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Heimlicher Feierabend Jeder dritte Berater täuscht den Workaholic nur vor

Nachts allein im Büro (Symbolbild): Gibt's da wirklich was zu tun? Zur Großansicht
Corbis

Nachts allein im Büro (Symbolbild): Gibt's da wirklich was zu tun?

Morgens der Erste, abends der Letzte im Büro - das imponiert dem Chef. Aber manchmal ist demonstrativer Fleiß nur Fake, wie ein Beispiel aus den USA zeigt: In einer Firma schleicht jeder dritte Berater heimlich nach Hause.

Man stelle sich eine dieser Beratungsfirmen vor, global agierend, knallhart, schnell. Die Berater sind immer erreichbar, viel auf Reisen, vor 23 Uhr geht kaum jemand nach Hause oder ins Hotel. Die Woche hat 80 Stunden. Alle wissen das. Halten sich daran. Und bekommen entsprechend gute Bewertungen von ihren Vorgesetzten.

Doch jetzt enthüllte eine Juniorprofessorin der Boston University ein schmutziges Geheimnis: In einer großen internationalen Beratungsfirma arbeiten von 115 Beratern gut ein Viertel gar nicht rund um die Uhr - sondern tun nur so. Und werden von den Vorgesetzten trotzdem mit Lob und Geld bedacht.

Die Unternehmensberatung, die sich Erin Reid für ihre Studie ausgesucht hatte, ist lediglich eine von Tausenden weltweit. Die Forscherin hat auch nicht mit allen Mitarbeitern gesprochen, sondern nur mit 115. Ihre Ergebnisse sind trotzdem interessant. Denn die Beratung, in der Reid forschte und sich die Personalakten zeigen ließ, ist bekannt für ihre hohe Arbeitsbelastung; eine permanente Verfügbarkeit der Berater für den Kunden wird vorausgesetzt.

Frauen schummeln schlechter

Die Ergebnisse ihrer Studie veröffentlichte Reid in der Wissenschaftszeitschrift Organization Science. Die Forscherin konnte drei Gruppen von Consultants identifizieren:

  • Die meisten der Angestellten spielten mit, arbeiteten lang, waren immer erreichbar - und bekamen entsprechend gute Bewertungen ihrer Vorgesetzten.
  • Andere wehrten sich gegen die vollumfängliche Vereinnahmung, bestanden auf flexibleren Arbeitszeiten oder weniger Reisen - und wurden vom Chef abgestraft.
  • Am geschicktesten stellte sich die dritte Gruppe an, immerhin 31 Prozent der männlichen Manager und elf Prozent der Frauen: Sie taten lediglich beschäftigt.

Diese Angestellten suchten sich Kunden in der Nähe, um weniger reisen zu müssen. Wenn sie früher nach Hause gingen, um Zeit mit der Familie zu verbringen, verloren sie keine großen Worte.

Im Urlaub machten sie früh morgens und abends einige Anrufe und blieben mit dem Firmennetz verbunden. Ein Team junger Eltern sprach sich sogar ab, einander zu decken, sodass alle weniger Zeit im Büro verbringen müssen.

Ein junger Berater sagte, er arbeite gezielt mit einem Kunden in der Nähe: "Ich bin dort um 17 Uhr fertig, bin um 17.30 Uhr zu Hause und habe noch Zeit für ein gemeinsames Abendessen und Spielzeit mit meiner Tochter." Auch am Wochenende versuche er, nicht mehr als zwei Stunden zu arbeiten. Trotzdem sei er sich der Anforderungen bewusst, die die Kunden an ihn stellen, und übererfülle sie. Von seinem Chef bekam er eine gute Bewertung - und wurde befördert.

Diskretes Wegducken

Spannend wird es beim Blick auf die Arbeitsweisen der weiblichen Kollegen: Sie machten ihr Fehlen transparent, indem sie öfter offiziell eine geregeltere oder verringerte Arbeitszeit einforderten. Und bekamen wesentlich häufiger schlechte Bewertungen - auch wenn sie nicht weniger oder schlechter arbeiteten als die Kollegen, die sich ihr bisschen mehr an Freiheit diskret erschlichen.

Natürlich ist die Untersuchung keineswegs repräsentativ, aber sie zeigt deutlich, dass ein Arbeitnehmer stärker an Präsenz und Verfügbarkeit gemessen wird als an seiner objektiven Leistung. Und dass das Bild des idealen Arbeitnehmers immer noch das des dauerverfügbaren 80-Stunden-Workaholics ist.

