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Umziehen für den Beruf Die neue Heimat war ein Schock

Mobile Arbeitnehmer: Umzug statt Pendeln Fotos

Wer für den Job umzieht, muss mit der neuen Stadt erst warm werden. Da drohen Einsamkeit und Enttäuschungen. Und wenn der Jeck nicht zum Karneval kommen kann, kommt der Karneval eben zum Jecken. Das klappt sogar in Bayern. Drei Zugezogene erzählen.

Auf einmal wird es ganz sentimental. Die stampfenden Bässe und klirrenden Gitarrenriffs von eben sind verklungen. Die kölsche Mundart-Band Brings stimmt einen ruhigen Song an, und die kleine Publikumsschar verwandelt sich in einen selig schunkelnden Pulk. Es weht ein Hauch rheinischen Karnevals.

In Köln füllen Brings locker ein Stadion mit 50.000 Plätzen, an diesem Herbstabend spielen sie auf einer Bühne, wo Jecken selten sind: in München, in der Theaterfabrik. Die fasst gerade mal 1000 Zuschauer. Nun ist sie voll mit Zugereisten, die sich ein bisschen Rheinland nach Bayern geholt haben.

"Das ist ein Highlight hier." Elke Tietz, 42, strahlt. Sie hat Brings in den Süden gebracht. Im Jahr 2000 siedelte die Versicherungskauffrau von Köln nach München um - berufsbedingt, als Angestellte bei der Allianz. "Ich wollte die Gelegenheit nutzen, um in einer anderen Stadt etwas Neues zu machen." Unterstützung für den freiwilligen Umzug bekam sie vom Arbeitgeber, ein Apartment in den Anfangsmonaten wurde ihr gestellt, auch vorübergehenden Mietzuschuss gab es. Gute Voraussetzungen also. Die gebürtige Sauerländerin tat sich dennoch schwer mit dem Einleben.

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Berufspendler erzählen: Warten, fluchen, rennen
Der Neugier auf das Unbekannte folgte Enttäuschung: "Die offene Art der Kölner habe ich total vermisst. Es ist hier schwerer, Leute kennenzulernen." Ein paar Arbeitskollegen waren bei ihrem Start in München die einzigen Kontakte. Nach einem Dreivierteljahr hat Tietz mit anderen Zugereisten, die sie bei einem Kölner Stammtisch regelmäßig traf, die rettende Idee. Sie gründeten den "Köln-Münchner Karnevalsverein".

So exotisch, wie das klingt, scheint die Idee nicht zu sein. Aus zunächst elf wurden mittlerweile über 250 Mitglieder, die der Verein unter anderem an den selbstorganisierten Konzertabenden zusammenbringt. Tietz fühlte sich plötzlich wohl in München.

Besser umziehen als pendeln

"Die Bevölkerung wird mobiler", sagt Tanja Buch vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Vor allem das tägliche oder auch Wochenend-Pendeln zwischen Wohn- und Arbeitsort hat deutlich zugenommen. Doch wer kann, entledigt sich dieser Last gern - und sei es durch einen Umzug.

Jahrelang gependelt ist Stephanie Stotz, über 50 Kilometer pro Strecke. "Das war sehr nervenaufreibend", sagt die Konfigurationsmanagerin. Nach vier Jahren entschied sie sich für einen Umzug von Pfaffenhofen nach München - für die 45-Jährige eine Befreiung. "Auf einmal wohnte ich nur noch acht Minuten Fahrtzeit vom Büro entfernt", sagt sie, "das war grandios."

Die Freiheit währte nur ein Jahr. Als der Betrieb Stellen strich, wechselte sie den Job. Nun pendelt sie wieder, drei Stunden täglich - am alten Wohnort vorbei. Trotzdem bleibt Stotz in München: "Ich habe hier eine höhere Lebensqualität, und das Umfeld stimmt auf jeden Fall."

"Ich muss an meinem Lebensqualität arbeiten"

Kneipen, Kinos, Parks und Schwimmhallen in der Nähe - für Umzugswillige sind das Schlüsselfaktoren, sagt Arbeitsmarktforscherin Buch. Unter dem Strich hätten Umzüge für den Job in den letzten Jahren nicht zugenommen. Dennoch gewinnen die größeren Metropolen wie München, Hamburg oder Köln immer mehr Arbeitnehmer hinzu - westdeutsche Städte also. Der Osten dagegen verliert Arbeitskräfte.

