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Lokführer-Traumata "Das Gehirn ist ein erstaunlich heilungsfähiges Organ"

Schwerer Unfall an einem Bahnübergang bei Pfaffenhausen: Der Autofahrer starb Zur Großansicht
DPA

Schwerer Unfall an einem Bahnübergang bei Pfaffenhausen: Der Autofahrer starb

Stressfolgen sind heilbar - sagen diejenigen, die traumatisierte Lokführer nach Personenunfällen wieder zurück ins Arbeitsleben führen. Die beste Medizin: die lieben Kollegen. Und ein eigener Garten.

Eigentlich sind Lokführer und Schaffner beschauliche Berufe. Bis zu dem einen Tag, an dem der GAU passiert: Irgendwo auf der kurvigen Strecke spielen Kinder auf den Gleisen und der Bremsweg ist zu lang. Oder bei der Fahrkartenkontrolle rastet eine Gruppe Betrunkener aus und prügelt los. Wie man Schockerlebnisse im Beruf überwindet und warum ein echtes Trauma weniger schlimm ist als die Volkskrankheit Burnout, erklären Dr. Christian Gravert, Arzt und Leiter des Gesundheitsmanagements bei der Deutschen Bahn, und seine Kollegin Vera Schneider, Psychologin.

KarriereSPIEGEL: Herr Gravert, Sie sagen, auch extremer Stress sei in der Regel zu bewältigen - wenn man nur richtig damit umgeht.

Gravert: Jeder hat die Fähigkeit, auch mit extremen beruflichen Belastungen umzugehen. Man sollte jedoch zwei Dinge beachten. Erstens: Es kommt auf die Vorbereitung an. Sie müssen lernen, wie typische Stressfolgen ablaufen, um sich dann im Notfall bewusst zu sein: Ich erlebe gerade extremen Stress, deshalb reagiert mein Körper extrem - und damit völlig normal. Zweitens: Danach muss Zeit sein für Regeneration.

KarriereSPIEGEL: Sie bereiten Menschen auf den vielleicht schlimmsten Stress vor, den man in seinem Berufsleben erfahren kann: einen anderen Menschen zu töten. Wer bei Polizei oder Bundeswehr arbeitet, muss mit solchen Extremsituationen rechnen. Sind sich Lokführer bewusst, dass auch sie Menschenleben beenden, rein statistisch im Laufe Ihrer Karriere sogar gleich zweimal?

Schneider: Die meisten anfangs nicht, deshalb ist das auch ein Thema in der Ausbildung. Viele reagieren zunächst überrascht oder spielen das Thema herunter. Doch Lokführer müssen wissen, was auf sie zukommen kann, was ein Trauma ist, wer ihnen hilft und wie sie es bewältigen. Sonst kann ein derartiges Ereignis zu posttraumatischen Belastungsstörungen führen.

KarriereSPIEGEL: Wahrscheinlich ist man für Wochen berufsunfähig?

Gravert: Bei uns kommen die meisten nach zehn bis zwölf Tagen zurück in den Dienst, späte Schäden können wir inzwischen in 99 Prozent der Fälle vermeiden. Aus rein medizinischer Sicht ist ein Trauma gut erforscht und oft einfacher zu behandeln als ein Burnout oder Depressionen. Das Gehirn ist ein erstaunlich heilungsfähiges Organ.

KarriereSPIEGEL: Eine extreme Stresssituation überwindet man also besser als diffusen Dauerstress?

Gravert: Wir vermitteln unseren Mitarbeitern im Vorfeld: Wenn ihr nach einem Unfall nicht schlafen könnt, Durchfall bekommt, ihr bestimmte Situationen und Bilder nicht aus dem Kopf kriegt - das alles ist eine normale Reaktion. Ihr habt ein Trauma, und wir bekommen das wieder in den Griff.

KarriereSPIEGEL: Und wie?

Gravert: Es geht nicht darum, das Erlebte zu verdrängen. Wir können inzwischen beweisen: Wenn man sich vorher damit beschäftigt hat, weiß man, was auf einen zukommt. Eine normale Reaktion auf ein abnormales Ereignis zu erkennen, nimmt die Hilflosigkeit. Zudem raten wir den Leuten zur körperlichen Betätigung. Gartenarbeit, Keller aufräumen, Waldspaziergang.

KarriereSPIEGEL: Straße kehren statt Psychotherapie?

Gravert: Möglichst schnell in Therapie zu gehen, ist nicht die Lösung. Besser ist, wenn man dem Körper und der Seele erst einmal eine Chance gibt, sich selbst zu heilen. Stress ist auch eine hormonelle Reaktion unseres Körpers. Archaische Reflexe werden ausgelöst, er will kämpfen oder fliehen. Also hilft Bewegung.

Schneider: Sie brauchen eine Balance zwischen Auseinandersetzung und Ablenkung. Hier hat die soziale Unterstützung den größten Effekt, wichtig ist vor allem das Verständnis von Kollegen und Vorgesetzten. Wir schulen Führungskräfte und Mitarbeiter, haben einige hauptamtliche Krisenhelfer nur für diese Gespräche. Ein Austausch mit einem anderen Lokführer, der ähnliches durchgemacht hat, hilft den Betroffenen sehr.

KarriereSPIEGEL: Das heißt im Umkehrschluss: Wenn Vorgesetzte, Kollegen, Familie und Freundeskreis abweisend und mit Unverständnis reagieren, verstärken sie das Trauma.

