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Unternehmensberatungen Supermann für vier Jahre

Der durchschnittliche Berater ist männlich, 37, hat Wirtschaftswissenschaften studiert und bleibt rund vier Jahre in dem Beruf Zur Großansicht
Corbis

Der durchschnittliche Berater ist männlich, 37, hat Wirtschaftswissenschaften studiert und bleibt rund vier Jahre in dem Beruf

Consultants schmeißen Leute raus, interessieren sich nur für ihre Karriere und streichen obszöne Gehälter ein - soweit die Klischees. Trotzdem, für viele ist Berater ein Traumjob, ein Selbsterfahrungstrip im Turbotempo. Danach wissen sie, was sie wirklich wollen.

Wenn Thomas Suermann seinen Nachnamen buchstabiert, sagt er, man schreibe das wie Supermann, nur ohne P. Er ist 29 Jahre alt und arbeitet als Berater bei Capgemini, zuvor hat er seinen Doktor in katholischer Theologie gemacht. Damit ist er einer der Exoten, die mittlerweile bei fast allen Beratungsfirmen einsteigen.

Zwar hat immer noch über die Hälfte aller Berater ein wirtschaftswissenschaftliches Studium hinter sich, ein knappes Fünftel bringt einen Abschluss als Ingenieur mit, und zehn Prozent haben Naturwissenschaften studiert. Der Rest aber sind Exoten wie Suermann - alle Arten von Geisteswissenschaftlern. Carsten Baumgärtner, Partner bei der Boston Consulting Group, sagt: "Grundsätzlich ist ein Universitätsstudium Voraussetzung, dabei ist die Fachrichtung egal. Letztlich zählen das Denkvermögen und die Herangehensweise."

Rund 91.000 Unternehmensberater arbeiteten 2011 in Deutschland, in über 14.000 Beratungsfirmen. Zehntausende bewerben sich jährlich, der Großteil bei den Branchengrößen, wo man sich das große Geld und eine steile Karriere erhofft.

Gehaltsfaktor Mandarin

Angeführt wurde die Liste 2010 von McKinsey mit 2300 Mitarbeitern in Deutschland und über 500 Millionen Euro Umsatz, dann folgen die Boston Consulting Group und Roland Berger. Die größten hundert Firmen erreichten zusammen einen Marktanteil von 43,5 Prozent, so der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU).

Die Größenordnung? Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz der Branche erstmals über 20 Milliarden Euro. Durchschnittlich erwirtschaftet ein Berater laut BDU 128.000 Euro Umsatz pro Jahr, bei den Erfolgreichsten steuert ein einzelner Berater 475.000 Euro an Jahresumsatz bei.

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Die Besserwisser: Deutschlands größte Beraterfirmen
Entsprechend gut bis üppig können Berater auch verdienen. Während sich die großen Beratungsfirmen ausschweigen und auf den Ausschlag individueller Qualifikationen verweisen, gibt der BDU ein Einstiegsgehalt zwischen 38.000 und 45.000 Euro für junge Akademiker an. Tatsächlich spielen bei den Gehaltsverhandlungen viele Faktoren eine Rolle, so Klaus Reiners vom BDU: "Wenn einer Mandarin spricht, kann sich das positiv auf das Gehalt auswirken."

Der Verband "Die KMU-Berater", in dem vor allem freie Berater vereint sind, hat in einer Gehaltsstudie festgestellt, dass der durchschnittliche Tagessatz bei 930 Euro liegt. "Viele Leute aus verwandten Berufen erschließen sich da zusätzliche Geschäftsfelder, wenn sie sehen, was man verdienen kann", sagt Dieter Schlimmer vom Verband. Auch Thomas Suermann von Capgemini will sein Gehalt nicht verraten, nur so viel: "Wenn ich die Summe herunterrechne auf den Stundenlohn, relativiert sich das gute Gehalt. Am Ende des Monats aber kann man sehr gut davon leben."

Gesucht: Berater mit Stallgeruch

Cornelia Hauth hat schon die erste Gehaltsstufe erklommen: Seit vier Jahren ist sie bei der Boston Consulting Group (BCG), mit 25 stieg sie ein, so wie die meisten. Der Großteil ihrer Kollegen ist nicht viel älter; das Durchschnittsalter in der Branche liegt bei 37 Jahren, bei den Top Ten bei nur 36 Jahren.

"Die durchschnittliche Verweildauer in dem Beruf beträgt drei bis fünf Jahre, viele nutzen das als Karrierebeschleuniger", sagt BCG-Partner Carsten Baumgärtner. Das bestätigt Klaus Reiners vom BDU: "Sehr viele steigen wieder aus. Das ist ein Turbo - ein Jahr in der Unternehmensberatung entspricht drei bis vier Jahren in anderen Wirtschaftsunternehmen."

Typisch ist nicht nur der Wechsel aus der Beratungsfirma in ein Unternehmen, sondern auch, dass viele in die entgegengesetzte Richtung gehen. Die Beratungen freuen sich über neue Kollegen aus der Außenwelt. Laut BDU ist man mehr denn je auf der Suche nach Quereinsteigern, Leuten, die zum Beispiel die Automobilbranche schon kennen, wenn sie dort beraten sollen.