Männer scheinen dies verstanden zu haben und zu wissen, wie sie geschäftig wirken, ohne es zu sein. So schaffen sie es besser als Frauen, sich diskret wegzuducken oder unter dem Radar der Vorgesetzten durchzufliegen.


Womit wir unseren Job vertrödeln: Die fünf beliebtesten Tätigkeiten am Arbeitsplatz - außer Arbeit

Platz 1: Die Flucht auf Facebook
DPA

"Gefällt mir": Viele Arbeitnehmer verfolgen auch während der Arbeitszeit Facebook und Co.

Freizeitbeschäftigung Nummer eins während der Arbeitszeit ist nach Angaben des schwedischen Experten Paulsen die private Nutzung des Internets: sei es, um E-Mails zu schreiben, um soziale Medien wie Facebook oder Twitter zu nutzen oder um Nachrichtenseiten zu checken.

Dazu passen einige Statistiken: Etwa 70 Prozent des Traffics auf pornografischen Webseiten entfallen in den USA auf die Arbeitszeit. 60 Prozent aller Online-Einkäufe werden in den Vereinigten Staaten zwischen 9 Uhr morgens und 5 Uhr nachmittags getätigt.

Platz 2: Immer mit der Ruhe
Corbis

Zeit zum Ausspannen: Viele Menschen legen während der Arbeitszeit die eine oder andere Pause extra ein

Füße hoch, zurücklehnen oder schlicht dösen: Viele Menschen schalten im Job zwischendurch einfach mal ab und tun gar nichts, so Paulsen. Gefragt nach den Gründen für die Neigung, die Arbeitszeit in besonders starkem Maße für Dinge zu nutzen, die nichts mit der Arbeit zu tun haben, antwortet der Fachmann: Der Hauptgrund sei es, dass Menschen ihre Arbeit oder zumindest Teile davon sinnlos fänden.

Einige der Personen, die Paulsen für sein Buch "Empty Labor" interviewt hat, äußerten zudem konkrete Frustration über ihren Arbeitgeber oder über einzelne Führungskräfte. Selbst politische Motive bekam Paulsen zu hören: Es sei doch nur recht und billig, sich vom Arbeitgeber ein wenig von der Zeit zurückzuholen, die dieser einem tagtäglich gegen Geld abnehme.

Platz 3: Die Methode Flurfunk
Corbis

Hast du das von Dings gehört? Der Plausch am Arbeitsplatz ist beliebt

Ebenfalls populär: Die ausgiebige Plauderei unter Kollegen. Dies ist allerdings eine Arbeitsvermeidung mit besonderem Schwierigkeitsgrad, denn wer sich viel mit anderen unterhält, kann kaum erwarten, dass das niemandem auffällt.

Indes: Arbeitsvermeidung ist ohnehin nur ein Grund für Leerlauf im Job. Ein anderer ist das schlichte Fehlen von Beschäftigung. Vor allem in großen Konzernen oder Organisationen kann es vorkommen, dass durch allmähliche Veränderungen Aufgaben umverteilt werden oder vollständig entfallen. Die große Überraschung bei seinen Untersuchungen war, so Paulsen, wie viele Menschen es gibt, die ihre Arbeitszeit irgendwie füllen müssen, weil sie vom Arbeitgeber keine Aufgaben bekommen.

Platz 4: Wer schläft, sündigt (nicht)
Corbis

Schlaf, Kollege, schlaf: Wer ein anstrengendes Privatleben hat, muss sich seine Erholung eben im Büro holen

Wenn alle Beschäftigungen ausgehen, hilft manchmal nur noch eins: eine Mütze Schlaf. Paulsen hat durchaus Leute getroffen, die mehr oder weniger regelmäßig während der Arbeitszeit schlafen, sagt er.

Auf die Frage, ob es nicht einen bestimmten Grad gebe, bis zu dem das Ausfüllen von Arbeitszeit mit privaten Dingen nicht nur legitim, sondern sogar unvermeidlich sei, antwortet Paulsen ein wenig geheimnisvoll: "Ich glaube, Zeit, und die Tatsache, dass die meisten von uns dafür bezahlt werden, ihre Zeit zu verkaufen, mystifiziert die Arbeit sehr stark und macht ihre eigentliche Substanz zweitrangig."

Platz 5: Heimliche Künstler und Karrieristen
Corbis

Farbenfroh: Die Möglichkeiten, die Arbeitszeit mit sinnvollen Tätigkeiten auszufüllen, sind gigantisch - nur der Arbeitgeber darf oft nichts davon erfahren

Die arbeitsfreie Zeit bei der Arbeit wird nicht selten auch mit kreativen Tätigkeiten ausgefüllt, sagt Soziologe Paulsen. Also: Romane schreiben, Gedichte verfassen, Bilder zeichnen, bloggen.