Gravert: Ja. Alle sind hier in der Pflicht, dies zu verhindern. Deshalb versuchen wir, unsere Erfahrungen aus der Lokführer-Betreuung auf alle Mitarbeiter zu übertragen. Also Kurse und Infos über Stress im Vorfeld und niedrigschwellige Betreuung bei Belastungen. 5000 Mitarbeiter haben dieses Angebot 2012 genutzt.

KarriereSPIEGEL: Als anderes wichtiges Instrument zur Stressbewältigung nannten Sie Regeneration.

Gravert: Sehen Sie ihren Büroalltag wie Hochleistungssport: Sie können phantastische Leistungen erreichen, aber nicht dauerhaft. Wenn sie einige Tage 150 Prozent oder mehr bringen müssen, achten Sie darauf, dass es auch Tage gibt mit 80 Prozent, wo Sie auf einer Dienstreise vielleicht einfach mal aus dem Fenster schauen können. Und haben Sie dabei kein schlechtes Gewissen. Nach Höchstleistungen gilt es zu entspannen, ohne die Kondition zu verlieren.

  • Foto: Thürnau
    Das Interview führte Helene Endres, Redakteurin beim manager magazin

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insgesamt 24 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
obi wan 04.03.2013
Zitat von sysopStressfolgen sind heilbar - sagen diejenigen, die traumatisierte Lokführer nach Personenunfällen wieder zurück ins Arbeitsleben führen. Die beste Medizin: Die lieben Kollegen. Und ein eigener Garten. Traumatisierte Lokführer: Stressfolgen sind heilbar - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/traumatisierte-lokfuehrer-stressfolgen-sind-heilbar-a-886101.html)
Schlimm bei diesen Unfällen ist auch immer, dass die Presse danach überlicherweise mit Schlagzeilen kommt wie "Bahn fährt kleine Kinder tot" und damit mehr oder weniger dirket den Lokführern die Schuld gibt an den Unglücken. Bei Personenunfällen am Gleis ist aber so gut wie immer ganz allein derjenige verantwortlich, der zu Schaden gekommen ist bzw. im Fall von Kindern diejenigen, die auf sie aufpassen sollten. Und zwar auch verantwortlich für das Leid des Lokführers!
2.
roflxd 04.03.2013
Stress? Traumata? Was sollen dann erst Soldaten sagen? Ob Lokführer das nun wahrhaben wollen oder nicht, Schienensuizid gehört nun einmal zum Berufsrisiko. Wer Lokführer wird, obwohl er weiß, dass er Schienensuizid/Unfälle usw. nicht verkraftet, hat den Beruf verfehlt.
3.
platin-iridium 04.03.2013
Zitat von roflxd...Wer Lokführer wird, obwohl er weiß, dass er Schienensuizid/Unfälle usw. nicht verkraftet, hat den Beruf verfehlt.
Typisch für ein Forum. Einfach mal etwas hineinblasen, ohne Sinn, ohne Verstand. Das Problem ist nicht der Suizid, sondern die Selbstvorwürfe: "Hätte ich den Suizid verhindern können? Habe ich zu spät gebremst, denn Mann, die Frau zu spät gesehen?" Denn: Allen, aber auch ALLEN Triebfahrzeugführern wird während der Ausbildung eingebläut: NIEMALS eine Personengefährdung. Daher ist es durchaus richtig: Es gibt andere Methoden, aus dem Leben zu scheiden. Man muß seine Leiche nicht anderen, Unbeteiligten vor die Füße werfen. Der Polizei, den Rettungsmannschaften und nicht zuletzt - dem Triebfahrzeugführer. Der Anblick eines durch ein Schienenfahrzeug getöteten Menschen ist nicht sehr angenehm. Weil dieser selten in "einem Stück" auf dem Gleiskörper liegt.
4. Schlaumeier
alettoria 04.03.2013
@roflxd: woher weiss "man", dass man einen Schienensuizid nicht verkraften würde? Das ist doch Unsinn. Ich fahre Auto. Weiss ich, wie ich einen Unfall verkraften würde, bei dem jemand zu Tode kommt? Oder darf ich, wenn ich das nicht weis, nicht mehr Auto fahren?
5.
otti_hamburg 04.03.2013
Zitat von roflxdStress? Traumata? Was sollen dann erst Soldaten sagen? Ob Lokführer das nun wahrhaben wollen oder nicht, Schienensuizid gehört nun einmal zum Berufsrisiko. Wer Lokführer wird, obwohl er weiß, dass er Schienensuizid/Unfälle usw. nicht verkraftet, hat den Beruf verfehlt.
Das ist nicht Ihr Ernst!? Wissen Sie, ob Sie es verkraften, wenn plötzlich Körperteile vor Ihnen an der Scheibe kleben? Einfach mal die Klappe halten.
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Zu den Personen
  • Dipl.-Psych. Vera Schneider ist Beraterin in der Managementberatung bei DB Training. Sie ist die fachliche Ansprechpartnerin für das Stresspräventionstraining für Lokführer. Ihre Tätigkeitsschwerpunkte liegen in der Beratung zu Gesundheitsmanagement, psychologischem Krisenmanagement und systemischem Change Management.

  • Dr. Christian Gravert ist Arzt für Allgemein- und Arbeitsmedizin und leitet seit 2003 das Gesundheitsmanagement der Deutschen Bahn AG. Er ist unter anderem verantwortlich für die betriebliche Gesundheitsförderung und die Prävention von psychischen Störungen.

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