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Überlastung im Job "Dann wird die ganze Abteilung depressiv"

Stress: Wenn Mitarbeiter depressiv werden, ist häufig die gesamte Firma betroffen Zur Großansicht
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Stress: Wenn Mitarbeiter depressiv werden, ist häufig die gesamte Firma betroffen

Gestresste Mitarbeiter werden nicht nur selbst unglücklich, sie ziehen auch die Kollegen runter. Die Trainerin Sylvia Wellensiek will deshalb der gesamten Firma aus der Frustspirale helfen - entscheidend ist dabei das Verhalten der Führungskräfte. Sogar das Kanzleramt hat schon ihren Rat gesucht.

KarriereSPIEGEL: Frau Wellensiek, als Stresstrainerin arbeiten Sie nicht nur mit Einzelpersonen, sondern nehmen ganze Firmen unter die Lupe. Warum ist das nötig?

Wellensiek: Durch die Krise in den Jahren 2007 bis 2009 ist in vielen Branchen unglaublicher Druck entstanden. Seither stehen in zahlreichen Firmen die Mitarbeiter unter Dauerstress. Es herrscht das Gefühl vor, dass alles wieder zusammenbrechen kann. Hinzu kommt eine wahnsinnige Arbeitsverdichtung, jeden Tag höre ich: "Es ist viel zu viel und zu viel Verschiedenes, immer wird nur draufgeklatscht."

KarriereSPIEGEL: Sie werden also gerufen, wenn es brennt. Wie reagieren Mitarbeiter meistens auf das Gefühl von viel Arbeit und Stress bei wenig Sicherheit und Wertschätzung?

Wellensiek: Ein Mensch, der sich ständig fragt "Warum mache ich das überhaupt?", ist zwar anwesend, aber nur als Hülle. Die Ohren stehen auf Durchzug, Herz und Seele sind abwesend. Dieser "Präsentismus" ist heute verbreiteter als Burnout. Betroffene Mitarbeiter sitzen in meinen Seminaren oft in den letzten Reihen mit verschränkten Armen. Ihre Geschichten ähneln sich: Über viele Jahre haben sie sich ausgenutzt gefühlt und nie genügend Anerkennung bekommen. Einer sagte einmal: "Ich steige hier täglich in die Straßenbahn, und letzten Monat hatte ich einige Tage, an denen dachte ich, soll ich mich davor werfen?"

KarriereSPIEGEL : Das klingt eher nach einem schwierigen Einzelschicksal.

Wellensiek: Ja, das ist es sicher. Gleichzeitig entwickeln wir gerade ein solches kollektives Lebensgefühl. 50 bis 60 Prozent der Menschen sind von permanentem Leistungsdruck und Frust dieser Art betroffen. Oft bringen sich sogar ganze Abteilungen via Flurfunk in depressive Stimmungen. Und da es einen engen Zusammenhang gibt zwischen persönlicher und organisationaler Fähigkeit, sich schnell zu erholen, müssen die Unternehmen als Ganzes geheilt werden. Sogar das Kanzleramt und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales haben mich schon eingeladen.

KarriereSPIEGEL : Das Kanzleramt?

Wellensiek: Ja, ich habe dort vor 30 Referatsleitern einen Vortrag gehalten mit dem Titel "Leistungsstark trotz hoher Belastung".

KarriereSPIEGEL : Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor?

Wellensiek: Oft stelle ich zunächst ganz simple Fragen: Wo schwächt ihr euch? Was tut euch gut? Letztlich weiß ja jeder, was in seinem Unternehmen los ist. Dann geht es um das Aufbauen von Widerstandskraft gegen Stress, und das beginnt mit der Selbstreflektion der Unternehmensseele. Alte Geschichten wie geplatzte Projekte, unfaire Versetzungen oder enttäuschende Karrierebrüche sind wahre Energiefresser.

KarriereSPIEGEL : Wie wird ein Unternehmen diese negativen Emotionen los?