So wie Markus Neuenfeld*, 30, ihn zog es im Januar 2011 von Leipzig nach Hamburg - unter eher widrigen Bedingungen. Er hatte gerade seine Abschlussprüfung als Speditionskaufmann bestanden, am folgenden Tag musste er bereits in Hamburg sein. "Der Arbeitsvertrag war dann nicht so wie vereinbart, vor allem die Bezahlung", erzählt er. Auch die Atmosphäre im Betrieb, das Verhältnis zwischen Chef und Angestellten, stellte sich als ungemütlich heraus. Und das, obwohl Neuenfeld seinen Vorgesetzten bereits aus einer früheren Beschäftigung kannte: "Das war ein Schock, als ich nach Hamburg gekommen bin."

Wohnen konnte er in einem Zimmer innerhalb einer Monteurswohnung, aber gemütlich war das nicht: "Die Mitbewohner waren nicht mein Menschenschlag." Nach einem Vierteljahr endlich fand er eine kleine eigene Wohnung, fast zeitgleich wechselte er den Arbeitgeber innerhalb Hamburgs.

"Das war eine enorme Verbesserung", so Neuenfeld. Laue Abende am Cospudener See in Leipzig vermisst er trotzdem noch immer: "Ich habe damals eine tolle Stadt zurückgelassen, mit vielen Freunden." Mittlerweile ist seine Freundin nach Hamburg nachgekommen, ab und zu besuchen sie ein befreundetes Pärchen, doch insgesamt will das Einleben noch nicht recht gelingen.

Die verflixten ersten sechs Monate

"Das liegt aber nicht an den Leuten, die sind hier relativ offen", sagt Neuenfeld. Den neuen Lieblingsmexikaner finden, einen passenden Sportverein finden, schöne Ecken entdecken - das alles erfordert Zeit. Und die ist knapp: "Ich habe gemerkt, dass ich daran arbeiten muss, um auf dieselbe Lebensqualität wie in Leipzig zu kommen."

"Sich auf den Weg zu machen, an einem Tag, an dem man viel gearbeitet hat, das ist ein Problem", sagt Werner W. Wilk. Er ist Geschäftsführer von Pecon und bietet Unternehmen psychologische Dienste an. "Am besten ist es, ganz gezielt Kontakt zu einer Betriebssportgruppe oder einem Chor innerhalb des Unternehmens aufzunehmen", empfiehlt er, "oder man organisiert sich vor Ort. Das muss relativ schnell passieren, innerhalb des ersten halben Jahres." Insgesamt seien eher Singles in Gefahr, nach einem Umzug in soziale Isolation zu geraten.

Als Single kam auch Karnevalsfan Elke Tietz nach München. "Ich habe hier meinen Mann kennengelernt und habe mittlerweile zwei Kinder." Sie fühlt sich in der Stadt inzwischen heimisch, auch wenn ihr die rheinische Mentalität ab und an immer noch fehlt.

Außer natürlich wenn Brings spielen. Tietz trägt ein T-Shirt, auf dem das Logo ihres närrischen Vereins prangt: Kölner Dom und Münchner Frauenkirche, die mit Kölsch und Weißbier anstoßen. Auf einer großen roten Plane steht in weißer Schrift geschrieben: "Ob Kölle oder München, janz egal - drinke, bütze, danze, dat jeiht överall."

(*Name von der Redaktion geändert)

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Saskia Aleythe (Jahrgang 1986) arbeitet als Journalistin in München - nach einem Umzug von Hamburg.

