Von Frank Patalong
Die Mission stand unter keinem guten Stern. Ab 1986 umkreiste die "Mir" die Erde, nichts für schwache Nerven. Vor allem in den späten Jahren, bevor die russische Raumstation 2001 zum kontrollierten Absturz gebracht wurde, gab es eine beispiellose Pannenserie. "Mal leckten Rohre, mal sprühten Funken, dann wieder torkelte die von Exkrementen stinkende Station richtungslos durchs All", schrieb der SPIEGEL süffig: "Irgendetwas war immer kaputt auf der 'Mir'" - die "orbitale Schrottlaube" wurde quasi zum intergalaktischen Gespött.
Im Februar 1997 kam Reinhold Ewald an Bord, zusammen mit drei Russen, einem Ukrainer und einem Amerikaner. Er erlebte nach zwölf Tagen die bedrohlichste Situation: Eine Sauerstoffpatrone fing Feuer und fackelte die "Mir" fast ab, ein Feuerlöscher verhinderte es gerade noch.
Raumfahrer ist ein Traumberuf. Und zugleich ein Hochrisiko-Beruf. Nach 19 Tagen hieß es am 2. März 1997: The Ewald has landed, unversehrt, mit dem Raumschiff "Sojus TM-24". Reinhold Ewald, der neunte deutsche Astronaut im All, hat also seit 14 Jahren sicheren Boden unter den Füßen - und hatte zuvor viele Jahre auf den Raumflug hingearbeitet.
Schon als Kölner Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter "machte Ewald einen Schritt in Richtung Himmel", so das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) auf seiner Biografie-Seite. Denn stets beschäftigte sich der promovierte Physiker mit astronomischen und Raumfahrtthemen - vom ersten Job bis zur heutigen Tätigkeit als Koordinator für den Betrieb des europäischen "Columbus"-Labormoduls der Internationalen Raumstation ISS.
Ein Arbeitsmarkt für Forscher, Ingenieure und Techniker
"Steve Jobs", sagt er und lacht, "hat einmal gesagt, dass man immer nur in Rückschau erkennen kann, ob die Punkte in einem Leben ein Muster oder eine Linie ergeben. Wenn ich das jetzt rückblickend betrachte, habe ich offenbar an den richtigen Stellen die richtigen Entscheidungen getroffen."
Ins All zu fliegen, das sei durchaus sein konkretes Ziel gewesen. Ewald bewarb sich schon 1986 fürs Astronautenprogramm und flog elf Jahre später tatsächlich ins All. Aber er weiß: Richtig planbar ist die Astronautenkarriere nicht. "Es werden ja immer nur wenige. Eine hohe Frustrationstoleranz muss man schon mitbringen."
Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt ist der größte Raumfahrt-Arbeitgeber in Deutschland, aber nicht der einzige. Insgesamt, schätzt Ewald, arbeiten rund 10.000 Menschen in diesem weiten Jobspektrum: vom Design wissenschaftlicher Experimente über die Materialentwicklung und Flugkoordination, die Fluggeräte-Entwicklung (Teile der Esa-Rakete "Ariane" entstehen an vier deutschen Standorten) bis hin zu den wenigen Astronauten.
Allein das DLR beschäftigt 6900 Mitarbeiter an 33 Instituten in 13 Städten. Bemannte Raumfahrt ist nur ein Thema von vielen, doch im Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen stets die Astronauten. Die Esa verfügt derzeit über ein eigenes Astronautenkorps mit 14 Aktiven, acht von ihnen halten sich aktuell für Flüge bereit.
Astronaut ist eine Art Ausbildungsberuf
Wir sitzen in einem Kölner Tagungsraum des European Astronaut Centre (EAC) der Esa, die die Raumstation ISS betreibt. Es ist eines der Astronauten-Trainingszentren, neben Houston (USA), Star City (Russland), Tsububa (Japan) und Montreal (Kanada). Vor den Fenstern erstreckt sich ein weitläufiges Areal mit Verwaltungs- und Labor-Zweckbauten. Der militärische Teil des Flughafens Köln-Bonn liegt wenige hundert Meter entfernt. Auch im Umfeld gibt es militärische Anlagen, teils ausgemustert und im Verfall. Es ist kein illustrer Ort und wirkt eher wie ein willkürlich in die Sandboden-und-Birken-Landschaft der Wahner Heide gepflanztes Gewerbegebiet.
Das passt nicht zu den Hightech-Vorstellungen von der Raumfahrt, geschweige denn zur Chrom-Welt der Science Fiction. Andererseits: Man sieht den Fassaden ja nicht an, was drinnen geschieht.
Das EAC in Köln ist die Heimbasis des Europäischen Astronautenkorps. Europäer, die einmal ins All geschickt werden sollen, durchlaufen hier ihre Grundausbildung. Sofort hat man Klischeebilder vor Augen: Harte Kerle und toughe Frauen loten in endlosen Trainingseinheiten ihre körperlichen Grenzen aus. Werden in klobige Raumanzüge verpackt und absolvieren in Wasserbecken höchst anspruchsvolle Übungen. Üben in Simulatoren überlebenswichtige Routinen ein, immer wieder.
Für all das findet man Equipment in Köln. In einer der großen Hallen stehen Nachbildungen des "Columbus"-Moduls und anderer ISS-Teile, mit denen es die Esa-Astronauten zu tun bekommen könnten. Und natürlich werden Abläufe trainiert, bis sie sitzen. Aber ist es das, was den Beruf des Astronauten ausmacht?
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