Wellensiek: Anfangs sollte man sich bewusst machen, welche Krisen man schon gemeinsam gemeistert hat. Das stärkt den Selbstwert und gibt Zuversicht. Danach müssen positive Prozesse schrittweise gesteigert werden. Eine konsequente Umsetzung ist dabei am wichtigsten, damit man nicht immer wieder in dieselben Fallen tappt. Deshalb begleite ich die Unternehmen einige Jahre. Wie Familien haben nämlich auch Unternehmen gefestigte Biografielinien und Glaubenssätze.

KarriereSPIEGEL : Realistisch betrachtet, was kann man wirklich ändern?

Wellensiek: Es geht um Spielregeln für eine neue Arbeitswelt: Nicht jeder muss ständig erreichbar sein und sofort E-Mails beantworten. Die Stimmung im Büro ist auch wichtig - und kann ganz einfach verbessert werden, wenn man neben fachlichen Themen auch die menschliche Seite im Blick hat. Bei Teambesprechungen sollte immer die Belastungsfähigkeit jedes Einzelnen beachtet werden, indem man zum Beispiel fragt: Wer hat wie viele Ressourcen? Wie sieht euer Energiehaushalt aus? Und dann zu schauen: Wem geht es gerade besser, wer kann wen entlasten?

KarriereSPIEGEL : Hätten da nicht die meisten Angst, als Waschlappen dazustehen?

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Stress in Deutschland: Immer auf Drehzahl oder total angeödet?
Wellensiek: Ja, weil wir in dieser typisch deutschen Nährlösung aufgewachsen sind: Man muss schnell arbeiten, man muss viel arbeiten, es ist nie genug und muss noch besser sein. Wir Deutschen haben eine große Affinität, uns selbst auszubeuten. Diese Nachkriegsmentalität wurde bereits in der Kindheit verinnerlicht und sitzt sehr tief in den Menschen drin. Wir sind fleißig und akkurat. Das hat natürlich auch viele Mittelständler zum Marktführer gemacht. Jetzt haben wir aber die offenen Märkte, und es gibt einfach keinen natürlichen Feierabend mehr, die Menschen könnten rund um die Uhr arbeiten. Deshalb fällt es so schwer zu fühlen, wann es genug ist.

KarriereSPIEGEL : Welche Rolle spielt die Führungsebene?

Wellensiek: Eine sehr große. Neulich begann eine Führungskraft ein Seminar mit den Worten: "Ihr wisst ja, dass ich vor vier Jahren mal einen Zusammenbruch in einer Konferenz hatte. Offiziell hieß es, das sei ein leichter Schlaganfall gewesen. Heute muss ich euch sagen, das war eine Panikattacke. Psychische Überbelastung kenne ich seitdem." So ein offener Umgang ist vorbildlich, denn eine Führungskraft ist maßgeblich für die Stimmung im Büro verantwortlich. Sie muss feste Wurzeln haben und menschlich stark sein. Die Basis für altruistisches Verhalten ist aber vor allem eine Fürsorgepflicht für sich selber. Dabei geht es zunächst um Dinge wie Essen, Schlaf, Bewegung und Regeneration. Einfach eigentlich, aber oft noch nicht selbstverständlich.

