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Tücken der Nachtarbeit Irgendwann macht der Körper schlapp

Tücken der Nachtarbeit: Der Rhythmus, wo man mit muss Fotos
Foto: Zander

Manche halten fünf Jahre durch, andere 30. Doch auf Dauer macht Nachtarbeit krank, oft auch dick und einsam. Wer kann, steigt aus. Aber Millionen Menschen müssen bei Wechselschichten ran - wie überlebt man das, ohne die Gesundheit zu opfern?

Schon in ihrer Krankenschwester-Ausbildung wurde Adelina Colicelli in Schichten eingesetzt, so ging es immer weiter. Oft stand sie um 4 Uhr auf. Der Klinikbetrieb: Frühschicht bis 14 Uhr, Tagschicht von 12.30 bis 21 Uhr, Nachtschicht von 20.30 bis 6.30 Uhr. Bis zu sieben Nächte wurde am Stück gearbeitet, folgen sollte ein mehrtätiger Freizeitblock. Aber weil die Personaldecke - damals wie heute - meist zu kurz ist, gelten Zusatzschichten und Rufbereitschaften als normal.

Anfangs absolvierte die blonde Schwester den Wechsel rund um die Uhr locker. "Manchmal habe ich bis in den Abend Partys gefeiert, dann die Nachtschicht angehängt. Zwar fällt man frühmorgens fast um, erholt sich aber schnell wieder, wenn man jung ist." Ab Mitte 20 feierte sie nicht mehr. Der Dienst schlauchte zunehmend, tagsüber im hellhörigen Schwesternwohnheim bekam sie kaum ein Auge zu. "Nie schaffte ich die acht Stunden, die ich eigentlich zum Wohlfühlen brauche."

Die Kollegen stöhnten genauso. "Jeder litt unter dem aufgezwungenen Fremdrhythmus. Am schlimmsten nachts zwischen 2 und 3 Uhr. Man versackt plötzlich in Sekundenschlaf, selbst bei Tätigkeiten direkt am Krankenbett", so Colicelli. Viele bekämpfen die toten Punkte im Schichtdienst mit Kaffee, manche mit Aufputschmitteln. Und greifen zu Schlaftabletten, um einschlafen zu können.

Sie selbst bemühte sich um gesündere Einschlafrituale: Fernsehen, dünner Tee, Bücher. Dennoch war die früher so fröhliche junge Frau zunehmend gereizt. "Man ist laufend erkältet, leidet unter Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Verstopfung." Was auch an der Ernährung liegt: "Brote, Schokolade - was so zwischendrin geht, daheim schnelle Nudeln." Ein Hauptgrund für die 30 Kilo, die Adelina Colicelli seit Berufsbeginn zugelegt hat.

Jeder Körper reagiert anders - aber chronische Leiden sind häufig

Um sich im strapaziösen Pflegedienst nicht völlig zu verschleißen, wechselte Angelina Colicelli mit 30 Jahren in die Leitung eines ambulanten Pflegedienstes und später in die eines großen Altersheims. Heute, 46 Jahre alt, arbeitet sie Teilzeit im Münchner Büro des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe und im ambulanten Dienst - "nur tagsüber".

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7  Bilder
Nachtarbeit: Lichtscheue Gestalten
Schichtarbeit mit regelmäßigem Nachteinsatz "ist grundsätzlich für jeden Menschen schädlich", stellte das Bundesverfassungsgericht schon 1992 fest. Wissenschaftler und Mediziner bestätigen das besondere gesundheitliche Risiko. "Viele Schichtarbeiter klagen über Schlafstörungen, Magenbeschwerden, innere Unruhe, psychische Beeinträchtigungen. Zu den langfristigen Folgen können Magen-Darm- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen", so Wolfgang Panter, Präsident des Verbands Deutscher Betriebs- und Werksärzte. Auch Rückenschmerzen, Diabetes und Bluthochdruck führen manche Ärzte auf ungesunden Rund-um-die-Uhr-Dienst zurück.

Ein konkretes Schichtarbeiter-Leiden gibt es nicht. Auf die willkürlichen Verschiebungen der normalen Schlafphasereagiert jeder Körper unterschiedlich. Zunächst mit psycho-vegetativen Wehwehchen wie Konzentrationsschwäche, Kopfschmerzen, Händezittern, chronischer Müdigkeit. Der Schlafentzug schwächt das Immunsystem. Handfeste chronische Leiden können langfristig folgen.