"Wir wollen auch Leute, die den Stallgeruch haben, außerdem gibt es immer eine ganze Reihe an Rückkehrgesuchen", sagt Bernd Wöllner, operativer Geschäftsführer (COO) bei Capgemini Consulting. Bei BCG gibt es dieses "lateral hiring" ebenfalls: "Wir suchen gezielt auch nach Professionals mit mehrjähriger Berufserfahrung", so Carsten Baumgärtner.

Außerdem machen sich die Beratungsfirmen fit für das Web 2.0: "Wir haben zugesehen, wie uns die Headhunter die Leute über Xing abgeworben haben. Jetzt rekrutieren wir selbst über Social Media", sagt Wöllner. Die Digitalisierung schlage sich überhaupt stark auf die Arbeit der Berater nieder. Man könne versuchen, manche Reisen durch Videokonferenzen zu ersetzen. "Das Arbeitsmodell wird sich weiter virtualisieren", prophezeit Wöllner.

Sinkende Bereitschaft, dass Privatleben komplett zu streichen

Die "Cloud" könnte also dazu beitragen, dass Berater nicht mehr so oft über den Wolken unterwegs sein müssten. Das wiederum könnte der Branche helfen, gute Leute zu halten. Denn: "Wir bemerken seit ein paar Jahren, dass bei den High Potentials ein Umdenken stattfindet, sie suchen Raum, ihre persönlichen Ziele auch jenseits des Jobs zu verwirklichen", sagt Thomas Fritz, Recruiting-Chef bei McKinsey.

Flex-Time, Personal Time, unbezahlter Urlaub, Teilzeitmodelle: Mit solchen Ansätzen versuchen die Firmen, Talente an sich zu binden - und auch ihren Frauenanteil zu steigern. Denn der erreicht meist gerade so die 20-Prozent-Marke.

Mitarbeiterinnen sind in der Beraterbranche durchaus gefragt, nur sind die üblichen Arbeitszeiten so wenig kompatibel mit Familienplänen wie die oft ausgedehnte Reisetätigkeit. Consultants schließen einen Deal auf Zeit ab und sind in der Regel bereit, mindestens für eine Weile der Arbeit den Vorzug zu geben vor allem anderen, was im Leben sonst noch wichtig ist.

Cornelia Hauth ist 29 Jahre alt, mit der Familiengründung lässt sie sich Zeit. Noch müssen nur ihre Freunde und ihr Mann zurückstecken, meist ist sie vier Tage beim Kunden. Sie sagt: "Das Privatleben konzentriert sich auf die Strecke von Donnerstag bis Sonntag - dafür eben intensiver, die meisten haben sowieso Jobs, bei denen sie später nach Hause kommen." Bisher macht ihr der Job den privaten Verzicht leicht: "Die Arbeit ist so vielfältig, die einzige Konstante ist eigentlich, dass es immer anders ist."

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Maria Huber (Jahrgang 1983) ist freie Journalistin in Hamburg.

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Wenn Exoten Berater werden: Protokolle von elf Quereinsteigern
Was machen eigentlich... Berater?
Worum geht's, wenn die Berater kommen?
Berater streichen nicht nur Stellen, tatsächlich machen 43 Prozent aller Aufträge Beratungen aus, die die Organisation oder bestimmte Prozesse im Unternehmen verbessern sollen. Bei rund einem Viertel der Jobs geht es um Strategieberatung, die Kunden wollen also wissen, wie sie sich aufstellen sollen. 22 Prozent der Aufträge betreffen IT-Beratung. Nur in zehn Prozent der Fälle geht es tatsächlich um Personalmaßnahmen.
Welche Branchen werden beraten?
Grundsätzlich kann jedes Unternehmen Hilfe bei einem Berater suchen, manche Beratungen haben sich auf spezielle Branchen, Unternehmensgrößen oder Vorgehensweisen spezialisiert. Die Nachfrage nach Beratung ist im produzierenden Gewerbe am stärksten, im Automobilbereich und allgemein bei Produzenten von Konsumgütern. Auch Kreditinstitute beschäftigen häufig Berater. Je nach Ziel kann ein Beratungsprojekt zwischen zwei Wochen und mehreren Jahren dauern. Verstärkter Beratungsbedarf wird für das nächste Jahr vor allem in der Energiebranche erwartet, da durch Atomausstieg und Energiewende ganze Geschäftsmodelle verändert werden müssen.
Wie läuft das konkret ab?
Zum Beispiel eine Strategieberatung: Meist gibt es drei Phasen. Bei der Analyse wird zunächst die Situation untersucht und gefragt: Was will das Unternehmen erreichen? Was muss man tun, um einen Wettbewerbsvorteil zu erreichen? Anschließend werden Lösungsoptionen entwickelt, die Vorschläge bewertet, dann dem Vorstand präsentiert, der entscheidet, wie die Berater vorgehen sollen.

