber wundern.
3. Wie überraschend
gernotkloss 21.05.2013
Eine gute Idee, Voraussetzung für eine Firmengründung, ist in Deutschland nichts wert. Die Umsetzung dieser Idee ist mit hohen Kosten, zum Beispiel für Gebäude oder Maschinen verbunden. Da in Deutschland aber 50 % dieser Kosten selbst übernommen werden müssen, bevor überhaupt ein Euro an Fördermitteln fließt und diese dann nur bis maximal 50 %, kann man sich ein Leben lang verschulden. Fördermittel sind nur etwas für bestehende Unternehmen, die bereits über Maschinen und Gebäude verfügen. Nur diese haben nicht die richtigen Ideen. Statt gute Ideen hundertprozentig zu fördern und dann bei Erfolg sich alle Fördermittel zurückzahlen zu lassen, was ja auch noch Geld sparen würde, halten wir lieber weiter an alten Förderzöpfen fest.
4. eine Frage der Kultur
sven glückspilz 21.05.2013
Nach 12 Jahren Selbstständigkeit kann ich feststellen, es gibt hierzulande keine Kultur für Selbstständigkeit (wahrscheinlich kein deutsches Alleinstellungsmerkmal). Nicht nur, dass zu viele Institutionen gleich die Hand aufhalten (IHK, Berufsgenossenschaft, GEMA u.v.a.), dass die Steuerlast bei überschaubaren Umsätzen zeitverzögert gefährlich werden kann, weil man nicht ausreichend Rücklagen bilden kann - sprich, dass Planung sehr schnell von der Realität überholt wird, dass Berater (Steuer- u.a.) mehr belasten als leisten, es gibt auch keine Kultur des Geschäftslebens abseits eines etablierten Bereichs, der quasi automatisch funktioniert. Die einen behandeln Anbieter wie Parasiten, die anderen können sich eigentlich sinnvolle Dienstleistungen schlicht nicht leisten. In bestimmten Wirtschaftsbereichen ist das Klima seit Anfang der 2000er chronisch schlecht, ohne Aussicht, dass es jemals besser wird. Große Unternehmen und öffentliche Träger müssen sparen, die Kleineren leiden darunter und müssen folglich selbst sparen, in vielen Consumermärkten herrscht die Geiz-ist-geil-Mentalität, da wird es eng für neuen Ideen. Vor allem, wenn man das Geld zum Leben verdienen muss und nicht mit einem Kapital einsteigen kann, mit dem es sich wirtschaften lässt. Und das ist ja bei den meisten Selbstständigen, denen man via Ich-AG-Förderung und anderen Maßnahmen, die Selbstständigkeit schmackhaft machen konnte, nicht der Fall. Auch fehlen denen in ihrem persönlichen Umfeld jegliche übertragbare Erfahrung, Vorbilder und Unterstützer.
5. Gründungsfeindliche Regierung
Vermalia 21.05.2013
In Abwandlung von Murphy's Law: Was diese Regierung falsch machen kann, macht sie falsch. Aber dass ausgerechnet sich eine schwarz-gelbe und - hätte man gedacht - wirtschaftsfreundliche Regierung als Gründungsverhinderer schlechthin etabliert, lässt mich schon grübeln. Vielleicht ist es ja so für die bestehenden Firmen leichter, die Leute in schlecht bezahlten Jobs festzuhalten? Insofern hätte das bei unseren Wirtschaftsabgesandten im Politikergewand vielleicht eine gewisse Logik...
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