Von Pia-Luisa Lenz
Sie reden von einer "Bewegung", die sie ins Leben gerufen haben - nicht von einem Unternehmen. Martin Elwert und Moritz Waldstein-Wartenberg sitzen beim Mittagessen im Berliner Betahaus, wo sie ihr Büro haben, und holen noch eine Runde Dessert. Als die beiden sich bei der Unternehmensberatung Roland Berger kennenlernten, waren sie gerade Mitte zwanzig und reisten als Consultants durch die Welt, um Top-Unternehmen zu beraten - es hätte also kaum besser laufen können.
Moritz Waldstein-Wartenberg wusste lange Zeit nicht genau, wo sein Weg hingehen sollte. Nach dem Managementstudium in Paris, London und Berlin und vielen Praktika folgte eines bei Roland Berger in München; beim Jobangebot sagte er zu. Die Pluspunkte: "Man lernt sehr viel dazu, schafft ein riesiges Netzwerk und verdient überduchschnittlich gut."
Martin Elwert reizte an seinem Job vor allem die Zusammenarbeit mit vielen schlauen Köpfen. "Wenn jeder einzelne ständig überdurchschnittliche Ergebnisse erzielen will, trieb mich selbst das auch immer weiter an", erzählt er. Außerdem garantierte der Job schicke Sterne-Hotels, First-Class-Flüge, viel Anerkennung aus dem Umfeld.
"Wir wollten was Eigenes aufbauen"
Indes wurden mehr als fünf Stunden Schlaf selten - genau wie Zeit für Freunde, Hobbys oder mehr als eine Nacht im eigenen Bett. "Das eigene Leben ist irgendwann total eingeschränkt", sagt Moritz Waldstein-Wartenberg. Denn selbst an Wochenenden war er zu erschöpft, um das Privatleben zu genießen. Wenn er das erzählt, klingt es, als wäre dieses Leben ganz weit weg.
Zunächst schien die Karriere das auszugleichen. Dann kam das Stumpfe, die Ernüchterung, "du fragst dich, wofür du das eigentlich alles tust", so Martin Elwert. Berater werden Teil eines hochoptimierten Systems und lernen vom ersten Tag an, sich selbst zu optimieren. Dabei gilt die Regel "up or out": Entweder steigt der Berater kontinuierlich auf - oder er bleibt auf der Strecke.
"Die gesamte Branche lebt in einer Blase, weit weg von der Realität", sagt Elwert. Ihm fehlte ein echtes Ziel, die Substanz. Gemeinsam haben sie dann überlegt, was sie mit ihrem Leben eigentlich anfangen möchten. Waldstein-Wartenberg hatte bereits sein erstes soziales Projekt in Äthiopien begleitet, erfüllt vom Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. "Als Berater bist du immer nur für einen begrenzten Zeitraum in ein Unternehmen involviert und musst dich dann wieder mit großem Engagement auf etwas ganz Neues einlassen", erzählt er. "Wir wollten etwas Eigenes aufbauen, von Grund auf."
In Äthiopien lernten sie die ausgeprägte Kaffeekultur kennen. So entstand die Idee, Kaffee direkt vor Ort einzukaufen, in Deutschland zu rösten, zu verkaufen und dann einen Teil des Geldes nach Äthiopien zurückzuführen. Kurzerhand schmissen die beiden gemeinsam mit einem dritten Kollegen ihre Jobs und machten sich an einen Business Plan. "Die perfektionistische Arbeitsweise, die wir als Berater gelernt haben, hat uns sicher geholfen", sagt Martin Elwert.
Selbstbestimmte Arbeit
Nach zwei Monaten stand das Konzept für ihr Unternehmen Coffee Circle. Mit 100.000 Euro Startkapital konnten sie einen Kreislauf in Gang bringen. Sie reisten nach Äthiopien, verkosteten Kaffee, lernten die Bauern kennen und die Probleme der Menschen. Mit dem Kaffee im Gepäck ging es zurück nach Deutschland. In Hamburg wird er aufwendig geröstet, in Berlin verpackt und gelagert, dann über das Internet verkauft.
Ein Euro pro Kilo verkauften Kaffees gehen zurück nach Äthiopien in Hilfsprojekte, die die Firmengründer selbst betreuen, darunter der Bau eines Brunnens in der Partnerkooperative Ilketunjo. "Heute werden dadurch 2000 Menschen mit frischem Trinkwasser versorgt", erzählt Waldstein-Wartenberg.
Das System klingt einfach und effektiv. Echte marktökonomische Mechanismen sollen die Kaffeebauern und das Land langfristig nach vorn bringen. "Wir sehen uns als Pioniere eines neuen Handelsmodells", so Elwert. "Durch Qualität können uns die Bauern von ihrem Kaffee überzeugen, dann kommen wir wieder."
Inzwischen verkauft Coffee Circle 1,5 Tonnen Kaffee pro Monat, 1500 Euro fließen monatlich nach Äthiopien. Für langfristigen Erfolg brauchen die jungen Gründer Kunden, die mit gutem Gewissen Kaffee kaufen wollen. Martin Elwert und Moritz Waldstein-Wartenberg sind jetzt schon glücklich mit dem, was sie tun. "Wir arbeiten sicher nicht weniger, aber dafür selbstbestimmt."
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