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Umstrittene Manageraussage "Meine Kinder sind mein Hobby" - ist das okay?

Sigrid Evelyn Nikutta, Chefin der BVG: Veranstaltung mit (nicht den eigenen) Kindern Zur Großansicht
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Sigrid Evelyn Nikutta, Chefin der BVG: Veranstaltung mit (nicht den eigenen) Kindern

Die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe nennt ihre vier Kinder ihr "Hobby". Ein realistischer Blick auf das Leben einer Topmanagerin, findet Helene Endres. Ein Symptom für eine Gesellschaft, die alles auf Effizienz bürstet, meint Tom Hillenbrand.

"Meine Kinder sind mein Hobby. Ich spiele eben nicht Golf oder gehe segeln." Diese Sätze sagte die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe, Sigrid Evelyn Nikutta, der "Süddeutschen Zeitung". Sie polarisiert mit dieser zugespitzten Aussage. Und trat eine Diskussion los über Karriere, Familie - und Hobbys.

Beschreibt ihre Aussage nüchtern den Alltag vieler Topmanager, die ihre Kinder maximal am Wochenende sehen? Oder spricht aus ihr die Hybris von Eltern, die Kinder zu Statussymbolen und nettem Zeitvertreib degradieren? Zwei Meinungen aus unserer Redaktion.

Ein ehrliches Wort

Helene Endres

Im Duden wird Hobby wie folgt definiert: "Hobby, das: als Ausgleich zur täglichen Arbeit gewählte Beschäftigung, mit der jemand seine Freizeit ausfüllt und die er mit einem gewissen Eifer betreibt". Und somit hat Sigrid Evelyn Nikutta, Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und Mutter von vier Kindern, ziemlich präzise formuliert, als sie sagte: "Meine Kinder sind mein Hobby."

Sie spricht damit aus, was Realität ist für Top-Manager in Deutschland - und viele andere Eltern in Vollzeitjobs. Wer die meiste Zeit der Woche im Büro, auf Reisen oder bei Terminen verbringt, der sieht seine Kinder kaum. Er wird am Wochenende mit ihnen ein bisschen Lego bauen oder einen Kuchen backen. Und sich auf den nächsten Urlaub freuen, und die Zeit, die er dann für sein Hobby hat.

Zweimal in der Woche schaffe sie es, zum Abendessen zu Hause zu sein, so Chefin Nikutta. Damit ist sie den meisten anderen Top-Managern voraus - um zwei Abende. Spezielle Termine wie das Weihnachtsbasteln hält sich Nikutta bewusst frei. Den Rest erledigt der Vater. Öffentliche Trotzanfälle, Läuseinvasionen und langweilige Elternabende spart sie sich. Und ist damit nur konsequent: bei einem Hobby gilt es, die schönen Seiten zu genießen.

Nikutta jammert nicht, sie spricht aus, was ist. Dass Karriere und Familie schwer vereinbar sind in Deutschland, ist traurig. Aber es ist die Norm. Seit Jahren. Dass Kinder ein Hobby sind, ist nichts Neues: Fragen Sie mal andere Top-Manager, welche Schuhgrößen ihre Kinder haben, wie deren drei beste Freunde heißen und wann der Kinderarzt geöffnet hat.

Was neu ist: Dass eine Frau CEO ist. Und dass sie so über ihre Kinder redet. Hätte ein Mann diese Aussage gemacht - es wäre wohl nicht mal aufgefallen.

Benne Ochs

Kinder sind kein Golfkurs

Tom Hillenbrand

Schlüsselkinder. So nannte man in den Achtzigern, als vernünftige Kinderbetreuung Zukunftsmusik war, jene Schüler, die sich Zuhause alleine beschäftigen mussten, bis ihre Eltern von der Arbeit kamen.

30 Jahre später ist die Kinderbetreuung deutlich besser. Falls man über einen flexiblen Partner und genügend Geld verfügt, kann man Vollzeit arbeiten, so wie Sigrid Evelyn Nikutta. Sie ist Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), hat also einen harten Job, außerdem vier Kinder.

Das allein wäre nicht sonderlich bemerkenswert, hätte Nikutta in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" nicht folgenden Satz gesagt: "Meine Kinder sind mein Hobby." Laut Wikipedia ist ein Hobby "eine Tätigkeit, die der Ausübende freiwillig betreibt, die dem eigenen Lustgewinn... dient und zum eigenen Selbstbild beiträgt."

Kinder können ein Hobby sein? Andere haben eine Modelleisenbahn, ich habe ein Baby? Die promovierte Psychologin hat das offenbar genauso gemeint, wie sie es gesagt hat. Sonst hätte sie wohl kaum den zweiten Satz angefügt: "Ich spiele nicht Golf und gehe nicht segeln." No sports, mein Freizeitvergnügen sind die Kinder, Hobbykinder also.