Erhöhtes Krebsrisiko durch Nachtarbeit

"Wechselschichten führen nicht unbedingt zu einer Krankheit, erhöhen aber die Wahrscheinlichkeit zu erkranken statistisch erheblich", sagt Andrea Fergen, im Vorstand der IG Metall zuständig für Arbeitsgestaltung und Gesundheitsschutz. "Arbeitswissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Schichtarbeiter früher altern. Sie leiden unter höherem gesundheitlichen Verschleiß als Tagesarbeiter."

2007 stufte das Internationale Krebsforschungszentrum der WHO nächtlichen Schichtdienst sogar als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Einzelstudien an Krankenschwestern und Stewardessen hatten Tierexperimente bestätigt, denen zufolge ständige Verschiebungen der biologischen Schlaf-Wach-Abfolge sowie nächtliches Kunstlicht langfristig das Auftreten von Tumoren begünstigen.

Tipps zur Selbsthilfe
Was Schichtarbeiter selbst tun können
REUTERS
Bei Schichtarbeit über Jahre oder gar Jahrzehnte lauern erhebliche gesundheitliche Gefahren. Die schleichen sich oft langsam an und entfalten erst nach längerer Zeit ihre volle Wirkung. Jeder kann auch selbst dafür sorgen, die Negativfolgen zu mindern.
Mahlzeit!
Die beiden Hauptmahlzeiten sollten möglichst zur gleichen Uhrzeit mittags und am frühen Abend eingenommen werden. Regelmäßige kleine Zwischenmahlzeiten verhindern ein zu starkes Absinken des Blutzuckerspiegels. Verpflegung während der Nachtschicht sollte leicht bekömmlich sein, weil der Verdauungstrakt nachts auf Ruhe eingestellt ist.
Käffchen? Läuft.
Kaffee lieber vor der Nachtschicht trinken; da Koffein erst nach Stunden seine volle Wirkung entfaltet, stört Kaffee während der Schicht den folgenden Schlaf. Übrigens sollte man für jede Schicht die gleiche Schlafenszeit beibehalten. Dazu Klingel abstellen, Handy ausschalten, Zimmer abdunkeln.
So gesund wie möglich leben
Außerdem raten Experten: regelmäßig im Freien bewegen, Sport und Hobbys betreiben, soziale Kontakte pflegen - auch wenn die Schichtarbeit es nicht leicht macht. Entspannungsübungen wie autogenes Training lernen, einen Rhythmus in die Freizeit bringen, zum Beispiel durch feste Aktivitäten in der Gruppe oder mit der Familie.
Licht stört die nächtliche Produktion des Hormons Melatonin, auch Prozesse der Zellteilung und -reparatur. "Das könnte das Risiko einer Tumorbildung erhöhen", vermuten Wissenschaftler wie Volker Harth vom Institut für Prävention und Arbeitsmedizin an der Bochumer Uni. Es bestehe aber noch viel Forschungsbedarf.

Das Problem mit der gestörten inneren Uhr erklärt Beate Beermann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin so: "Der Mensch ist ein tagaktives Lebewesen, dessen Körperfunktionen am Tag auf Aktivität und in der Nacht auf Erholung eingestellt sind. Der willkürliche Schlaf-Wach-Wechsel bringt den Körper aus dem Takt." Permanente Störungen der natürlichen Zeitabläufe bedeuten Stress - etwa wie ein Dauer-Jetlag.