In einem Artikel im US-Magazin "The Atlantic" schilderte Paulsen jüngst beispielsweise den Fall eines Fahrkartenschaffners, der nebenbei Musik komponierte. Ebenso gefällt ihm der Archivar, der während seiner Arbeitszeit an seiner Magisterarbeit schrieb.

Paulsen erzählt zudem von einem Skandal, der sich vor einem Jahr in Schweden zugetragen hat. Bei einer großen Minengesellschaft kam heraus, dass eine Gruppe von 20 Mitarbeitern das Unternehmen über mehrere Jahre lang beschummelt hatte. Die Kollegen hatten sich so organisiert, dass immer nur ein oder zwei von ihnen zur Arbeit gingen und für alle anderen die Stechuhr gleich mit betätigten.

Das merkwürdige daran: Der Betrug kam erst heraus, als jemand zwei verschiedene Erfassungsysteme verglich und feststellte, dass die Daten nicht übereinstimmten. Dass dem Unternehmen jahrelang die Arbeitsleistung von beinahe 20 bezahlten Kräften fehlte, war dagegen niemandem aufgefallen.

  • Helene Endres ist Redakteurin beim manager magazin.

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insgesamt 68 Beiträge
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1. Seltsam
Bueckstueck 22.06.2015
Eine Firma gibt einer Aussenstehenden Einblick in die streng vertraulichen Personalakten? Riecht nach Sammelklage! Mitarbeiter einer bestimmten Firma brechen aus der Sklaventreiberei aus, indem sie sich Freizeit "erschleichen" und sich zuweilen gegenseitig dabei decken? Riecht nach Arbeit für Privatermittler die den Mitarbeitern hinterherschnüffeln! Wie blöde kann man eigentlich sein in Corporate America?
2. Alles richtig!
polarwolf14 22.06.2015
So muss es sein! Die Kunst ist es, es si aussehen zu lassen, als würde man viel arbeiten, aber in Wirklichkeit fast nichts tun, delegieren und das größtmoglichste Geld verdienen. Vorm Chef stets lächeln und seine Pläne heimlich einsehen, um anderen Kollegen bei der Karriereleiter vorzugreifen, das ist meine Welt. Und wenn die Abteilung gegen die Wand fährt, mittels Anwalt eine hohe Abfindung kassieren und die Firma per Xing Fake-Lebenslauf mittels Headhunter wechseln, Colgatelächeln und wieder Minimalprinzip ;) Die Wirtschaft bekommt das, was sie verdient.
3. Das ist doch in Deutschland nicht anders...
trader_07 22.06.2015
Das ist doch in Deutschland vielfach nicht anders. Da hängen die Leute zwar offiziell acht Stunden an ihrem Arbeitsplatz, wovon aber vier Stunden damit verbracht werden, die ewig gleichen Jammer-, Neid- und Frustkommentare bei SPON loszuwerden. Und dann wundern, warum über Jahre beim Gehalt nichts voran geht :-)
4.
lupidus 22.06.2015
Zitat von polarwolf14So muss es sein! Die Kunst ist es, es si aussehen zu lassen, als würde man viel arbeiten, aber in Wirklichkeit fast nichts tun, delegieren und das größtmoglichste Geld verdienen. Vorm Chef stets lächeln und seine Pläne heimlich einsehen, um anderen Kollegen bei der Karriereleiter vorzugreifen, das ist meine Welt. Und wenn die Abteilung gegen die Wand fährt, mittels Anwalt eine hohe Abfindung kassieren und die Firma per Xing Fake-Lebenslauf mittels Headhunter wechseln, Colgatelächeln und wieder Minimalprinzip ;) Die Wirtschaft bekommt das, was sie verdient.
nein, sie bekommt was sie offenbar möchte. wäre man an wirklich guter arbeit und messbaren ergebnissen interessiert, würde man entsprechend handeln. tut aber keiner. also schön weiter lächeln...
5. schmutziges Geheimnis
Talan068 22.06.2015
Schmutzig ist doch eher das Die Woche hat 80 Stunden. ... Und bekommen entsprechend gute Bewertungen von ihren Vorgesetzten. Wer soll so leben, der über 25 Jahre ist und keinen Vollschuß hat? Zumal es doch offensichtlich mehr drum geht, den Schein des Workaholic zu wahren, als wirklich Leistung abzuliefern. Und wenn man schon Männlein mit Weiblein vergleichen muß, dann ist es doch schön zu wissen, das sich zwar fast 70% der Männer ausnutzen lasen, aber 90% der Frauen.
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