Bei dem Begriff Schlüsselkinder graust es vielen. Aber das Konzept des Hobbykinds ist noch viel furchtbarer. Denn Hobbys und Kinder haben rein gar nichts gemein. Und das sollten sie auch nicht. Wer sich ein Kind "anschafft" (auch eine schreckliche Formulierung), ist mit ihm auf untrennbare Weise verbunden. Man kann ein Kind nicht absagen wie einen Golfkurs. Wird einem ein Hobby fad, sucht man sich ein neues. Kinder hingegen sind für immer – egal ob gesund, ob krank, ob fröhlich oder biestig.

Man könnte einfach konstatieren, Nikutta habe sich etwas ungeschickt ausgedrückt. Aber ihre Äußerung ist ein Symptom - für eine Gesellschaft, die alles objektifiziert und auf Effizienz bürstet, sogar ihre Kinder.

Nach dieser Sichtweise sind Kinder kleine Ressourcenfresser. Es gilt, sie so weit wegzuorganisieren, dass sie nur noch morgens und abends eine Stunde Zeit beanspruchen, kaum mehr als eine ausgedehnte Joggingrunde durch den Stadtpark. Die Hobbykinder sollen etwas sein, an dem man sich neben dem Berufsleben erfreut, sollen das eigene Leben aufpeppen, aber bitte nur in homöopathischen Dosen.

Wir wollen alle arbeiten, Frauen wie Männer, wir wollen ferner reisen, Freunde treffen und allerlei anderes Zeug tun. Aber Kinder gehören definitiv nicht in diese Aufzählung. Sie sind kein Hobby, kein Wohlfühlelement. Sie sind Menschen.

Wer diese Haltung übertrieben findet, kann ja folgendes ausprobieren: Sagen Sie doch nachher einmal Ihrem Partner, den Sie vermutlich viel zu wenig sehen: "Du bist für mich ein Hobby." Vermutlich wird der andere verletzt reagieren - zu Recht, denn niemand will nur ein Anhängsel oder Add-on sein. Kinder schon gar nicht.

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Können Kinder ein Hobby sein?

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 116 Beiträge
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1. Es soll das sein?
kalim.karemi 31.10.2014
"Topmanager" bei den Berliner Verkehrsbetrieben. Das ist maximal ein städtischer Angestellter in leitender Funktion.
2. Wo bleiben die Gegenbeispiele?
FocusTurnier 31.10.2014
Wer die Berliner VG kennt, der kann nicht unbedingt sagen, daß Frau Nikutta einen guten Job als CEO macht. Aber das nur am Rande.... Wo bleiben denn die Gegenbeispiele? Wenn schon nicht in Deutschland, dann muss doch Karriere und Kinder woanders miteinander vereinbar sein.... Wenn Frau Nikutta CEO ist, dann ist sie doch DIE Person, die dafür sorgen könnte, daß Kinder und Karriere miteinander vereinbar sind (wer dieses Märchen glaubt, dem ist eh nicht mehr weiterzuhelfen....). Zumindestens in Ihrem Unternehmen. Kita-Plätze für Kinder der Angestellten? Gleitarbeitszeit bei Busfahreren? Oder doch Social Freezing für Karrierefrauen? Frau Endres stellt fest, daß kein Hahn danach Krähen würde, wenn ein männlicher CEO diese Aussage gemacht hätte. Warum wohl, Frau Endres? Weil man in den Medien selbstbestimmte Vaterschaft und Beruf noch nie thematisiert hat? Oder einfach deshalb, weil diese seltsame Vereinbarkeit nun mal einfach nicht gegeben ist? (Und wer jetzt die Freezing-Patin Sheryl Sandberg rausholt, dem sei gesagt, daß sie und ihr Mann millionenschwer sind und 5 Hausangestellte haben....)
3. Warum muss Familie in Deutschland immer so schwer gemacht werden?
Susi64 31.10.2014
Immer gibt es irgendeinen Aufschrei! Was Frau macht, es ist immer falsch. Offensichtlich sind ihre Kinder nicht ihr Beruf, offensichtlich verdient sie viel Geld und hat als Chefin immer noch genügend Zeit für ihre Kinder. Was wollt ihr eigentlich noch. Diese, hinter Sorge um die Kinder, versteckte Kinderfeinlichkeit ist in Deutschland leider sehr beliebt.
4. Berliner Verkehrs-Gesellschaft?
jm2267 31.10.2014
Ist das nicht eine Anstalt öffentlichen Rechts? Meiner Erfahrung nach ist fast jeder (nicht kreativer) Job in 8 Stunden (im Durchschnitt) zu erledigen. Es sei denn, man benutzt die Präsenz als Leistungsmerkmal, was heute gang und gäbe ist.
5. Wie auch immer
hgri 31.10.2014
Sie ist Managerin um h a t wenigstens Kinder, sogar vier. Hier übernimmt halt der Mann d e n Part, der sonst üblicherweise den Frauen obliegt. Das ist doch völlig in Ordnung. Aber Kinder sind in der Tat viel mehr als ein Hobby.
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