Dann wird das abgesegnete Konzept weiterentwickelt, bis man es umsetzen kann. Die Berater bringen den Beschäftigten, die durch die Umstellung betroffen sind, bei, wie sie jetzt vorgehen müssen, wie kommuniziert werden soll, und organisieren Schulungen. Zum Abschluss geben die Berater eine umfassende Dokumentation ab. Immer öfter bleiben Unternehmen jedoch in Kontakt mit den Beratungen, so dass bei neuen Projekten ohne große Kennenlernphase weitergemacht werden kann.

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Ausgangslage
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Die großen Konzerne schließen mit den Beratungsfirmen Rahmenverträge ab, meist 50 bis 60 Seiten starke Regelwerke. Dort wird genau festgelegt, ab welchem Projektvolumen wie viel bezahlt wird. Solche Knebelabkommen drücken die Honorare. Seit der Krise sind sie im Topsegment der Dax-Liga um 15 bis 20 Prozent gesunken.
Was ein Berater kostet
Für einen Juniorberater (ein bis zwei Jahre Erfahrung) werden im Schnitt 1000 Euro am Tag bezahlt, ein klassischer Berater (zwei bis fünf Jahre) ist dotiert mit 2000 Euro, ein sogenannter Engagement Manager (bis sechs Jahre) liegt bei 3000 bis 4000 Euro. Bei Seniorpartnern oder Direktoren sind die Preise stabil; dort werden 5000 bis 10 000 Euro berechnet, je nach Guru-Status.
Gegenreaktionen
Damit es finanziell rund läuft, weichen die Berater zum einen auf spendable und naive Kundengruppen aus. Zum Beispiel auf Landesbanken, die mit dem Geld der Steuerzahler prassen. Oder auf Mittelständler: Dort werden Projekte meist mit dem Chef persönlich vereinbart, für den spielt der Preis nur eine untergeordnete Rolle. Die andere Möglichkeit, auf die einzelne Consultingfirmen verfallen: Man hebelt die Rahmenverträge mit allerlei Tricks aus.
Trick 1: Klonen kann sich lohnen
Das Partner-Cloning, auch als "doppeltes Lottchen" bekannt - Partner werden mehrfach verkauft. Sie berechnen für ein Projekt in der Regel 30 Prozent ihrer Arbeitszeit, betreuen aber nicht drei, sondern manchmal acht oder neun Projekte gleichzeitig. Je seniorer ein Partner, umso öfter wird er auf Kunden verteilt, weil das bei einem Tagessatz von 5000 Euro richtig Geld bringt.
Trick 2: Das virtuelle Upgrading
Eine besonders perfide Nummer: Erfahrung wird nur vorgetäuscht. Aus dem Praktikanten wird ein Juniorberater, aus einem Analysten ein Berater. Wer ein paar Wochen in einer Branche hospitiert hat, gilt bereits als Experte, Sabbaticals werden schon mal verschwiegen. Pfiffige Klienten lassen sich zwar die Vita des eingekauften Beraters zeigen. Es hilft nur nichts: "Manche haben zehn verschiedene Lebensläufe", sagt ein Beratungsexperte. Deshalb gibt es auf den Visitenkarten der meisten Berater auch keine Titel, jedenfalls so lange, bis sie Partner sind. Der Kompetenztrick bringt gerade junge Consultants in Gewissenskonflikte: Sie werden dem Kunden als Projektleiter offeriert, sind es aber noch gar nicht.
Trick 3: Das Offshoring
Man holt billige Juniorberater aus dem Ausland in Projekte und vermietet sie zu Toptarifen. Im Branchensprech wird diese Praxis als "Rent an Inder" oder "Rent a Russian" bezeichnet. Vor allem in Deutschland und der Schweiz, wo die Tagessätze vergleichsweise üppig sind, rentiert sich der Einsatz der Billigjobber. Die Masche fällt selten auf, in den meisten Rahmenverträgen sind keine landesspezifischen Honorare vereinbart.
Trick 4: Das Outsourcing
Ehemalige Berater, in Ehren ergraut, werden als Projektleiter oder Senior Advisor eingesetzt. Die Leiharbeiter, die den Kunden mit Erfahrung beeindrucken, kosten nicht viel und sind flexibel. Bricht das Geschäft ein, bleiben die Freelancer einfach zu Hause.
Trick 5: Das Phasing-in
Der Projektleiter kommt erst nach dem Start des Projekts und wird früher abgezogen, weil er schon beim nächsten Kunden gebucht ist.
Was tun?
Der professionelle Kunde misst die Anwesenheit, lässt die eigenen Leute im Projektteam die Einsatzzeiten der Externen notieren. Er ordert die Lebensläufe, mit denen sich die Berater einstmals bei ihrer Firma beworben haben, die bieten noch den größten Wahrheitsgehalt. Er holt sich Referenzen von anderen Unternehmen, legt Namensdatenbanken an - mit Stärken, Schwächen und Schrullen. Bei Beratern besonders gefürchtet: Volkswagen, Telekom, Daimler, BASF.

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