Frauen in der IT-Branche Zu schön zum Programmieren?
Profilbild von Florencia Antara bei Toptal (Screenshot der Webseite): Können diese Augen Quellcode lesen?
Die Nerds im Silicon Valley gelten als sonnig und weltoffen. Sind sie etwa auch sexistisch? Bei den Frauenfotos zu einer IT-Stellenanzeige mochten manche kaum glauben, dass sie Kolleginnen zeigen. Ihr Anfangsverdacht: So hübsch kann doch kein Techie sein.
Es gibt Technikerinnen, die sind unglaublich schön. Und zwar ganz wörtlich: so schön, dass ihnen offenbar niemand den technischen Beruf abnimmt.
So kann man die Sexismus-Debatte zusammenfassen, die derzeit im Silicon Valley geführt wird. Ausgelöst hat sie ein Artikel auf der Branchenseite "The Daily Dot" unter der provokanten Überschrift: "Sind diese Frauen zu hübsch, um 'echte' Ingenieure zu sein?" Dazu zwei Beispielfotos von Frauen, jeweils Porträts, beide adrett zurechtgemacht, beide gut ausgeleuchtet.
Die Frage erscheint zunächst gaga, denn warum sollte zu einem technisch talentierten Hirn immer nur das schreckliche Klischeebild eines Technik-Nerds passen: männlich, pickelig, unfrisiert? Doch viele im Silicon Valley konnten kaum glauben, dass die Fotos wirklich zwei Programmiererinnen zeigen. Mit ihren Konterfeis warb die Firma Toptal, die IT-Fachleute an Unternehmen vermittelt, auf dem Portal LinkedIn - bis die Anzeigen am Freitag überraschend verschwanden.
Inzwischen sind sie wieder online, doch übers Wochenende hat sich Toptal-Chef Taso Du Val mit dem Kundenservice von LinkedIn gekabbelt. Er behauptet, das Karrierenetzwerk habe die Anzeigen kommentarlos gelöscht und ihn erst auf Nachfrage aufgefordert, seine Werbung mit Fotos zu illustrieren, die wirklich mit dem beworbenen Produkt zu tun haben.
Falls es so war, könnte man es tatsächlich so deuten: Wenn du Programmierer vermittelst, dann zeige sie auch und nicht irgendwelche Models, die dafür viel zu gut aussehen. LinkedIn allerdings erwiderte, die Anzeigen seien "aus Versehen" entfernt worden, bei einer Standardüberprüfung. Was genau überprüft wurde und warum überhaupt, ist dabei aber nicht klar.
Kronzeugin aus Argentinien
Vermutlich hat LinkedIn auf Nutzerbeschwerden reagiert. Dafür sprechen diverse Kommentare, sowohl bei LinkedIn als auch bei Twitter oder unter dem Artikel von "The Daily Dot". Viele Kommentatoren halten die Fotos für unpassend, einzelne hielten die Werbung gar auf den ersten Blick für Spam-Anzeigen, die mit attraktiven Damen Aufmerksamkeit erregen wollen.
Dass die Anzeigen seiner Kampagne nicht richtig seriös wirkten, daran ist der Toptal-Boss zum Teil selbst schuld. Eine der gezeigten Frauen erkannten manche Nutzer nämlich: Es war die Schauspielerin Amanda Schull, die nun wirklich nicht für Programmierarbeiten zur Verfügung steht. Ihre Fotos sind auch nach der Rückkehr der Anzeigen nicht wieder aufgetaucht.
Taso Du Val stellt sich nun als Kämpfer gegen die Diskriminierung von Frauen in der Tech-Branche dar. Seine Kronzeugin heißt Florencia Antara und kommt aus Argentinien. Auch sie fiel auf den Fotos auf, weil ihr wohl nicht jeder vertiefte Programmierkenntnisse zutraute. Antara gibt an, bereits für Joomla gearbeitet zu haben, einen Anbieter von Webseiten-Software. Sie hat eine Profilseite bei Toptal und bei Google+. Inzwischen ist die Seite aber nicht mehr zu erreichen, und auch das Foto in ihrem Toptal-Account ist verschwunden.
So lässt sich derzeit schwer prüfen, ob der Toptal-Chef bei Florencia Antara ganz ehrlich ist. Was die anderen Fotos angeht, hat er inzwischen seinen Blog-Eintrag ergänzt, mit dem er LinkedIn angegriffen hatte. Zu Beginn seiner Werbekampagne habe er nicht genügend Profilfotos von Ingenieuren in ausreichender Bildgröße gehabt, so Tas Du Val. Darum habe er sich mit Agenturfotos beholfen und ab Mitte Juli dann "fast alle Bilder in den Anzeigen durch solche von echten Toptal-Entwicklern ausgetauscht". Amanda Schull, die Schauspielerin, erwähnt er nicht namentlich.
Unabhängig von dem sonderbaren Disput bleibt die Frage nach Alltagssexismus im Silicon Valley: Traut man gutaussehenden Frauen keinen Entwicklerjob zu? Werden Frauen in der Branche benachteiligt? Der Link auf den Artikel von "The Daily Dot" wird derzeit eifrig auf Twitter geteilt. Ein #aufschrei wie vor ein paar Monaten in Deutschland ist daraus aber noch nicht geworden.
mamk
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