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Krank
Sackaboner 13.04.2011
Viele wichtige biochemische Vorgänge im Organismus aller Lebewesen folgen einem Tag-Nacht-Rhythmus. Das Einhalten des Rhythmus ist so essentiell für die Gesundheit wie der Schlaf selbst. Ein ständiges Durchbrechen des Rhythmus stellt eine Körperverletzung dar, mit ernsthaften Folgen für die Gesundheit. Dies sollte als versicherungsrechtlich relevanter Tatbestand anerkannt werden, damit die Millionen Betroffenen endlich bessere Arbeitsbedingungen einfordern können.
2. ...
Mimimat 13.04.2011
Zitat von sysopsollte verboten werden. Wir sollten wieder mit weniger zufrieden sein, kürzere Öffnungszeiten, längere Lieferzeiten denn die Nacht ist nicht ohne Grund dunkel, da sollte man besser schlafen...
Fragt sich nur, wie dann Krankenhäuser, Feuerwehr, Polizei, Energiebetriebe usw.... am Laufen gehalten werden. Auf ein Mindestmaß begrenzen, ja! Aber ganz abschaffen wird kaum gehen. Es wäre nur mal schön, wenn eine unabhängige Kommission mal testet, welcher Schichtrhytmus denn nun der verträglichste ist. Ich habe über 20 Jahre in Schichten gearbeitet. Und immer, wenn eine neue Abfolge kam, wurde erzählt, dass es JETZT die gesundheitlich beste Variante ist.
3. Der Mensch ist ein tagaktives Tier...
the_flying_horse 13.04.2011
Ich habe ein paar Jahre, als ich noch jung war, nur nachts gearbeitet. Das ging ganz gut - was kaputt machte, waren Wechselschichten; d.h. eine Nachtschicht von 12 Std., danach 24 Std. frei, dann eine Tagschicht und wieder gewechselt... Ich hatte zum Glück Kollegen, die nur tagsüber arbeiten wollten, so haben wir getauscht, das ich alle Nachtschichten hatte, aber nie wechseln musste. Ok, heute gibt es im Gesundheitswesen keine 12 Std. Schichten mehr, aber der Wechsel ist immer noch da - und der macht einen richtig fertig (was ich gerade an meiner Tochter sehe, die jetzt als Krankenschwester arbeitet). Nach ein paar Jahren übrigens wieder in einem normalen Tagesrythmus gearbeitet, also nur tagsüber - die Umstellung von jahrelangen Nachtschichten auf normale Arbeitszeiten dauerte sehr lange, das Aufstehen morgens um 6:00 war lange eine echte Qual. Der Mensch ist halt von Natur aus ein tagaktives Tier...
4. ...
meisterpok 13.04.2011
Mir würde es schon reichen, wenn der Nachtdienst vernünftig alimentiert wird. Momentan gibt es 2,72 EUR steuerfrei obendrauf, aber mein Dienstherr überlegt recht laut, dass er das auch noch besteuern will. Da frage ich mich, was dem Dienstherrn meine nächtliche Aktivität wert ist. Ganz abgesehen davon mache ich sehr gerne Nachtdienst und das schon seit 20 Jahren. Ich vermag das bis jetzt durch Sport und halbwegs gesunde Lebensweise ganz gut zu kompensieren.
5. Es ist schon seit vielen Jahren bekannt,
h0l0fernes 13.04.2011
dass Schichtarbeit krank macht und dass sie Partnerschaften und Familien zerstören kann. Aber wen interessiert das schon, wenn es um Firmenprofite geht oder um das Eintauchen in grenzenlose Spaßwelten, z.B. beim nächtlichen Einkaufen?
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Wie wir ticken
Im Arbeitstakt-takt-takt-takt-takt-takt-takt...
DPA
Mit seiner Arbeitsgruppe an der LMU München erforscht Till Roenneberg, wie das Licht den Tagesrhythmus des Menschen beeinflusst und wie die verschiedenen Chronotypen reagieren. "Unser biologischer Rhythmus ist angeboren, und seine Missachtung hat gesundheitliche Folgen", sagt er.
Forschung zum Tag- und Nachtrhythmus
Roenneberg und sein Forscherteam sammeln im Rahmen der Forschungsnetzwerke ClockWORK und EUCLOCK seit über zehn Jahren per Internet-Fragebögen Informationen über menschliche Tagesabläufe. 110.000 EU-Bürger haben bisher mitgemacht, von Kindern bis zu alten Menschen. Online gaben sie Auskünfte über ihre Bettzeit, Schlafdauer, Weckzeit und die Stunden, die sie täglich draußen bei Tageslicht verbringen. Zusammen mit Schlaftagebüchern, -laboren und Aktivitätsmessgeräten liefern all diese Daten weitere Erkenntnisse über die innere Uhr.
Und welcher Chronotyp sind Sie?
Wer einen der MCTQ-Fragebogen (Munich Chronotype Questionnaire) beantwortet, bekommt als Feedback eine Beurteilung seiner persönlichen Innenzeit. Den Fragebogen gibt es hier: www.imp-muenchen.de. In seinem neuen Buch "Wie wir ticken" erklärt Till Roenneberg an vielen Fallbeispielen alle Fragen rund um die innere Uhr.

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Nachtschicht: Mit dem Pizza-Express durch Dunkelberlin


Nachtschicht - Die Playlist

Viele Musiker sind selbst Nachteulen - und haben den Nachtarbeitern dieser Welt eigene Songs gewidmet. Hier die wichtigsten:

The Commodores - Nightshift
D.A.F. - Nacht Arbeit
Franz Ferdinand - Van Tango
Michael Jackson - Working Day and Night
Prince - Ballad of Dorothy Parker
Rufus Thomas - All Night Worker
Scissor Sisters - Night Work

Zu guter Letzt geht es aber auch darum, die Sau rauszulassen - nach der Nachtschicht:

The B-52's - Hot Pants Explosion


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