  • Das Gespräch führte KarriereSPIEGEL-Autorin Stefanie Maeck (Jahrgang 1975), Absolventin der Zeitenspiegel Reportageschule und freie Journalistin in Hamburg. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik und promovierte in Literaturwissenschaft.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Danke
henrywotton 06.02.2013
endlich mal eine realistische beschreibung der zustände in vielen unternehmen. leider ist die gängige lösung aber immer noch, einzelne dann zur kündigung zu drängen und/oder in die arbeitsunfähigkeit zu mobben -- der mensch als wegwerfware: was frisches, billiges gibt es doch überall. der in dem interview aufgezeigte ansatz, die ganze firma zu betrachten, ist großartig. leider gibt es kaum chefs mit einem solchen horizont. da ist es dann immer noch der einzelne schuld, und man wundert sich maximal über die hohe verschleißrate bzw. "fluktuation".
2. Weicheier !?
alyeska 06.02.2013
Meine Großeltern hatten 9 Kinder. Mein Großvater arbeitete tagsüber unter Tage und "Nebenberuflich" Landwirtschaft. Kühe, Gänse, Schweine, Hühner und etliche Äcker. Aufstehen morgens um 4.30 Uhr und die letzte Arbeit des Tages endete so gegen 22.oo Uhr. Die beiden hatten keine Zeit um über sogenannte "Burnouts" nachzudenken. Die Belastbarkeit des Menschen sinkt scheinbar, mit der Zunahme an Annehmlichkeiten (Supermarkt, Fernseher, Auto, Urlaub, Computer etc.)
3. Voll depri in Berlin ...
kopfschütteler 06.02.2013
Zitat von sysopGestresste Mitarbeiter werden nicht nur selbst unglücklich, sie ziehen auch die Kollegen runter. .... Sogar das Kanzleramt hat schon ihren Rat gesucht.
Sogar das Kanzleramt? Na ja, wie heißt es noch so schön ... der Fisch stinkt immer vom Kopf.
4. Tja ...
tigermommy 06.02.2013
Zitat von sysopDabei geht es zunächst um Dinge wie Essen, Schlaf, Bewegung und Regeneration. Einfach eigentlich, aber oft noch nicht selbstverständlich. Überlastung im Job: Interview mit Trainerin Sylvia Kéré-Wellensiek - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/ueberlastung-im-job-interview-mit-trainerin-sylvia-kere-wellensiek-a-881574.html)
und wenn man auf sich achtet und ergo extrem Stressresistent ist (ich kenne Stress am Arbeitsplatz de facto nicht!) und deshalb auf eine gute Work-Life-Balance achtet ist das auch keinem Recht. Aber Vorsicht ich spreche nicht von Überstunden. Die leiste ich auch ab. Ich meine das man berufliches und privates trennt! Die Firmen und Vorgesetzten arbeiten aber dagegen an. Firmenevents wie Partys, kurze Dienstreise als angebliche Goodies (obwohl ich Innendienst bin) und Teambuilding (und ähnliches) führen zu Druck. Entziehe ich mich dem bin ich nicht teamfähig und identifiziere mich nicht mit dem dem AG. Dabei bin ich dafür seit bald 20 Jahren weniger als einen Fehltag pro Jahr und bin wirklich gesund. Aber um meine Akkus aufzuladen brauche ich mein Privatleben und das wird immer weniger akzeptiert. Nur das hat mich auch eine Stelle gekostet.
5. Tja die hatten nocht echt
Xircusmaximus 06.02.2013
Zitat von alyeskaMeine Großeltern hatten 9 Kinder. Mein Großvater arbeitete tagsüber unter Tage und "Nebenberuflich" Landwirtschaft. Kühe, Gänse, Schweine, Hühner und etliche Äcker. Aufstehen morgens um 4.30 Uhr und die letzte Arbeit des Tages endete so gegen 22.oo Uhr. Die beiden hatten keine Zeit um über sogenannte "Burnouts" nachzudenken. Die Belastbarkeit des Menschen sinkt scheinbar, mit der Zunahme an Annehmlichkeiten (Supermarkt, Fernseher, Auto, Urlaub, Computer etc.)
. etwas vom Leben, malochen von der Wiege bis zur Bahre, was kann es Schöneres für einen deutschen Menschen geben. Und dass die keine Zeit zum denken hatten ist freilich auch in Ordnung. Das soll man ohenhin den Pferden überlassen, weil die einen viel größeren Kopf haben.
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Zur Person
  • altemueller.de
    Sylvia Wellensiek (Jahrgang 1964) ist Trainerin, Therapeutin, Coach und Autorin. Sie leitet ein Trainings- und Ausbildungsinstitut am Starnberger See, Themenschwerpunkte sind die Resilienz von Personen und Organisationen, also Widerstandskraft und die Fähigkeit, Krisen zu bewältigen. Sie arbeitet für Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und ist Autorin des Standardwerks "Handbuch Resilienz-Training".
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Mitarbeitern für gute Arbeit Lob und Anerkennung zollen und dies auch kommunizieren. Auch Kritik ist wichtig. Das Feedback sollte jedoch konstruktiv formuliert werden.

(Quelle: TÜV Süd)

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(Quelle: TÜV Süd)


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