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insgesamt 35 Beiträge
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1. Kein Umzug mehr für den Job
karaokefreak01 27.12.2012
Bin 2007 wegen meines Jobs von Berlin nach München gezogen, ahbe es aber schnell bereut und kaum dort ertragen. Zu altbacken, zu viele Scheuklappen unter den Münchnern, Sprachterrorismus miit "Grüß-Gott-Zwang" sonst wird man beim Bäcker nicht bedient, Kein Handynetz in der U-Bahn, Hohe offen getragene Feindlichkeit gegenüber Ostdeutschen (meine Frau ist in Ost Berlin aufgewachsen - darum hat mich das noch fuchsiger gemacht) und dazu null Subkultur. Münschen war sozusagen das gegenteil von berlin, Verschlossen und verklemmt dstatt offen und lebenslustig - ich habe es dort drei Monate ausgehalten, dann habe ich gekündigt und bin nach Berlin zurück.Ist ja schön, wenn sich in Münschen Leute wohl fühlen und sich an die Verklemmtheit dort gewöhnen können, aber für mich war das einfach nichts. Ich kam mir ständig vor wie in einer Glaskugel, die 1989 stehengeblieben ist. Aus diesem Grund würde ich mir einen weiteren Umzug für den Job gut überlegen. Hamburg und Köln kenn ich schon von besuchen und weiß, dass es da die Lebensqualität ähnlich hoch ist wie in Berlin, trotzdem würd ich es mir dreimal überlegen. Man gibt sein Umfeld, seine Freunde, sein "Netzwerk" komplett auf, nur um der Firma zur Verfügung zu stehen.. das sehe ich inzwischen als unzureichenden Grund, selbst bei hohem Lohn. Kein Arbeitgeber kann ersetzen, was einem dabei verloren geht.
2.
tausendwasser0815 27.12.2012
Zitat von karaokefreak01Zu altbacken, zu viele Scheuklappen unter den Münchnern, Sprachterrorismus miit "Grüß-Gott-Zwang" sonst wird man beim Bäcker nicht bedient, Kein Handynetz in der U-Bahn, Hohe offen getragene Feindlichkeit gegenüber Ostdeutschen (meine Frau ist in Ost Berlin aufgewachsen - darum hat mich das noch fuchsiger gemacht) und dazu null Subkultur.
Wohne jetzt seit drei Jahren in München, das einzige was nervt, sind die Ladenöffnungszeiten dort. Nach 20:00 Uhr werden die Bordsteine hochgeklappt. "Grüß-Gott-Zwang"? Unsinn! Auch mit nem "Moin" werde ich hier immer nett bedient. "Ostdeutschen-Feindlichkeit"? Äh da kommt wohl eher die eigene Paranoia gepaart mit geringem Selbstwertgefühl wieder durch... ^^ Und Subkulturen heißen aus einem ganz bestimmten Grund "Sub...", den Zugang findet man vielleicht nicht im ersten Monat. Alles (nicht mal) halb so schlimm...
3. ..........
Sasapi 27.12.2012
Vielleicht hängt es auch davon ab, ob man nur den Wohnort wechselt, aber in den Region bleibt- oder gleich quer durch die Republik verzieht. Die "Mentalitäten" sind da doch sehr unterschiedlich. Wir sind vor 15 Jahren wegen des neuen Jobs meines Mannes umgezogen- allerdings nur 250 Kilometer, vom norddeutschen Binnenland direkt an die Nordseeküste. Vorher pendelte mein Mann ein halbes Jahr täglich, aber zum einen begann der Arbeitgeber dann mit dem Drei-Schicht-System, und diese Zockelei ( die Autobahnanbindung ist hier eher schlecht) nach der Nachtschicht war mir nicht geheuer, irgendwie. Und der Tankwart hatte schon damals ein Dollarzeichen in den Augen, wenn mein Mann anrollte...damals konnte man an Tankstellen noch auf Rechnung tanken, unsere monatliche Benzinrechnung war...beeindruckend. Bereut hats keiner von uns- weder mein Mann oder ich, noch unsere Große, die damals gerade 6 Jahre alt war. Unsere beide Jüngsten sind schon hier geboren. Für mich wars am Anfang schwierig, ich bin ohnehin "Heimwehkind", war ich schon immer, und da ich mit Umzug auch in Mutterschutz ging, danach erstmal mit dann zwei und kurz danach drei Kindern zu Hause war, musste ich mir halt einen neuen Bekanntenkreis in Eigenregie aufbauen. Aber mittlerweile ist es so, daß keiner von uns mehr zurück wollte in unseren Heimatort.
4. Mir gehts umgekehrt...
immanuelkanns 27.12.2012
... bin 2007 für den Job von München nach Berlin gezogen, und habe es rasch bereut. Unsere Hauptstadt ist ein chaotischer, sozial verwahrloster, ichbezogener, pseudotoleranter, provinzieller, arbeits- und leistungsunwilliger Ort ohne Bürgersinn. Berlin ist der Fluchtort für alle die glauben sich mit ihrer hedonistisch-avantgardistischen Attitüde ein Leben auf Kosten der arbeitenden Mitmenschen, gern Spießer genannt, zu führen. Diese Stadt, die soviel sein könnte, steht kurz vor dem inneren Kollaps. Man hat den Eindruck, viele dort wirken genau darauf hin.
5. Verbindung
quadraginti 27.12.2012
Zitat von sysopWer für den Job umzieht, muss mit der neuen Stadt erst warm werden. Da drohen Einsamkeit und Enttäuschungen.
Rechtzeitig in eine Studenten- bzw. Studentinnenverbindung eintraten. In nahezu jeder größeren Stadt gibt's nen Ortszirkel. Sofort hat man das Entree in die gehobenen Kreise.
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