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Geschlechtertausch "Nichts gegen Männer als Bankmanager, solange sie Ahnung von Finanzen haben"

Durchironisiertes Twitterprofil: Die Seite von @manwhohasitall Zur Großansicht

Durchironisiertes Twitterprofil: Die Seite von @manwhohasitall

Frauen bekommen oft "gute" Ratschläge, wie sie sich im Berufsalltag behaupten können. Was aber, wenn man diese in denselben Worten an Männer richten würde? Ein Twitter-Autor führt auf diese Weise die ganze Absurdität von Rollenklischees vor.

Kind und Karriere - geht das zusammen? Keith, 42, ist Vater von zwei Jungen und sagt: "Ich will nicht so tun, als ob es einfach wäre, ich bringe große Opfer. Aber ich habe Glück: Meine Frau kümmert sich zweimal pro Woche um die Kinder und leert immer die Spülmaschine. Sie nimmt auch wirklich rege Anteil an der Entwicklung unserer Kleinen." Oft ist es kaum möglich, allen Ansprüchen gerecht zu werden. Aber Andy, 32, hat es raus: "Wenn meine Frisur gut aussieht, dann habe ich alles unter Kontrolle."

Irritiert? Aber warum eigentlich? Was stimmt nicht mit einem Dialog wie dem folgenden? "Was wünschst du dir zu Weihnachten, John?" - "Dass meine Haut sauberer, geschmeidiger und gesünder als je zuvor aussieht." - "Ich auch, Alter. Danke für deine Offenheit."

Na klar, all diese Zitate sind erfunden. Es gibt weder den glücklichen Keith noch den gut gefönten Andy. Geschrieben hat sie ein Autor, der unter dem Namen @manwhohasitall einen Twitter-Account und einen Tumblr betreibt. Dort füttert er seine Leser täglich mit Zitaten, wie sie Frauen in Wirklichkeit oft hören. Nur, dass er dabei die Geschlechter wechselt, sodass die Aussagen für jeden erkennbar völlig absurd klingen. Die Botschaft: So absurd sind sie auch schon im Original.

Etwa in Frauenzeitschriften, die ihnen Ausgabe für Ausgabe erklären, wie sie sich für die Männerwelt anziehend machen. Aber einen Ratschlag, der sich in gleicher Weise an Männer richtet, liest man sonst nicht. Etwa: "An alle intelligenten Männer: Ihr dürft ruhig zu eurem Intellekt stehen! Es ist in Ordnung, ein intelligenter Mann zu sein. Manche Frauen finden das sogar attraktiv."

Aufgespießt werden auch die vielen Unterstellungen, die im Gewand scheinbarer Offenheit daherkommen: "Ich habe wirklich nichts gegen männliche Bankmanager, solange sie Ahnung von Finanzen haben." Ist das nicht eigentlich selbstverständlich? Und was hat das Finanzwissen mit dem Geschlecht zu tun?

@manwhohasitall verdeutlicht, wie herablassend viele Ratschläge an Frauen sind, die auf den ersten Blick wohlmeinend daherkommen: "Sie sind ein berufstätiger Vater? Widerstehen Sie dem Drang, im Hintergrund zu bleiben - kleiden sie sich in Wow-Farben, um in der Berufswelt voranzukommen." Oder auch: "Aufwachen, Papis! Frau und Kinder schlafen noch? Dann habt ihr jetzt Zeit, euch um euer stumpfes, sprödes Haar zu kümmern und euch untenrum zu enthaaren. Das ist eure Zeit!"

Den Wechseltrick zieht der Autor ebenso konsequent durch wie seinen ironischen Stil. So lautet die Selbstbeschreibung in seinem Tumblr: "Ich bin ein vielbeschäftigter Vater mit drei Kindern, einer wunderbaren Frau und einem hektischen Vollzeitjob. Ich schreibe über meine Erfolge und Misserfolge in der Hoffnung, dass sie einem anderen arbeitenden Vater das Leben erleichtern bei der Aufgabe, gesunde und unabhängige Kinder großzuziehen. Ich liebe Schuhe (vor allem Brogues!) und ich bin ein Orga-Freak."

