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12. Dezember 2012, 17:30 Uhr

Manager-Umfrage

Jeder dritte Chef lässt kranke Mitarbeiter schuften

Wer sich mit Fieber und Schnupfen zur Arbeit schleppt, darf auf wenig Mitgefühl hoffen: Nur zwei von drei Chefs schicken kranke Mitarbeiter nach Hause, ergab eine Studie. 18 Prozent loben sogar das Engagement der Kranken. Ist das jetzt skandalös? Manchmal bestimmt die Frage die Antwort.

Triefnase plus fiebrige Erkältung - jeder dritte Chef sieht darin keinen Grund, einen Mitarbeiter nach Hause zu schicken. Mehr als 17 Prozent finden es sogar gut, wenn ein Angestellter trotz Krankheit arbeitet. Das hat eine Umfrage der Personalberatung LAB & Company und der Hochschule Coburg ergeben.

Führungskräfte lassen also Angestellte trotz ernster Erkrankungen weiter rackern? Das klingt schlimm, und der Studienleiter zeigte sich auch "erschrocken" von den Umfrageergebnissen. "Die Anwesenheit am Arbeitsplatz gilt in Deutschland noch immer als Leistungs- und Karrierekriterium - auch wenn das zu Lasten der eigenen Gesundheit geht", so Eberhard Nöfer, Professor für Soziale Arbeit und Gesundheit an der Hochschule Coburg.

Etwas weniger skandalös jedoch wirkt das Ergebnis bei einem genaueren Blick auf die Fragestellung - mit eingestreuten Signalwörtern wie "sehr dringend" und "wichtiger Mitarbeiter", die stark die Antworten beeinflussen können. Die Manager sollten folgende Situation beurteilen:

"Sie sitzen mit Ihrem Team an einem sehr dringenden Projekt. Ein wichtiger Mitarbeiter erscheint mit einer fiebrigen Erkältung zur Arbeit. Was tun Sie?"

Mehrfache Antworten waren möglich. Rund zwei Drittel der Befragten gaben an, den erkrankten Mitarbeiter ohne Wenn und Aber zum Auskurieren nach Hause zu schicken. 26 Prozent sagten, sie würden versuchen, für ihn eine Heimarbeit zu organisieren. 14 Prozent entschieden sich für die Antwortmöglichkeit "Unsere Mitarbeiter sind erwachsen und können selbst entscheiden, was für sie richtig ist". Und knapp 18 Prozent sagten: "Der Mitarbeiter identifiziert sich offenbar sehr mit seiner Aufgabe. Das finde ich gut."

Gemein gegen andere, hart zu sich selbst - relativ schonungslos gehen die Führungskräfte offenbar auch mit ihrer eigenen Gesundheit um. Die Frage lautete: "Stellen Sie sich vor, Sie haben eine mittelschwere Erkältung. Was tun Sie?" Nur neun Prozent entschieden sich für die Antwortmöglichkeit: "Ich bleibe zu Hause und kuriere mich aus, damit meine volle Leistungsfähigkeit schnell wieder hergestellt wird." 58 Prozent sagten, sie würden trotzdem zur Arbeit gehen.

Dazu passt nach Ansicht des Studienleiters, dass 63 Prozent der befragten Manager angaben, in ihrem Unternehmen würden vor allem Führungskräfte mit besonders langen Arbeitszeiten befördert. Dies habe aber nicht zwingend mit einem Anwesenheitswahn zu tun: "Ohne Zwölf-Stunden-Schichten ist das Pensum nicht mehr zu schaffen", sagte einer der Befragten. Ein anderer: "Gute Ergebnisse hängen meist mit der Bereitschaft zu mehr Zeiteinsatz zusammen."

Kranke Mitarbeiter lieber feuern?

Ein heikles Fazit der Studie: Wer oft krankgeschrieben ist, muss unter Umständen um seinen Job bangen. 17 Prozent der Führungskräfte sind nämlich der Meinung, dass man sich von häufig kranken Angestellten trennen sollte. Acht Prozent setzen stattdessen auf eine Zuckerbrot-Politik: Sie erklärten, sie könnten sich Prämien für Kollegen vorstellen, die nur selten krank sind. Die große Mehrheit der befragten Chefs, mehr als 81 Prozent, ist dagegen überzeugt, Unternehmen könnten mit einem Gesundheitsmanagement das Wohl der Mitarbeiter fördern. Und 72 Prozent sehen eine Möglichkeit in der Verbesserung des Betriebsklimas.

Auch hier können wohlfeile Antwortmöglichkeiten leicht den Grad der Zustimmung bestimmen: Ein Problem mit (Gesundheits-)Management lösen zu können, das werden Manager naheliegend finden - vor allem, wenn da nichts über mögliche Kosten und Arbeitsabwesenheiten steht. Und ist nicht auch ein besseres Betriebsklima allemal wünschenswert?

Studienleiter Nöfer jedenfalls sieht in Deutschland die Bereitschaft schwach ausgeprägt, die eigene Gesundheit und die seiner Mitarbeiter als übergeordnetes und auch betriebswirtschaftlich wertvolles Gut anzusehen. "Am Ende zahlt die Gesellschaft die Zeche für die steigende Zahl der Burnout-Fälle, Frühpensionierungen und für eine abnehmende Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft", sagte Klaus Aden, Geschäftsführer der Personalberatung LAB & Company. Das Leistungssystem fresse seine eigenen Kinder.

An der Umfrage nahmen 381 Manager aus verschiedenen Hierarchieebenen teil. 92 Prozent der Befragten waren Männer.

dapd/dpa/vet

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