Protokolle: Jennifer Hertlein und Felix Scheidl
"Ich arbeite seit 14 Jahren als Kanalarbeiter, und die Arbeit stinkt mir überhaupt nicht. Ich meine das wörtlich: Wenn ein Kanal verstopft ist, erledigen meist Roboter die dreckige Arbeit für uns. Ich sitze dann im Kleinbus vor Monitoren und steuere Hochdruckdüsen oder Spiralen in den Rohren über Joysticks. Das Technikfahrzeug kostet fast eine halbe Million Euro.
Selbst steige ich nur noch etwa einmal in der Woche in einen Kanal, um ihn auf mögliche Schäden zu prüfen. An den meisten Arbeitstagen könnte ich einen weißen Anzug tragen - und niemand, der mich sieht, würde ahnen, dass ich Kanalarbeiter bin.
Meine Kunden sind glücklich, wenn ich ihnen das Abflussrohr wieder freimachen kann und ihr Keller nicht mehr in Abwasser schwimmt. Wir prüfen und reinigen auch Rohre und Kanäle und reparieren sie. Natürlich ist die Arbeit nicht immer appetitlich: Manchmal kommen mir auch Kot und gebrauchte Tampons entgegen.
Aber es ist eine sehr wichtige Aufgabe, denn wir schützen dadurch unser Grundwasser vor austretendem Abwasser aus der Kanalisation. So verhindern wir, dass Trinkwasser verunreinigt wird und sich Krankheitserreger verbreiten. Manchmal leeren wir auch Güllegruben von abgelegenen Häusern, die keinen Anschluss an die Kanalisation haben.
So lange Fäkalien in Ruhe in der Grube liegen oder sich nach einer Verstopfung in einem Rohr stauen, riechen sie übrigens überhaupt nicht. Erst wenn wir das Abwasser absaugen, kommt die Masse in Bewegung, wühlt sich um, gelangt an die Luft und kann Gestank abgeben. Wenn es bei einer Rohrreinigung stinkt, ist das daher ein gutes Zeichen: Es bedeutet, dass das Rohr frei ist und die Fäkalien wieder fließen. Wirklich gerochen habe ich das aber nur in den ersten Monaten.
Eigentlich ein sauberer Job
Zugegeben: Es ist schwer, Mitarbeiter zu finden. Viele haben Angst, dass sie nach der Arbeit stinken. Wer aber einmal in der Branche arbeitet, merkt, dass es nur sehr selten riecht und Kanalarbeiter ein sauberer Job ist. Wenn wir im Kanal arbeiten, steigen wir in Einmal-Anzüge. Und nach unserer Arbeit werden Arbeitswerkzeug und Arbeitsplatz desinfiziert. Das ist Pflicht, seitdem Seuchen wie die Schweinegrippe aufkamen.
Wer bei uns anfangen will, muss sportlich und schwindelfrei sein: Sportlich, weil wir oft mit schwerem Gerät arbeiten, das bis zu 40 Kilo wiegt. Schwindelfrei, weil wir in Kanäle steigen, die sieben oder auch mal 19 Meter tief in den Boden reichen. Ein Kollege steht immer mit einem Seil und Sicherungsgerät oben und hält uns fest - die Stufen in den Schächten sind oft glitschig oder durchgerostet.
Die Tiefe ist nicht die einzige Gefahr: Gase wie Methan oder Schwefel riechen nicht nur unangenehm, sondern sind auch lebensgefährlich, weil bei zu hohen Konzentrationen kein Sauerstoff mehr in der Luft ist. Und weil manche tödliche Gase geruchslos sind, haben wir bei jedem Einsatz im Kanal auch ein Gaswarngerät dabei.
Bis heute bin ich jedes Mal gesund und unverletzt wieder aus der Kanalisation gestiegen. Und der 19 Meter tiefe Brunnen fördert seit unserer Arbeit sogar wieder frisches Wasser. So groß die Faszination am Beruf auch sein mag: Ich freue mich jedes Mal, wenn ich aus der Kanalisation wieder an die frische Luft steige."
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