Das ist auch die Information, die der Autor - oder ist es vielleicht doch eine Autorin? - auf Anfrage über sich selbst preisgibt. Seinen Namen verrät er nicht, sein seit Mai bestehendes Twitterprofil biete "intelligente Lifestyle-Ratschläge für vielbeschäftigte Väter", sagt er. Und schließt in einer typischen Wendung: "Meine Frau ist sehr stolz auf mein kleines Projekt."

Mit seinen Kurztexten macht er sich nicht allein über die Sprechweise von Männern lustig. Sondern auch über Frauen, die oft selbst überkommene Geschlechterzuschreibungen verbreiten.

Zum Beispiel: "Man kann über Frauen sagen, was man will, aber sie haben keinen Blick dafür, was gerade ansteht. Männer können Hausarbeit einfach besser, so sind wir gemacht! Letztendlich ist es meine freie Entscheidung, Vollzeit zu arbeiten. Ich habe zwar nie Zeit für mich, aber die Kinder sind es mir wert." Oder: "Ist eure Frau auch im Herzen ein Kind geblieben? Meine schon! Ich räume hinter ihr her und organisiere ihr Leben. Manchmal denke ich, ich habe vier Kinder, nicht drei!"

Geschlechterwechsel zur Verdeutlichung - nach dem gleichen Prinzip funktioniert eine aktuelle Kampagne, die sich gegen Sexismus in der Sportberichterstattung wendet: "Cover the Athelete" stellt in diesem Video männlichen Sportlern Fragen, wie sie sich sonst auch schon mal Athletinnen anhören müssen. Kleiner Unterschied: Auf die Frage "Wie wirkt sich Ihr Gewichtsverlust auf Ihr Liebesleben aus?" reagieren die Männer mit Unverständnis.

  • Matthias Kaufmann (Jahrgang 1974) ist KarriereSPIEGEL-Redakteur.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 67 Beiträge
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1.
Olaf 12.11.2015
Frauen bekommen diese Ratschläge, weil sie danach suchen. Die Frauenzeitschriften sind voll davon. Eine ganze Branche lebt davon Frauen zu erzählen wie Frauen von heute sind. Die feministischen Zeitungen sind da nicht anders.
2. Kleine Aktion - große Wirkung
tt75 12.11.2015
Den Rollentausch spiele ich gerne im Kopf durch, wenn ich Werbespots sehe. Ich weiß zwar, dass in der Werbung Zielgruppen, nicht Gleichstellung zählen, aber egal, es macht Spaß und zeigt auch hier, wie absurd immer noch in veralteten Klischees gedacht wird. Tolle Aktion, danke an den Autor. (und ich hoffe wirklich, es ist ein Mann ;) )
3. Ausgesprochen geistreich!
rjlegrand 12.11.2015
... und entlarvend. So einen Blog sollte man auch in deutscher Sprache einführen!
4. ?
Leser161 12.11.2015
Die Texte würden genauso seltsam klingen, wenn sie Frauen in den Mund gelegt worden wären. Wo ist das Neue?
5.
Thomas Schnitzer 12.11.2015
"Nichts gegen Männer als Bankmanager, solange sie Ahnung von Finanzen haben" Ja, ach, nein, wirklich? Das man diesen Satz in der Realität jedoch nicht oft hören wird, liegt daran, dass bei Männern grundsätzlich vorausgesetzt wird, dass sie ihren Beruf erlernt und ununterbrochen in Vollzeit ausgeübt haben, während man Frauen auch gerne mal nach 10 Jahren Pause als Teilzeit-Aushilfe findet. Auch in Banken. Und nach so einer Zeit ohne Fortbildung reicht das Wissen nunmal "nur" noch für Standardprodukte, auch bei einem Mann. Der nie in dieser Situation vermutet würde. In der Software-Entwicklung kann sich sowas dementsprechend im Einsatzgebiet äußern. In der Batch-Entwicklung für den Großrechner arbeiten bei uns viele dieser Kräfte. Weil es in diesem Bereich auch in 10 Jahren keine nennenswerte Innovationen gibt und Batch-Prozesse in der Regel autarke Einheiten sind, die ohne größere Teamkoordination auskommen. Also mal wieder nur ein Aufschrei...
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