Aufstieg kommt von Herkunft. Das wissen wir spätestens seit den Forschungsarbeiten des Darmstädter Soziologen Michael Hartmann. Ins Top-Management eines der 400 größten deutschen Konzerne schafft es der promovierte Spross eines leitenden Angestellten mit zehnmal höherer Wahrscheinlichkeit als der formal ebenso hoch qualifizierte Sohn eines Arbeiters. Eventuelle Unterschiede bei Studiendauer, Studienort oder Studienfach, die für die Karriereaussichten ebenfalls eine Rolle spielen könnten, hat Hartmann bei diesen Vergleichen bereits herausgerechnet.
"Wer in die Vorstände und Geschäftsführungen großer Unternehmen gelangen will, der muss nämlich vor allem eines besitzen: habituelle Ähnlichkeit mit den Personen, die dort schon sitzen", erklärt Hartmann. Gefragt sind dabei laut Hartmann vor allem Eigenschaften wie Optimismus und Selbstsicherheit, aber auch selbstverständlicher Umgang mit den Dress- und Benimmcodes in den Führungsetagen. Prägungen, die Oberschichtsprösslinge typischerweise schon von ihren Eltern vorgelebt bekommen und dadurch verinnerlichen. Wie aber läuft dieser Prozess genau ab?
Zu den wenigen deutschen Millionären, die offen über ihre Kinderstube reflektieren und auch darüber, wie sie ihrerseits ihren Nachwuchs erziehen, zählt Wolfgang Grupp, geschäftsführender Gesellschafter der Trikotwarenfabrik Gebrüder Mayer, besser bekannt unter dem Markennamen Trigema. Genau, es handelt sich um jenen Herren Ende 60 mit scharfem Scheitel und hochgeschlossenem Kragen, der im Werbespot vor der Tagesschau durch die Reihen seiner Näherinnen schreitet und schnarrend verkündet, dass seine Firma ausschließlich in Deutschland fertige und deshalb deutsche Arbeitsplätze sichern helfe. Dann flattert eine schwarz-rot-goldene Flagge durchs Bild.
Karges Arbeitsleben in Grupps Fabrik
Seine Arbeiter hält Grupp kurz, ungelernte Kräfte fangen bei Trigema mit 8,50 Euro pro Stunde an, deutlich unter dem für die Branche gültigen Tariflohn. Auch der Jahresurlaub liegt mit 25 Tagen fünf Tage unter dem Standard des Tarifvertrags. Gleichzeitig leistet sich Grupp für einen Mittelständler dieser Größenordnung ungewöhnlich aufwändigen Lebensstil: Er lässt sich entweder im Mercedes 600 chauffieren oder benutzt gleich den Trigema-eigenen Helikopter mit fest angestelltem Piloten. All diese Details berichtet uns der Historiker Erik Lindner in seiner lesenswerten Grupp-Biographie "Wirtschaft braucht Anstand".
Die Überzeugung, dass man sich für seinen Erfolg durchaus belohnen darf, wurde Wolfgang Grupp schon von seinem Vater Franz vorgelebt. Franz Grupp fuhr den gleichen Mercedes wie Adenauer und stieg stets in den besten Hotels ab. Doch zugleich durfte bei Grupps zuhause am Mittagstisch nicht gesprochen werden, weil der Vater in Ruhe Zeitung lesen wollte, und auch für Franz Grupp gehörte es zum Verhaltensrepertoire, seine Angestellten lautstark "zur Sau zu machen", wie sich sein Sohn gegenüber dem Biographen Erik Lindner erinnert.
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Auch Wolfgang wurde früh an eine Mischung aus Luxus und Härte gewöhnt. Zum Studienbeginn in Köln spendierten ihm die Eltern eine Dreizimmerwohnung und einen Mercedes 190 SL. Auch ein eigenes Reitpferd zählte zur Apanage, nicht ohne Hintergedanken: Das Pferd wurde im gleichen Kölner Reitstall untergebracht, in dem auch einige Kaufhof-Vorstände ihrem Hobby nachgingen. Der Warenhauskonzern war damals ein wichtiger Trigema-Kunde. Eine beiläufige Lektion darüber, wie man in der Oberschicht Kontakte knüpft.
Zuvor hatte Wolfgang Grupp harte Jahre im Jesuiteninternat St. Blasien verbracht. Schläge waren dort an der Tagesordnung, und Wolfgang Grupp bekennt: Er habe dort vom ersten bis zum letzten Tag Heimweh gehabt. Doch zugleich ist Grupp seltsamerweise überzeugt, dass ihm das Internat gut getan habe, er habe dort gelernt, sich unterzuordnen, aber auch sich durchzusetzen, habe zu einem frühen Zeitpunkt Disziplin und Selbstverantwortung entwickelt.
Vieles von dem, was uns Grupp heute als Unternehmer so anachronistisch erscheinen lässt, die Härte gegen Untergebene, das stutzerhafte Äußere, die Liebe zur Repräsentation und der absolutistische Führungsstil, all diese Eigenschaften konnte sich Wolfgang Grupp bei seinem Vater abschauen. Von frühester Kindheit an hat sich bei Grupp ein Bild geformt, wie man sich als Inhaber des größten Arbeitgebers in einer abgelegenen schwäbischen Landgemeinde zu verhalten hat - und diesem Bild entspricht Grupp bis heute.
Ein Grupp gibt Anweisungen, die andere ausführen: Ein Korrektiv zu dieser häuslichen Prägung gab es für Wolfgang Grupp nicht. Er hat nie in einem anderen Unternehmen gearbeitet. Als er heiratete, war er 46, seine Baroness gerade mal 22 Jahre alt. Und der Bürgermeister von Burladingen frisst seinem wichtigsten Gewerbesteuerzahler aus der Hand - spätestens seit Grupp der Stadt eine neue Turnhalle spendiert hat. Das alles gepaart mit dem relativen geschäftlichen Erfolg von Trigema: kein Wunder, dass Wolfgang Grupps Selbstbewusstsein mit dem Alter immer weiter zunahm. Nicht hingegen seine Bereitschaft, auf andere Menschen zu hören.
Inzwischen ist er auf dem besten Weg, seine familiäre Prägung an die nächste Generation weiterzugeben. Trotz Grupps zwiespältigen Erfahrungen in St. Blasien steckte er Tochter Bonita und Sohn Wolfgang ebenfalls in ein Internat. Wolfgang junior bekam mit zehn Jahren seinen ersten Maßanzug angeschneidert, damit er lernt, wie man sich darin bewegt. Derzeit studieren beide Kinder Betriebswirtschaft in London, ausgestattet mit einem großzügigen Wechsel, wie ihn auch Wolfgang senior als Student gewohnt war. Und Wolfgang Grupp senior verkündet gewohnt apodiktisch: "Wenn ein Sohn die Firma nicht übernehmen will, dann hat der Vater versagt." Tochter Bonita, obwohl das ältere der beiden Kinder, kommt für diese Aufgabe offenbar nicht in Frage. Bedauern muss man sie deshalb vermutlich nicht.

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