Unternehmensberater-Aussteiger Ich schmeiß hin!
4. Teil: Kreide auf dem Businesskostüm: "Zahlen sind biegsam, meine Schüler nicht"
"Jede Schulstunde ist wie ein Meeting", sagt Laura Grünhagen. Da ist es selbstverständlich, dass sie immer perfekt vorbereitet ist. Ihre "Kunden" sind es oftmals nicht. Laura Grünhagen unterrichtet Mathematik an einer Hamburger Problemschule. Bei ihrer ersten Lehrerkonferenz ging es drunter und drüber. "So etwas würde es in der Wirtschaft nicht geben, oder?", fragten die neuen Kollegen. Die Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Welten seien größer, als man denkt, sagt Grünhagen.
Die studierte Wirtschaftsingenieurin hat mit Mitte zwanzig bereits große Energie- und Chemieunternehmen beraten; "im Prinzip ging es immer um Prozessoptimierung". Auch ihre eigene Leistung müssen die Berater immer weiter optimieren. Weniger schlafen, weniger Freunde, weniger Raum für freie Gedanken - man gewöhnt sich ja an vieles.
Bei Laura Grünhagen erreichte das den Punkt, an dem die Balance verloren ging. Ihr Leben lang habe sie ständig diszipliniert und zielstrebig gearbeitet. Als sie jede Herausforderung gemeistert, jede Anerkennung bekommen hatte, ging der Sinn hinter all der Schufterei verloren.
Angst vor dem Versagen
Berater können sehr konsequent sein. Also schmiss Grünhagen konsequent ihren Job hin. Eine neue Herausforderung entdeckte sie im Programm Teach First, bei dem junge Akademiker aller Fachrichtungen für zwei Jahre als Hilfskräfte an Problemschulen eingesetzt werden.
Nach einigen Vorbereitungsseminaren unterrichtete Laura Grünhagen vor einem Jahr zum ersten Mal eine Klasse im Hamburger Norden, "ganz schön aufgeregt". Im Beraterjob lerne man zwar, die eigenen Gefühle zu kontrollieren. "Doch vor einer Schulklasse stehe ich als Mensch", so Grünhagen - anders als bei Business-Meetings. Auch ihre Versagensangst sei größer, weil ihre Arbeit eine riesige Bedeutung für jeden einzelnen Schüler habe. "Zahlen sind biegsam, meine Schüler nicht", sagt Grünhagen.
Letztes "Meeting" vor den Ferien: Dienstagnachmittag, Mathe-Nachhilfe für die dritte und vierte Klasse. Laura Grünhagen hat ein Kartenspiel gebastelt. Damit üben die Kinder das Einmaleins und bekommen nach der Stunde einen Stempel in ihrem Mathepass. Die Schüler verlassen sich auf sie, das treibt Laura Grünhagen zu Hochleistung an.
- KarriereSPIEGEL-Autorin Pia-Luisa Lenz (Jahrgang 1986) ist freie Journalistin in Hamburg.
Michael Wagenhäuser
- 1. Teil: Ich schmeiß hin!
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- 4. Teil: Kreide auf dem Businesskostüm: "Zahlen sind biegsam, meine Schüler nicht"
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